Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Tierversuche bei Volkswagen

Wie Forscher jahrelang halfen, den Diesel-Betrug zu vertuschen

Der von der Autoindustrie getragene Lobbyverein EUGT verharmloste offenbar jahrelang die Gefahren durch Dieselabgase. Sogar die Weltgesundheitsorganisation sollte von einer kritischen Studie abgehalten werden.

DPA

Schmutziges Papiertuch vor einem Diesel-Auspuff

Von manager-magazin.de-Redakteur
Montag, 29.01.2018   20:48 Uhr

Der Name der Gruppe klingt so harmlos: "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor", kurz EUGT. Doch der vom Volkswagen-Konzern mitgetragene Verein hat in den USA Abgasversuche an Affen in Auftrag gegeben - wohl mit tatkräftiger Beteiligung von VW. Dieses ethisch fragwürdige Vorgehen löste heftige Kritik aus: Politiker bezeichnen die Versuche als "absurd", "abscheulich" und "widerlich", VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch nennt die Vorgänge in keiner Weise nachvollziehbar" - und will die Verantwortlichen dafür "selbstverständlich zur Rechenschaft ziehen".

Die Lobby-Organisation EUGT wurde 2007 von Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch gegründet. Im Sommer 2017 wurde sie aufgelöst, der Autozulieferer Bosch hatte sich bereits 2013 aus dem Verein verabschiedet. Laut Bosch-Chef Volkmar Denner hatte dies aber nichts mit den Tierversuchen zu tun, die Forschungsvereinigung hätte schlicht die Erwartungen von Bosch nicht erfüllt.

Ein Blick in den EUGT-Tätigkeitsbericht für die Jahre 2012 bis 2015 gibt Aufschluss über den Zuschnitt einer obskuren Vereinigung.

Ihre Ziele fasste die EUGT im Jahr 2010 so zusammen: Sie wolle "Aus- und Wechselwirkungen zwischen Emissionen, Immissionen und Gesundheit intensiver untersuchen". Dabei soll die Organisation Wege finden, um mögliche gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Durchführen soll die EUGT eigene Forschungsprojekte, zugleich will sie aber auch Forschungsvorschläge unterstützen, die von Wissenschaftlern an die EUGT herangetragen werden.

Am Gängelband der Autobranche

Das sollte aber wohl streng am Gängelband der Automobilindustrie erfolgen, wie ein Blick in den Tätigkeitsbericht nahelegt. Denn im fünfköpfigen Vorstand saßen je ein Vertreter von VW, Daimler und BMW und ein Fraport-Manager. Vorstandsvorsitzender der Vereinigung war Professor Gunter Zimmermeyer, einst technischer Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie und langjähriger Bosch-Mitarbeiter. Als Geschäftsführer fungierte Michael Spallek, einst Leiter des Gesundheitsschutzes bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover.

Den wissenschaftlichen Beirat des EUGT leitete der Toxikologe Helmut Greim. Der emeritierte Professor der TU München sagte auch vor dem Abgas-Untersuchungsausschuss der Bundesregierung aus - und berichtete bereits im September 2016 von Tierversuchen bei Abgastests. Greim wurde in der Vergangenheit jedoch mehrfach zu große Industrienähe vorgeworfen - etwa von der Organisation Lobbycontrol.

Die Fernsehsendung "Monitor" beschrieb Greim im Oktober 2016 als industrienahen Gutachter, der seit Jahrzehnten die Politik beeinflusse. Ein in dem Beitrag zitierter Staatsanwalt bezeichnete Greim sogar als "Falschgutachter", der "mit objektiver Wissenschaftlichkeit nichts im Sinn" habe.

WHO sollte von kritischer Diesel-Studie abgehalten werden

Tatsächlich fällt auf, dass die von der Forschungseinrichtung unterstützten Studien eindeutige und für die Automobilkonzerne durchaus erfreuliche Ergebnisse lieferten. Ein "mit signifikanter Unterstützung" des EUGT durchgeführtes Projekt untersuchte etwa Messungen aus den Umweltzonen in 19 deutschen Städten, in denen besonders schmutzige Diesel- und Benzinfahrzeuge nicht mehr fahren dürfen. Ergebnis der Studie: Die Verbannung dieser Fahrzeuge hatte sich kaum auf die Schadstoffbelastung ausgewirkt.

Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung", "NDR" und "WDR" hat die Forschungsvereinigung sogar versucht, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einer kritischen Untersuchung abzuhalten. 2012 hatte die WHO Dieselabgase als krebserregend eingestuft. Vor einer weiteren Untersuchung soll die EUGT versucht haben, die WHO von diesem Vorhaben abzubringen, da es zu Dieselabgasen keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gebe.

Eine andere vom EUGT unterstützte Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Partikelausstoß von modernen Dieselmotoren kaum mehr zu vergleichen sei mit älteren Selbstzünder-Aggregaten - die Partikelbelastung sei deutlich gesunken, durch die Filter sei die Zahl der Teilchen zu "beinahe 100 Prozent" reduziert worden.

Die Studie an Affen wird in dem Tätigkeitsbericht ebenso kurz beschrieben - mit dem Hinweis, dass die ersten Resultate erst ab Mitte 2015 verfügbar sein würden. Eine finale Fassung der Affenversuchs-Studie gab es dann wohl nicht mehr, seit gut einem halben Jahr ist die Forschungsvereinigung aufgelöst.

Im Internet findet sich seitdem nur eine Presseaussendung aus dem Mai 2010, die ein EUGT-Symposium mit dem Titel "Umweltrisiken - Wahrnehmung und Realität" ankündigt. Der Tätigkeitsbericht des EUGT für die Jahre 2012 bis 2015 lässt sich nur über Umwege online finden, die Website wurde längst gelöscht. Offenbar war den beteiligten Autoherstellern ihre obskure Forschungsvereinigung schnell peinlich.

insgesamt 56 Beiträge
spiegelinator 29.01.2018
1. Betrug über Betrug
die EUGH war doch auch im Handelsregister eingetragen in der auch die Gesellschafter eingeragen werden. Und keiner unserer Regierenden kommt mal auf die Idee das kontrollieren zu lassen. ARMUTSZEUGNIS
die EUGH war doch auch im Handelsregister eingetragen in der auch die Gesellschafter eingeragen werden. Und keiner unserer Regierenden kommt mal auf die Idee das kontrollieren zu lassen. ARMUTSZEUGNIS
sebko 29.01.2018
2. Und?
Überrascht das jetzt hier irgend jemanden? Ich versteh die Frage nicht :D
Überrascht das jetzt hier irgend jemanden? Ich versteh die Frage nicht :D
Claus_Hangzhou 29.01.2018
3. Was sind das für Personen
Wer steckt hinter dieser Gesellschaft EUGT. Es sind doch sicherlich renommierte Wissenschaftler und auch Professoren. Schreibt doch mal darüber wo diese Leute heute untergekommen sind. Und schmeißt sie aus ihren Ämtern.
Wer steckt hinter dieser Gesellschaft EUGT. Es sind doch sicherlich renommierte Wissenschaftler und auch Professoren. Schreibt doch mal darüber wo diese Leute heute untergekommen sind. Und schmeißt sie aus ihren Ämtern.
kpkuenkele 29.01.2018
4. Forscher an den Pranger
Man sollte immer bedenken, dass es gute und böse Forscher gibt: Die einen versuchen mit Tierversuchen Grenzwerte zu überprüfen, die die anderen mit Tierversuchen aufgestellt haben. Aufgabe: Ordnen Sie die Attribute „gut“ und [...]
Man sollte immer bedenken, dass es gute und böse Forscher gibt: Die einen versuchen mit Tierversuchen Grenzwerte zu überprüfen, die die anderen mit Tierversuchen aufgestellt haben. Aufgabe: Ordnen Sie die Attribute „gut“ und „böse“ den beiden Forschergruppen zu.
grommeck 29.01.2018
5. Wir leben in einer korrupten Welt, schon immer, und....
es sind immer die gleichen Menschen die das ausbaden. Nichts wird sich ändern. Wer reich werden will, muß schon einmal seine Moral über Bord werden und Ethik ist etwas für Theoretiker und nicht für Unternehmer. [...]
es sind immer die gleichen Menschen die das ausbaden. Nichts wird sich ändern. Wer reich werden will, muß schon einmal seine Moral über Bord werden und Ethik ist etwas für Theoretiker und nicht für Unternehmer. Automobilindustrie, Profisport, Banken, Lebensmittelindustrie - die Liste ist inzwischen endlos, wie die Liste der Lobbyisten in Berlin zeigt. Also, entweder wir ändern etwas und das mit Nachdruck, oder wir lassen uns besch....., vergiften, ausnehmen usw. Jeder Bürger kann entscheiden, noch!

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP