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Wirtschaft

Hohe Strafe für Oliver Schmidt

Die tragischste Figur im VW-Skandal

Oliver Schmidt war nur im mittleren Management bei VW, dennoch bekommt er nun die schärfste Konsequenz für den Dieselbetrug des Konzerns zu spüren. Das Urteil der US-Justiz ist ein Exempel maximaler Härte.

Volkswagen

Oliver Schmidt (Archivbild)

Von
Donnerstag, 07.12.2017   16:09 Uhr

Stolz und Selbstbewusstsein trug Oliver Schmidt gern zur Schau, zeigte sich bei Auftritten mit Volkswagen-Emblem auf seinen Shirts. Dem VW-Manager ist davon nichts geblieben. Der leere Blick, die geröteten Augen, hängende Mundwinkel - sein Fahndungsfoto hat Schmidt zum Gesicht des VW-Dieselskandals gemacht. Ihn selbst hat es öffentlich vernichtet.

Monatelange Haft, dem zuständigen Richter Sean Cox vorgeführt in roter Häftlingskleidung und mit Fußfesseln, das ist jetzt Schmidts Realität. Verschüchtert wirkt der 48-Jährige, seit er im Januar dieses Jahres von FBI-Ermittlern festgenommen wurde - auf der Toilette des Flughafens in Miami, kurz vor dem Rückflug aus dem Urlaub nach Hause, nach Deutschland. Nun wird es Jahre dauern, bis er dort ankommt.

Denn Cox wird seinem Ruf als Richter Gnadenlos gerecht undverhängt die Höchststrafe gegen den langjährigen Volkswagen-Mitarbeiter: Sieben Jahre Gefängnis, dazu kommt eine Geldstrafe über 400.000 Dollar. Cox spricht von einem "sehr ernsten und beunruhigenden Verbrechen", und schöpft den Rahmen, den das Strafrecht ihm lässt, in vollem Umfang aus. Der Albtraum, in dem sich Schmidt seit Anfang des Jahres befindet, geht weiter. Während Cox sein Urteil begründet, stehen dem Manager die Tränen in den Augen."

"Ja, ich bin schuldig"

"Die letzten elf Monate hinter Gittern in den Vereinigten Staaten waren die schwierigste Zeit in meinem Leben", hatte der Angeklagte dem Richter zuvor noch erklärt. Dass er nicht auf eine milde Strafe hoffen konnte, muss ihm klar gewesen sein.

Doch wie konnte es so weit kommen? Die US-Justiz hatte bereits ermittelt, weil VWs Manipulationen bei Diesel-Abgaswerten aufgeflogen waren - und trotzdem reiste Schmidt in die USA, direkt in die Arme der Ermittler. Dabei hätte er gewarnt sein müssen: Er hatte den Betrug vertuscht, der VW allein in den USA bislang mehr als 23 Milliarden Dollar Schadensersatz gekostet hat. Schmidt verantwortete jahrelang den Kontakt des Autokonzerns mit den US-Behörden als Chef der US-Abteilung für Technologie und Umwelt des Wolfsburger Unternehmens. Er log die zuständige Umweltbehörde an, als es um die Dieselabgase ging.

Schmidt hatte laut Insidern vor seinem Urlaub FBI-Ermittlern gegenüber ausgesagt. Es schien ihm wohl, als sei er nicht mehr angreifbar. Das war ein Fehler.

Als Mitwisser und eine der Schlüsselfiguren im Abgasskandal hat die US-Justiz ihn wie auch mehrere andere VW-Manager angeklagt. Motorenentwickler sind das, Leute aus VWs mittlerem Management und der einstige Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer als einzige etwas gewichtigere Figur. Am ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn und Ex-Finanzvorstand und heutigem Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch gehen die Vorwürfe bislang vorbei. Schmidt dürfte damit die tragischste Figur in dem Abgasskandal von VW sein.

Monatelang hielt der Mann aus dem niedersächsischen Stadthagen dicht, trotz seiner Gefangenschaft, obwohl ihm elf Anklagepunkte und mit ihnen eine Haftstrafe von theoretisch bis zu 169 Jahren drohten. Im August war Schmidt weichgekocht: "Ja, Euer Ehren", sagte er dem Richter in Detroit, "ich bin schuldig." Aktiver Teil einer Verschwörung zum Betrug, Verstoß gegen US-Umweltgesetze wurden ihm zur Last gelegt - und seit seinem Geständnis immerhin neun Anklagepunkte fallengelassen.

