07.05.2012
Herz-Kreislauf-Mittel
Roche verliert potentielles Milliarden-Medikament
Roche-Werk in Basel: Dalcetrapib-Entwicklung eingestellt
Basel - Der Pharmariese Roche muss sich von potentiellen Milliardeneinnahmen verabschieden. Die Schweizer beendeten die Entwicklung des Herz-Kreislauf-Medikaments Dalcetrapib. Das Cholesterinmittel blieb den Wirkungsnachweis in einer spätklinischen Studie schuldig, wie Roche am Montag mitteilte. Unabhängige Gutachter hätten daraufhin den Stopp der Entwicklung empfohlen.
Die Zürcher Börse reagierte am Montag mit einem Kursrückgang für die Roche-Papiere um mehr als drei Prozent. Sie gehörten damit zu den größten Verlierern unter den europäischen Gesundheitswerten und hatten wegen ihres großen Marktgewichts maßgeblichen Anteil an der Schwäche der Schweizer Börse.
Ursprünglich wollte Roche den Zulassungsantrag für Dalcetrapib im kommenden Jahr stellen. Das Medikament sollte die Produktion des "guten" Blutfetts HDL ankurbeln und das Infarkt- und Schlaganfallrisiko senken. An entsprechenden Medikamenten arbeiten auch die US-Konzerne Merck und Eli Lilly.
Wie Roche jetzt erklärte, senkt Dalcetrapib das Infarkt- und Schlaganfall-Risiko nicht stärker als bisherige Standardbehandlungen. In einer Studie mit 15.800 Probanden war die Wirkung des Medikaments als Zusatztherapie bei Patienten untersucht worden, die eine sogenannte stabile Herz-Kreislauf-Erkrankung haben und kürzlich ein akutes Koronarsyndrom erlitten hatten.
Wichtiger Wachstumstreiber verschwindet
Das Unternehmen räumte ein, es sei ein "sehr ehrgeiziges Ziel" verfehlt worden. Das Projekt sei zwar stets als ungewiss und risikoreich eingeschätzt worden, dennoch sei man vom ausbleibenden Nutzen enttäuscht. Sicherheitsbedenken gegen das Medikament habe das externe Prüfgremium allerdings nicht geäußert.
Roche-Forschungschef Jean-Jacques Garaud hatte im September erklärt, bei Dalcetrapib spreche man von einem Medikament mit einem Jahresumsatz in der Größenordnung von zehn Milliarden Dollar. Ein Roche-Sprecher sagte nun, der Konzern habe nie eine Umsatzschätzung für das Mittel gegeben.
"Mit dem Abbruch der Studie verschwindet ein bedeutender potentieller Wachstumstreiber für Roche ab 2014", sagte Analyst Martin Voegtli vom Broker Helvea. Sarasin-Analyst David Kägi verwies darauf, dass es sich um ein hochriskantes Projekt gehandelt habe. Die Rolle von HDL bei der Gefäßverkalkung werde bislang nur ungenügend verstanden.
2006 hatte der US-Konzern Pfizer mit einem Mittel Schiffbruch erlitten, das auf das gleiche Wirkprinzip wie Dalcetrapib setzte: In klinischen Tests hatte Torcetrapib den HDL-Spiegel zwar erhöht, es war aber zu einer Häufung von Todesfällen gekommen. Mit seinem Cholesterinsenker Lipitor erzielte Pfizer im Vorjahr trotz des Ablaufs des Patentschutzes im November 9,6 Milliarden Dollar Umsatz. Lipitor senkt die Produktion des "schlechten" Blutfetts LDL.
mbe/dpa/Reuters