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15.06.2012
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Schleichende Privatisierung

Experten warnen vor Kartellrecht für Kassen

Von Nicola Kuhrt
Gesundheit wird privatisiert: Warnungen vor dem Unternehmen Krankenkassen
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Corbis

Krankenkassen werden zu Unternehmen, Patienten zu Kunden: Das Kartellrecht soll nach Plänen der Bundesregierung demnächst auch für die Kassen gelten. Kritiker warnen vor unnötiger Bürokratie - und dem Verlust der Rechte des Versicherten.

Berlin - Es sind Sätze, die das deutsche Gesundheitswesen völlig umkrempeln könnten: Der aktuelle Entwurf zum "Achten Gesetz zur Änderung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen" (GBW) sieht vor, das Wettbewerbsrecht auf alle wettbewerblichen Tätigkeiten der Krankenkassen zu erweitern. Was schlicht bürokratisch klingt, könnte in letzter Konsequenz bedeuten: Patienten würden zu Kunden, Krankenkassen zu Unternehmen, sagen Oppositionspolitiker.

"Langfristig steht eine flächendeckende medizinische Versorgung in Frage", erklärte SPD-Politikerin Bärbel Bas am Freitag bei der ersten Bundestagsdebatte über die Novelle. Der gesundheitspolitische Sprecher der Partei, Karl Lauterbach, warnte vor dem Ende der Kooperationen zwischen den Kassen.

Tatsächlich arbeiten Krankenkassen in vielen Bereichen zusammen. Auch Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses, der obersten Selbstverwaltung aus Kassen, Krankenhäusern und Ärzten, könnten betroffen sein. Dort wird bislang etwa festgelegt,

Das alles wäre nach Meinung der Kritiker nicht mehr möglich, sollte für die Kassen das Kartellrecht gelten. Denn das Bundeskartellamt entscheidet nach Wettbewerbskriterien - und nicht danach, ob etwas sozialpolitisch gewollt ist. Wenn nur ein Konkurrent Beschwerde einlegt und auf sein Recht klagt, könne es zu Verzögerungen kommen - und nicht zu Lösungen im Sinne des Patienten. Ob die Kritiker das Gesetz noch stoppen können, erscheint mehr als fraglich: Da der Bundestag in diesem Fall nicht zustimmen muss, gilt es als nahezu sicher, dass das Gesetz wie von der Regierung geplant im September verabschiedet wird.

"Die bestehenden Modelle würden zwar erst einmal weiterlaufen", sagt Lauterbach. Doch neue Kooperationen könnten nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes nicht eingeführt werden. "Wenn es schlecht läuft, schafft sich die Gesundheitspolitik damit selbst ab", sagte Lauterbach. Zudem werde das Bundeskartellamt zu sehr gestärkt. Da das Kartellrecht in weiten Zügen dem EU-Recht unterliege, "verschenken wir unsere Kompetenzen unnötig an die EU", sagt Lauterbach.

Gesundheitsexperten sehen inzwischen einen Höhepunkt in den jahrzehntelangen Versuche des Wirtschaftsministeriums, die Kontrolle über das öffentlich-rechtliche Gesundheitswesen zu erlagen. Sie sprechen von einem "schleichenden Prozess der Privatisierung", das Soziale im Gesundheitswesen gerate unter die Knute des Kartellrechts.

Kritik auch aus der Koalition

Selbst aus den eigenen Reihen hagelt es Kritik an dem Gesetzvorhaben der Koalition. Johannes Singhammer, stellvertretender Vorsitzender der CSU, warnt mit drastischen Worten vor der Ausweitung des Kartellrechts, das nur zu unnötiger Rechtsunsicherheit führte. Es sei dann unklar, ob bei neuen Kooperationen zwischen den Kassen zunächst das Bundesversicherungsamt (BVA) oder gleich das Kartellamt entscheiden müsste.

Die Bundesregierung reagierte bisher gelassen auf jede Kritik. Man sehe keine Konflikte, erklärt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Wettbewerbliche Elemente seien schon in der Vergangenheit gestärkt worden, Kassen könnten Selektivverträge abschließen und Wahltarife anbieten. Auch der 2009 eingeführte kassenindividuelle Zusatzbeitrag sei ein wichtiges Kriterium, mit dem sich die Kassen im Wettbewerb voneinander unterscheiden könnten.

Zudem gelte das Kartellrecht bereits, wenn die Krankenkassen mit Arzneimittelherstellern die Preise neuer Medikamente verhandelten. Kooperationen zwischen den Kassen seien weiterhin möglich, schreibt auch das Wirtschaftsministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Fraktion der Linken.

Kartellamt erhältviel Spielraum

In dem Gesetzentwurf stehe zwar der entsprechende Passus, monieren Kritiker. Ergänzt werde er aber mit einem Nachsatz: "Nur wenn das gemeinsame Verhalten nach Vorschriften des GWB als wettbewerbswidrig einzustufen ist, kann das Bundeskartellamt eingreifen." Ein Passus, der dem Kartellamt viel Spielraum für Eingriffe lasse, befürchten die Kritiker.

