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Wirtschaft

Neuer VW-Chef Diess

"Besser ein Verband von Schiffen als ein Panzerkreuzer"

Herbert Diess ist neuer Konzernchef bei Volkswagen. Als Nachfolger von Matthias Müller steht er vor großen Herausforderungen. In den ersten Stunden zeigt er bereits, was von ihm zu erwarten sein wird.

Foto: REUTERS
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Freitag, 13.04.2018   16:57 Uhr

Die Lage bei Volkswagen Chart zeigen erinnert an eine Scheidung. Der frühere Ehemann hat die Kinder mit großgezogen, öffentlich über ihn herziehen mag man nicht. Der überraschend geschasste Vorstandschef Matthias Müller soll sogar weiter den mütterlichen Konzern beraten.

Dementsprechend mühen sich Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und der österreichische Manager Herbert Diess, der Müller abgelöst hat, keine Kritik am Ex-Chef herauszulassen. "Es geht um Weiterentwicklung und um keine Revolution", sagt der 59-jährige Diess am Freitag bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als neuer Konzernchef.

VW arbeitet derzeit am bislang größten Umbau seiner Geschichte. Eingeführt werden sollen die einzelnen Markengruppen "Volumen" (mit VW, Skoda und Seat), "Premium" (Audi) und "Super Premium" (Porsche, Bentley, Bugatti sowie perspektivisch auch Lamborghini). Für die Nutzfahrzeugeinheit Truck & Bus sollen zudem die Voraussetzungen eines Börsengangs geschaffen werden, der nach SPIEGEL-Informationen bis zu sieben Milliarden Euro in die Konzernkasse spülen soll.

Pötsch über Müller: "Kulturwandel eingeleitet"

Trotzdem sagt der bisherige Marken- und neue Konzernchef Diess, der künftig auch das Massengeschäft "Volumen" in Personalunion mitverantwortet, mit Blick auf den von Müller begonnenen Strukturwandel: "Es gibt keinen Grund, am eingeschlagenen Kurs zu zweifeln."

Nur: Wenn aber alles beim Alten bleiben soll und sich Müllers Bilanz sehen lassen kann - warum musste er dann gehen?

Zu den Gründen schweigen Diess und Pötsch wortreich. Pötsch liest bei der Vorstellung des Neuen langsam vom Blatt ab, so als ob er Angst habe, etwas Falsches zu sagen. Er lobt Müller überschwänglich. "Er hat den notwendigen Kulturwandel in die Wege geleitet", außerdem stehe VW wirtschaftlich so gut da wie nie, sagt Pötsch.

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Neuer Chef, neuer Vorstand: Diese Manager führen Volkswagen

"Nur der, der nichts tut, macht keine Fehler", sagt Pötsch weiter. Man habe lediglich ein Team gewollt, das noch da ist, wenn die Folgen der Änderungen zu spüren sind. Allerdings: Auch Müller soll noch Jahre bei VW bleiben - und dürfte dafür viel Geld kassieren. Seine künftige Rolle: unklar.

Diess will Dezentralisierung vorantreiben

Mit Dieselkrise, Vertrauensverlust, der Digitalisierung des Autos sowie der anstehenden Elektrowende steht Volkswagen vor großen Herausforderungen. Es gehe darum, die Transformation zu beschleunigen, sagt Pötsch. Auch in der Führung habe es eine "Weiterentwicklung" geben müssen. Zwischen den Zeilen lässt sich herauslesen, dass dem Aufsichtsrat der von Müller angestoßene Wandel beim weltgrößten Autokonzern mit mehr als 600.000 Beschäftigten nicht schnell genug gegangen ist.

Jetzt also die Radikalkur. "Besser ein Verband von Schiffen als ein Panzerkreuzer", sagt Diess zur Neustruktur der Marken. Digitalisierung soll Querschnittsaufgabe sein. Die Bereiche Produktion, Entwicklung und Vertrieb der einzelnen Gruppen sollen neu sortiert werden. VW will damit viel Geld einsparen.

Zu den wichtigsten weiteren Änderungen im VW-Konzern zählen:

Aber gelingt es Diess, VW schnell genug zu modernisieren? Kontroverse Debatten scheut er - wie sein Vorgänger - nicht. Während Müller seine teils harsch wirkenden Äußerungen als Schwäche ausgelegt wurden, werden die Aussagen von Topmanager Diess bislang als Beleg für sein Selbstbewusstsein gewertet. Diess konnte zuletzt sogar unwidersprochen in der ARD-Sendung "Anne Will" sagen: "Unsere Diesel sind die besten der Welt."

Dass sich Diess Kritik stellt, spricht erst mal für ihn. Als Vorstandschef dürfte die Angriffsfläche aber größer werden. Der Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter forderte bereits: "Er muss endlich die Dieselaffäre aufklären und reinen Tisch machen."

Wie sehr dieser Prozess noch stockt, belegt eine Szene, die das "Handelsblatt" schildert. Demnach ließ Aufsichtsratschef Pötsch diese Woche alle in einem Sitzungssaal versammelten Vorstände jeweils einzeln zum Rapport mit sich und Diess antanzen. In dem Nebenraum erfuhren die Betroffenen, ob sie künftig noch eingeplant werden oder nicht. Danach durften sie zurück und mussten den nächsten reinschicken.

Das erinnert eher an Konzernführung alter Schule - ein wirklich offener Umgang mit dem Abgasskandal oder eine Aufarbeitung der Abgastests an Affen scheinen angesichts dessen in weiter Ferne.

Mit Material der Agenturen dpa und Reuters

insgesamt 15 Beiträge
Referendumm 13.04.2018
1. Rumgeeiere
Das Rumgeeiere á la Ex-Chef Müller muss endlich aufhören, genauso wie die arrogante Art nach dem Motto: Nichts und niemand kann uns was. Ich persönlich messe einen Erfolg von Herbert Diess auch an die Lösung des [...]
Das Rumgeeiere á la Ex-Chef Müller muss endlich aufhören, genauso wie die arrogante Art nach dem Motto: Nichts und niemand kann uns was. Ich persönlich messe einen Erfolg von Herbert Diess auch an die Lösung des VW-Abgasbetruges. Sollte er - und davon gehe ich leider aus - genausowenig kompromissbereit sein wie Ex-Chef Müller, dann hat er schon versagt. Er sollte mal über den riesigen VW-Schatten springen und eine Lösung im Sinne seiner eigenen Kundschaft finden. Und wenns Geld kostet, heh, die haben doch bereits in 2017 mehr Milliarden verdient als ne Hardware-Umrüstung für alle VW-Geschädigten jemals kosten wird. Seine Aussage bei Anne Will "Unsere Diesel sind die besten der Welt." - ist geschenkt. Was soll er sonst sagen? Inzwischen hat VW ja sogar Modelle im Programm, die die scharfen EU-Grenzwerte gut erfüllen. Heikel sehe ich das Problem der Akku-Zellenfertigung in Deutschland. Herbert Diess will das ja durchsetzen. Ich halte das eher für Kokolores. Aber VW kann sich den Quatsch ja leisten, also: Glück auf! Im Erzgebirge kann man ja schon mal weiterbuddeln; am besten gleich die kanadische Bacanora Minerals übernehmen, die dort 50 % der Anteile hält – den Rest hält die Bonner Pleitefirma Solarworld. Im Erzgebirge (unter der Ortschaft Zinnwald plus die tschechische Seite) liegen immerhin Europas größten Lithium-Vorkommen. Auch wenn der Abbau aus Festgestein mit etwa 4.000 Dollar pro Tonne doppelt so teuer ist wie die Gewinnung von Lithiumcarbonat aus Lithium-haltigem Wasser aus den Salaren in Südamerika. VW kann sich den Spaß locker leisten. Ach ja, noch ein Tipp an Herbert Diess: Schmeißt endlich den Rupert Stadler raus. Audi ist bekanntlich die Mutter des Abgasbetruges und Audi-Chef-Stadler ist / war zu 100 % darin involviert. Lässt sich alles nachweisen!
femdoc 13.04.2018
2. VW Schlagengrube
VW ist und bleibt eine Schlangengrube, auch ohne Piech. Ob sich der Konzern zu einer "agileren" und modern-offenen Organisation wandeln kann bleibt abzuwarten und ist höchst fragwürdig. Im Prinzip muss die Politik [...]
VW ist und bleibt eine Schlangengrube, auch ohne Piech. Ob sich der Konzern zu einer "agileren" und modern-offenen Organisation wandeln kann bleibt abzuwarten und ist höchst fragwürdig. Im Prinzip muss die Politik raus, damit eine echte Erneuerung stattfinden kann, sonst bleibt VW eine großangelegte ABM unter Gnaden der Familien Porsche-Piech.
SigismundRuestig 13.04.2018
3. Zurück ins letzte Jahrtausend!?
Besser schnelle, wendige Schnellboote als ein langsames, träges Frachtschiff. Solche oder ähnliche Strategiebeschreibungen waren in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts - oder sollte ich besser sagen des letzten Jahrtausends [...]
Besser schnelle, wendige Schnellboote als ein langsames, träges Frachtschiff. Solche oder ähnliche Strategiebeschreibungen waren in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts - oder sollte ich besser sagen des letzten Jahrtausends - bei Großunternehmen üblich.
Marhaus 13.04.2018
4. Viele kleine Einheiten werden an die Börse gebracht. Wie bei Siemens.
"Er lobt Müller überschwänglich. "Er hat den notwendigen Kulturwandel in die Wege geleitet", außerdem stehe VW wirtschaftlich so gut da wie nie, sagt Pötsch. " Also soll VW filetiert werden Müller hat [...]
"Er lobt Müller überschwänglich. "Er hat den notwendigen Kulturwandel in die Wege geleitet", außerdem stehe VW wirtschaftlich so gut da wie nie, sagt Pötsch. " Also soll VW filetiert werden Müller hat sich dem widersetzt. Schade, aus dem Technikkonzern wird eine Spekulantenbude.
RalfBukowski 13.04.2018
5. Solange VW sich nur weiterhin...
...in Selbstbeweihräucherung übt, ist der Konzern für uns als Fuhrparkbetreiber weiterhin ein NoGo. Keine Audis, keine VWs oder Skodas. Sorry. Mal abgesehen von den eher dürftigen Konditionen. Nehme ich doch lieber BMW und [...]
...in Selbstbeweihräucherung übt, ist der Konzern für uns als Fuhrparkbetreiber weiterhin ein NoGo. Keine Audis, keine VWs oder Skodas. Sorry. Mal abgesehen von den eher dürftigen Konditionen. Nehme ich doch lieber BMW und Ford. Da passt das.

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