31.12.2009
Seuchen
Warum Viren und Bakterien so mächtig sind
Von Cinthia BriseñoIm Falle der Schweinegrippe kehrte sich die gesundheitspolitische Diskussion jedoch schnell in eine andere Richtung: Nicht die Angst vor einer möglichen Unterversorgung im Ernstfall dominierte. Schließlich war der H1N1-Erreger schnell identifiziert, und die Pharmaindustrie machte sich sofort an das große und enorm lukrative Geschäft: die Entwicklung des passenden Impfstoffs. Die Kritik an Bund und Behörden, den Kauf von Millionen von Impfdosen vertraglich zugesichert zu haben, schwelt auch heute nach dem Abflauen der ersten Schweinegrippewelle noch ebenso wie die Diskussionen um die umstrittenen Wirkverstärker im Impfstoff Pandemrix, den sogenannten Adjuvanzien. Und die Pharmaindustrie wird von einer nicht gerade kleinen Zahl von Menschen gar als Sieger der ganzen Schweinegrippehysterie ausgemacht, denn der Verkauf der Impfstoffe bedeutet für die Hersteller Umsätze in Millionenhöhe.
Inzwischen aber ist auch klar, dass im Fall der Schweinegrippe weder die Rechnung der Regierung noch die der Pharmakonzerne ganz aufgegangen sein könnte. Weil den Länder droht, auf Millionen von Impfdosen des bestellten Wirkstoffs Pandemrix sitzenzubleiben, planen sie jetzt, die Hälfte der 50 Millionen Dosen wieder abzubestellen. Die Impfmüdigkeit der Bevölkerung sowie die Tatsache, dass die Schweinegrippe wesentlich milder verläuft als abzusehen war und die erste Welle bereits wieder abflaut, sind ebenfalls Faktoren, die bei der Bekämpfung einer Seuche eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.
Ganz gleich, von welcher Seite man die Dinge betrachten mag, fest steht, dass Viren und andere Erreger von Infektionskrankheiten ungeheure und ungeahnte Folgen verursachen können. Im vergangenen Jahrzehnt hatten wir es mit einer schieren Palette an Folgen der Seuchen zu tun: Massentötungen von Tieren, Stallpflicht für Hühner, Quarantänemaßnahmen an Flughäfen zur Verhinderung der Ausbreitung, wirtschaftliche Katastrophen für große Zweige wie die Fleisch- oder Flugindustrie, aufwendige und enorm kostspielige Massenimpfungen in unzähligen Ländern.
Wir hatten es auch mit einer neuen Form der Informationsverbreitung zu tun: Das Internet hat Nachrichtenflüsse schneller den je gemacht - und damit auch das Wissen rund um Infektionskrankheiten.
Schätzungen der WHO zufolge sterben jährlich 5,5 Millionen Menschen an Aids, ausgelöst durch das HI-Virus. An Tuberkulose sterben jedes Jahr weltweit 1,6 Millionen, an Malaria etwa eine Millionen und an Masern 800.000 Menschen. Vor allem in Entwicklungsländern sind Krankheiten wie Tuberkulose und Aids ein enormes Problem. Dagegen sind die Zahlen der Schweinegrippe-Pandemie verschwindend gering: Nach Angaben der WHO starben bisher etwa 4100 Patienten durch das H1N1-Virus.
"Viren sind unsere einzigen Rivalen um die Herrschaft über den Planeten"
Die Konsequenzen einer Seuche sind so verschieden und vielfältig wie die Erreger selbst, deren größtes Gefahrenpotential aber nach wie vor darin besteht, dass manche von ihnen enorm anpassungs- und wandlungsfähig sind.
Unzählige Mikrobiologen weltweit wissen um die Mutationsfähigkeit der für das bloße Auge unsichtbaren Mikroben. Der andauernde Kampf der Wissenschaft gegen Krankheiten wie Aids, Tuberkulose, Malaria oder die immer wiederkehrende saisonale Grippe, die jährlich Tausende und Abertausende von Menschen töten, hat die Forscher gelehrt, dass der Mensch keinesfalls auf jeden Erreger eine effektive Antwort parat hat.
"Viren sind unsere einzigen wahren Rivalen um die Herrschaft über den Planeten" sagte einst der 2008 verstorbene US-Mikrobiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg, der 1958 den Nobelpreis für die Erforschung des Erbguts von Bakterien erhielt.
"Unsere Beziehung zu krankmachenden Mikroben ist Teil eines evolutionsbiologischen Dramas", sagte Lederberg. "Und es gibt keine Garantie, dass wir in diesem Kampf die Überlebenden sind." Und so werden die Reaktionen auf neue Seuchenausbrüche vermutlich immer zwischen den Extremen Hysterie, Verharmlosung oder dem Glauben an eine Verschwörung schwanken.