Aussagen gegen führende VW-Manager

Seither ist es nochmal ungemütlicher geworden für Volkswagen. Denn der Manager gab auch sein Wissen preis. Er fühle sich von seiner eigenen Firma im Dieselskandal missbraucht, ließ er seinen Richter wissen. Es sei nicht so gewesen, wie VW es nach dem Auffliegen des Skandals im Spätsommer 2016 dargestellt habe, dass nur wenige Ingenieure an den Manipulationen und deren Vertuschung beteiligt gewesen seien. Seit Jahren hätten Vorgesetzte davon gewusst.

2014 soll Schmidt Kollegen gegenüber bereits per E-Mail mit Blick auf die Manipulationen der Stickoxidwerte der VW-Diesel mitgeteilt haben: "Es soll erst mal entschieden werden, ob wir ehrlich werden." Im Jahr drauf habe der Manager in Wolfsburg vorgerechnet, was ein Auffliegen des Betrugs den Konzern kosten könnte - etwa 23 Milliarden Dollar, so viel wie es VW letztlich kostete. Er habe vor den schweren finanziellen Folgen gewarnt, gestand Schmidt vor Gericht.

Zudem hatten er und seine Kollegen laut der Anklage bei einem Treffen in Wolfsburg am 27. Juli 2015 die Betrugssoftware offengelegt und ihren Zweck erklärt: die Abgasreinigung im Labor hochzufahren, aber im Realbetrieb auf der Straße dagegen nicht. Das bringt auch Ex-Chef Winterkorn in Erklärungsnot. Denn er soll bei dem Treffen mit unterrichtet worden sein. VW entgegnet, der Inhalt der Gespräche sei nicht mehr rekonstruierbar. Nun steht Aussage gegen Aussage.

Liebe zu Amerika und Autos

Ob die wahren Geschehnisse ans Licht kommen oder nicht, Schmidts Bilderbuch-Karriere ist passé. Der Mann, der sich schon in jungen Jahren einen VW-Käfer kaufte und als Maschinenbauer bei dem Konzern mit Eifer und Autoliebe hocharbeitete, hatte es 2012 mit dem Job des US-Chefs für das Engineering and Environmental Office von VW zum Traumjob geschafft. Er liebte Amerika über alles, reiste mit seiner Ehefrau oft dorthin und er liebte Autos. All das brachte ihn letztlich direkt ins Zentrum des Orkans, der seit dem Auffliegen der Dieselkrise um den Autokonzern aus Wolfsburg tobt.

Als Häftling hinter US-Gittern bleibt ihm jetzt nur die Hoffnung, nach Deutschland überstellt zu werden. Bei guter Führung könnte er hier früher entlassen werden als in den USA. Amerikanischen Boden darf er danach jedoch wohl nie mehr betreten.

insgesamt 126 Beiträge
tomkey 07.12.2017
1. Und Deutschland?
Wie weit ist die Strafverfolgung in deutschland voran gekommen? Wann stehen da die ersten Urteile an?
Wie weit ist die Strafverfolgung in deutschland voran gekommen? Wann stehen da die ersten Urteile an?
mactruth81 07.12.2017
2. Andersherum
Man stelle sich vor, man würde, wegen ihrer Steuerpraktiken in der EU, gegen ein US - Großkonzern, ähnlich vorgehen... Schon klar, Träumerei. Aber so sieht westliche Gerechtigkeit aus.
Man stelle sich vor, man würde, wegen ihrer Steuerpraktiken in der EU, gegen ein US - Großkonzern, ähnlich vorgehen... Schon klar, Träumerei. Aber so sieht westliche Gerechtigkeit aus.
Ein_denkender_Querulant 07.12.2017
3. Verantwortlich ist Verantwortlich
Er wusste bescheid und log Behörden bewusst an. Da reicht es nicht, die Verantwortung auf den Konzern zu schieben. Er hat die gefälschten Unterlagen unterschieben. Ich würde Herrn Winterkorn aber raten, nicht in den USA [...]
Er wusste bescheid und log Behörden bewusst an. Da reicht es nicht, die Verantwortung auf den Konzern zu schieben. Er hat die gefälschten Unterlagen unterschieben. Ich würde Herrn Winterkorn aber raten, nicht in den USA Urlaub zu machen.
kuac 07.12.2017
4.
Bauernopfer. Die wahren Schuldigen sitzen in Wolfsburg.
Bauernopfer. Die wahren Schuldigen sitzen in Wolfsburg.
Joe Amberg 07.12.2017
5. Quatsch
Er hat eine angemessene Strafe erhalten. Die vollständige Straflosigkeit in DE ist der absolute Skandal.
Er hat eine angemessene Strafe erhalten. Die vollständige Straflosigkeit in DE ist der absolute Skandal.
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