31.12.2009
Seuchen
Warum Viren und Bakterien so mächtig sind
Von Cinthia BriseñoEs begann im Stillen in der südchinesischen Provinz Guandong: Im November 2002 springt ein Erreger von Mensch zu Mensch und löst in seinen Wirten eine seltsame Krankheit aus. Diejenigen, die er infiziert, leiden kurze Zeit später an einer schweren Lungenentzündung - allerdings mit ungewöhnlichen Symptomen. Viele der Infizierten sterben. Die Weltöffentlichkeit aber nimmt noch keine Notiz davon.
Wenige Monate später, im Februar 2003, ändert sich die Situation: Die ersten Wirte, die den bis dahin unbekannten Erreger tragen, verreisen mit dem Flieger. Einer von ihnen ist ein 64-jähriger Arzt, der einige Patienten mit Lungenerkrankungen in einem Krankenhaus in der südchinesischen Hauptstadt Guangzhou behandelt hatte. Er fliegt nach Hongkong und wohnt zwei Nächte lang in einem Hotel in Kowloon. Danach wird er in ein Krankenhaus eingeliefert, denn auch er leidet plötzlich an einer schweren und ungewöhnlichen Lungenerkrankung. Zehn Tage später ist er tot.
Zuvor steckte er einen weiteren Hotelgast an, einen 23-jährigen Geschäftsmann. Dieser, so finden Mediziner später heraus, ist der Indexpatient Hongkongs: Er ist diejenige Person, von der der Ausbruch der Lungenkrankheit Sars - das Schwere akute respiratorische Syndrom - in Hongkong ihren Ursprung nimmt. Mehr als hundert Personen steckt der 23-Jährige an. Gleichzeitig tauchen in Kanada, Singapur und Vietnam die ersten Fälle der mysteriösen Lungenentzündung auf - am 12. März schlägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) globalen Alarm. Nur wenige Tage später erscheinen weltweit die ersten Meldungen.
Medienberichte über "Killer-Erreger" und "Horror-Virus"
Am 16. März 2003 titelten einige Tageszeitungen: "Arzt schleppt todbringende Krankheit bis Deutschland", einen Tag später schon lauten die Schlagzeilen etwa "Lungen-Virus bedroht die Welt". Zahlreiche Medien ziehen im gleichen Stil mit - es ist die Rede von einem "Killer-Erreger", dem "Horror-Virus", von einer "mysteriösen Epidemie" und der "tödlichen Lungenseuche". Immer mehr Meldungen über Sars finden ihren Weg in die Nachrichtenkanäle.
Aber nicht nur die Medien und die breite Öffentlichkeit reagieren auf die neue Bedrohung. Die Ausbreitung des Virus zieht einen ganzen Rattenschwanz an behördlichen und institutionellen Maßnahmen hinter sich her. Bis zum 2. April sind 2223 Erkrankungsfälle aus 17 Ländern, darunter 78 Todesfälle, bei der WHO gemeldet. Doch weil es weder eine Impfung gegen das Sars-Virus noch ein Medikament gegen die Lungenerkrankung gibt, beginnen Gesundheitsbehörden rund um den Globus, darunter das Centers for Disease Control (CDC) in den USA sowie das deutsche Robert-Koch-Institut, Warnungen auszusprechen.
Es wird davon abgeraten, nach Hongkong oder in die chinesische Provinz Guandong zu reisen. Quarantänemaßnahmen an den Flughäfen betroffener Städte werden eingeführt. Passagiere müssen lästige Gesundheitsfragebögen ausfüllen oder werden im Vorbeigehen durch die Sicherheitsschleusen von Wärmebildkameras beobachtet. Diejenigen mit Fieber werden zur Untersuchung ins Krankenhaus geschickt.
Dramatische Folgen für die Wirtschaft
Doch das sind längst nicht alle Folgen: 2003 steckt die Luftfahrt in der schwersten Krise ihrer bisherigen Geschichte. Nicht nur Terror, Irak-Krieg und Wirtschaftsflaute haben ihr zugesetzt, auch die Panik vor der Seuche hinterlässt tiefe Spuren in Form von dramatischen Umsatzeinbrüchen im internationalen Flugverkehr - Wirtschaftsmedien berichten teilweise von bis zu 45 Prozent. Betroffen sind vor allem jene Airlines, die ihre Basis in den Seuchengebieten haben. Aber auch Fluggesellschaften wie etwa Singapore Airlines geraten in das Mahlwerk der Seuchenangst, obwohl die WHO zu keinem Zeitpunkt eine Reisewarnung für das Ziel ausgegeben hat.
Doch so schnell wie der ganze Sars-Spuk kam, so schnell war er auch wieder vorbei. Schon kurze Zeit nach dem Ausbruch, im Juli 2003, gilt die Seuche offiziell als erloschen - und die Welt hat wieder andere Sorgen.