02.11.2011
Drogenmissbrauch in USA
Schmerzmittelsucht wird zur Epidemie
Von Heike Le Ker
Schmerzmittel: Fünf Prozent der Amerikaner über zwölf Jahre räumen Missbrauch ein
In den USA kommt es immer häufiger zum Missbrauch verschreibungspflichtiger Arzneien. Das Center for Disease Control and Prevention (CDC) spricht in einem aktuellen Bericht nun von einer Epidemie. Vor allem Opioide, die besonders wirksam Schmerzen lindern, aber auch euphorisierend wirken, werden demnach oft konsumiert: Während 1997 noch 74 Milligramm pro Person verschrieben wurden, waren es 2007 schon 369 Milligramm - ein Anstieg um mehr als 400 Prozent.
Besondere Sorge bereitet den amerikanischen Gesundheitswächtern, dass sich auch die Zahl der Todesfälle in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht hat. Vicodin, Methadon oder Oxycodon trugen demnach 2008 zum Tod von annähernd 15.000 Menschen bei, 1999 waren es etwa 4000. Die meisten Fälle von tödlichen Überdosen gab es bei Männern und Erwachsenen mittleren Alters. Beinahe fünf Prozent der Amerikaner über zwölf Jahren gaben an, verschreibungspflichtige Schmerzmittel missbraucht zu haben.
"Pillen wie Bonbons"
Opioide umfassen eine große Gruppe von Medikamenten, zu der bekannte Drogen wie Heroin und Methadon zählen, aber auch Schmerzmittel wie Morphin, Tramadol und Tilidin. Ihre Wirkung entfalten Opioide im ganzen Körper, insbesondere im Gehirn: Über sogenannte Opioid-Rezeptoren hemmen sie Schmerzen, unterdrücken die Atmungsaktivität und machen müde. Vor allem in der Schmerztherapie sind sie daher unverzichtbare Medikamente, die vielen Menschen zuverlässig helfen.
Allerdings lösen viele der Substanzen auch Ängste und wirken euphorisierend - zwei wichtige Mechanismen, derentwegen die Mittel so häufig missbraucht werden. Das Problem: Je häufiger die Mittel geschluckt werden, desto stärker gewöhnt sich der Körper an die Droge und braucht immer mehr davon. Gleichzeitig droht bei Überdosierung eine lebensgefährliche Vergiftung: Sauerstoffmangel, verengte Pupillen und Koma sind die typischen Symptome, bei denen sofort ein Notarzt gerufen werden sollte. Der muss vor allem einen Atemstillstand verhindern.
"Täglich kommen 5500 Menschen zur Gruppe derer hinzu, die Schmerzmittel missbrauchen", sagt Pamela Hyde, Leiterin der Substance Abuse and Mental Health Services Administration. 70 Prozent aller Nutzer haben die Medikamente dem CDC-Report zufolge von Freunden oder Verwandten bekommen und nur fünf Prozent von Drogendealern oder aus dem Internet.
In den USA ist das Problem auch von anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten bekannt. So werden etwa Antidepressiva immer häufiger verschrieben. In Deutschland halten Ärzte diese Entwicklung für gefährlich, die Berliner Psychiaterin Isabella Heuser etwa warnt davor, "Pillen wie Bonbons" zu verteilen.
Strafen für deutsche Ärzte und Apotheker
Doch auch in Deutschland werden verschreibungspflichtige Opoide missbraucht. So war die Hälfte aller ambulant betreuten Suchtpatienten 2009 abhängig von Opioiden, wie die Deutsche Suchthilfestatistik (DSHS) offenbart. Allerdings nimmt das Problem hierzulande nicht zu wie in den USA. In einem Bericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht von 2010 heißt es: "Beim Konsum von Amphetaminen, Opioiden und Kokain zeigen sich seit 2003 bzw. sogar seit 1997 und 1995 keine statistisch signifikanten Veränderungen bezogen auf den gegenwärtigen Konsum."
Der Grund dafür: Opioide unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Das hat zur Folge, dass Einfuhr und Ausfuhr, Abgabe und Erwerb und ärztliche Verschreibungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überwacht werden. Wer in Deutschland etwa das hochwirksame Morphin braucht, der muss sich von seinem Arzt ein spezielles Rezept holen. Sowohl Arzt als auch Apotheker müssen die Verschreibung und die Ausgabe dokumentieren. "Ein rechtswidriges Verhalten von Ärzten und Apothekern bei der Verschreibung oder Abgabe von Betäubungsmitteln nach dem Betäubungsmittelgesetz wird mit hohen Strafen geahndet", sagte Peter Cremer-Schaeffer, Leiter der Bundesopiumstelle am BfArM, SPIEGEL ONLINE.
Verlässliche Zahlen zum Missbrauch verschriebener Opiate liegen dem BfArM allerdings nicht vor. "Veränderungen im Verschreibungsverhalten und beim Verbrauch von Opiaten werden beobachtet, um möglichen Fehlentwicklungen entgegenwirken zu können", so Cremer-Schaeffer.
Die USA wollen nun mit einem Strategieplan gegen die Epidemie vorgehen: Die Aufklärung soll ausgebaut, die Überwachung verbessert, die Abgabe dokumentiert werden. Die Zeit drängt dabei: Verschreibungspflichtige Medikamente verursachen dem Bericht zufolge das am schnellsten wachsende Drogenproblem der USA - nur Marihuana wird noch häufiger konsumiert.
Mit Material von dapd