"Es ist wichtig, den Gesundheitsmarkt stärker für den Wettbewerb zu öffnen", erklärte Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Davon würden die gesetzlichen Kassen und die Versicherten profitieren. Eine verbesserte Anwendung des Wettbewerbsrechts bedeute nicht, wie von den Kassen behauptet, dass ihr sozialstaatlicher Versorgungsauftrag preisgegeben werde.

Würden die Regierungspläne nicht verwirklicht, bestehe die Gefahr, dass die Nachfragemacht der Kassen unkontrolliert ausufert. Auch bei den Arzneimittel-Rabattverträgen gäbe es erhebliche Probleme, sagt Mundt.

Forum

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insgesamt 21 Beiträge
1. Gutes Beispiel USA
vogelskipper 15.06.2012
Wo die komplette Privatisierung dann hinführen wird, wissen wir ja am Beispiel der USA, wo 40 Millionen Menschen gar keine Krankenversicherung haben, weil sie es sich einfach nicht leisten können. Die Kassen hier klagen doch auch [...]
Wo die komplette Privatisierung dann hinführen wird, wissen wir ja am Beispiel der USA, wo 40 Millionen Menschen gar keine Krankenversicherung haben, weil sie es sich einfach nicht leisten können. Die Kassen hier klagen doch auch schon alle, dass es Leute gibt, die ihre Beiträge nicht mehr bezahlen. Die machen das nicht, weil sie es nicht mehr wollen, sondern weil sie dazu finanziell schlichtweg nicht mehr in der Lage sind! Da hilft dann auch kein gesetzlicher Versicherungszwang. Es gibt bestimmte Dinge, die als Grundleistung einfach nicht privatisiert gehören: Krankenversicherung, Rentenversicherung, Wasserversorgung und eigentlich auch Energieversorgung und Transport.
2. Dieser Herr...
AndyDaWiz 15.06.2012
"Der gesundheitspolitische Sprecher der Partei, Karl Lauterbach, warnte vor dem Ende der Kooperationen zwischen den Kassen. " passt zu Herrn Sehhofer und Herrn Lafontaene. Wie waere es, das mal zu uebersetzen: [...]
"Der gesundheitspolitische Sprecher der Partei, Karl Lauterbach, warnte vor dem Ende der Kooperationen zwischen den Kassen. " passt zu Herrn Sehhofer und Herrn Lafontaene. Wie waere es, das mal zu uebersetzen: "Der Lobby-Sprecher der Partei, Karl Erdoelpumper, warnte vor dem Ende der Kooperationen zwischen den Mineraloelgesellschaften." Schlimm oder nicht ?
3. Banken vergessen
Treviso 15.06.2012
weil systemrelevant
weil systemrelevant
4.
inci2 15.06.2012
das sehe ich auch so. wenn aber das nun so geändert werden soll, müsste eigentlich die krankenversicherungspflicht wegfallen. denn ansonsten könnten alle anderen unternehmen ja auch eine art "solidarbeitrag" [...]
Zitat von vogelskipperEs gibt bestimmte Dinge, die als Grundleistung einfach nicht privatisiert gehören: Krankenversicherung, Rentenversicherung, Wasserversorgung und eigentlich auch Energieversorgung und Transport.
das sehe ich auch so. wenn aber das nun so geändert werden soll, müsste eigentlich die krankenversicherungspflicht wegfallen. denn ansonsten könnten alle anderen unternehmen ja auch eine art "solidarbeitrag" fordern, so wie die GEZ, die man ja demnächst pro haushalt zahlen muss. von wegen gleicheitsgrundsatz und so. dann könnten mercedes, bmw oder vw auch auf einen zwangsbeitrag bestehen, vor allem auch bei all jenen, die noch nicht einmal einen führerschein haben.
5. Das Wichtigste zum Schluss
altmannn 15.06.2012
"Würden die Regierungspläne nicht verwirklicht, bestehe die Gefahr, dass die Nachfragemacht der Kassen unkontrolliert ausufert. Auch bei den Arzneimittel-Rabattverträgen gäbe es erhebliche Probleme, sagt Mundt." [...]
Zitat von sysopKrankenkassen werden zu Unternehmen, Patienten zu Kunden: Das Kartellrecht soll nach Plänen der Bundesregierung demnächst auch für die Kassen gelten. Kritiker warnen vor unnötiger Bürokratie - und dem Verlust der Rechte des Versicherten. Bundesregierung will Kartellrecht für Krankenkassen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,839066,00.html)
"Würden die Regierungspläne nicht verwirklicht, bestehe die Gefahr, dass die Nachfragemacht der Kassen unkontrolliert ausufert. Auch bei den Arzneimittel-Rabattverträgen gäbe es erhebliche Probleme, sagt Mundt." Nachfragemacht der Kassen heißt Nachfragemacht der Versicherten. Um diese zu brechen, sollen plötzlich die Kartellgesetze herhalten. Wie man den Versicherten ihre eigene Entmachtung noch als Vorteil verkaufen will, ist mal wieder bezeichnend. Na ja, Michel schläft weiter...

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