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15.11.2012
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EU-Jahresbericht

Synthetische Drogen verdrängen Heroin

Von Markus Becker
REUTERS

Heroinsüchtiger: Die Ära der Droge könnte bald zu Ende sein

Der Drogenmissbrauch in Europa wandelt sich, die Ära des Heroins scheint zu Ende zu gehen. An seine Stelle treten neue Rauschmittel, warnt die EU-Drogenbehörde. Sie sind oft noch gefährlicher.

Hamburg - Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste illegale Droge in Europa. Keine andere hat mehr Leiden ausgelöst, keine mehr Menschen getötet. In den vergangenen zehn Jahren ist in der EU im Durchschnitt ein Mensch pro Stunde an einer Überdosis Opioide gestorben, in den meisten Fällen handelte es sich um Heroin. Doch das könnte bald der Vergangenheit angehören, wie aus dem neuen Bericht der EU-Drogenbeobachtungsstelle EBDD hervorgeht: Man stehe möglicherweise vor "einer neuen Ära, in der Heroin keine zentrale Rolle mehr für Europas Drogenproblem spielt", heißt es in dem Bericht, der am Donnerstag in Portugals Hauptstadt Lissabon vorgestellt wurde.

2010 haben sich demnach rund 46.000 Europäer erstmals wegen Heroinproblemen in Behandlung begeben - ein Rückgang von fast 25 Prozent gegenüber dem Höchstwert von 61.000, der 2007 erreicht wurde. Auch die Zahl der Toten durch den Missbrauch von Opioiden, also hauptsächlich Heroin, ist zwischen 2009 und 2010 von 7600 auf 7000 gefallen. Damit bestätigt sich ein Trend, der zuletzt auch in Deutschland sichtbar wurde: 2011 kamen hierzulande 986 Menschen durch den Konsum harter Drogen ums Leben - 20 Prozent weniger als 2010, als 1237 Tote erfasst worden waren.

EBDD-Direktor Wolfgang Götz nennt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zwei Gründe dafür. Der erste sei, dass die Heroin-User immer älter würden: "Es begeben sich immer weniger junge Menschen neu in Behandlung", so Götz. "Die Heroin-Klientel stirbt langsam aus." Der zweite Grund sei die "energische Polizeiarbeit" in Verbindung mit der Ausweitung von Therapien mit Heroin-Ersatzstoffen. So habe inzwischen jeder Zweite der rund 1,4 Millionen Heroin-Konsumenten in der EU Zugang zu Substitutionstherapien. "Das hilft, die Leute aus der Beschaffungskriminalität herauszuholen und sie medizinisch zu versorgen", so Götz.

Synthetische Drogen ersetzen etablierte Rauschmittel

Auch Kokain, Europas meistgenutztes illegales Stimulans, verliert laut EBDD weiterhin an Konsumenten und auch an seinem Ruf als Statusdroge. Doch der Rückgang der etablierten Rauschmittel sei keinesfalls ein Grund zur Entwarnung - denn die Nachfolger warten schon, und manche von ihnen sind furchterregend. In Estland und Finnland etwa haben synthetische Opioide große Teile des vor rund zehn Jahren kollabierten Heroin-Markts ersetzt, heißt es im EBDD-Bericht. So sei Fentanyl 2010 in Estland für drei Viertel aller therapierten Konsumenten die Hauptdroge.

"Fentanyl ist mindestens 100-mal so toxisch wie Heroin", sagt Götz. Der Stoff komme etwa in Schmerzpflastern vor. "Die Leute kochen diese Pflaster aus, oder sie wühlen sich durch die Mülltonnen von Krankenhäusern." Eine weitere klassische Heroin-Ersatzdroge sei Buprenophil. In Ländern wie Ungarn, Litauen, Irland und Slowenien wiederum weichen Süchtige, die kein Heroin mehr bekommen können, auf Cathinone, Benzodiazepine und Amphetamine aus.

Letztere bereiten inzwischen auch in Deutschland erhebliche Sorgen, sagt Götz. Methamphetamin, auch als Crystal Meth bekannt, sei in der EU bisher ein "Inselproblem" in Tschechien und der Slowakei gewesen. Inzwischen aber verbreite es sich auch in Skandinavien, Ungarn, Griechenland, Zypern - und auch in Bayern und Sachsen.

Angst vor Verbreitung von Crystal Meth

"Methamphetamin kann einen Menschen besonders schnell psychisch und körperlich zerstören", sagt Götz. "Und es hat enormes Gefahrenpotential, weil es leicht hergestellt werden und sich deshalb schnell verbreiten kann." Zwischen 2005 und 2010 sei die Menge des beschlagnahmten Methamphetamins in der EU von rund 100 auf 600 Kilogramm gestiegen, die Zahl der Sicherstellungen habe sich von 2200 auf rund 7300 mehr als verdreifacht.

Zugleich gehen die Hersteller synthetischer Drogen inzwischen mit bemerkenswerter Kreativität zu Werke. 2009 wurden der EBDD 24 neue Substanzen gemeldet, 2010 waren es 41, 2011 schon 49. Nur eine von diesen 49, Mephedron, wurde laut Götz bisher verboten. "Es entstehen permanent neue Stoffe, die zunächst legal verkauft werden können." 2012 hat die EBDD die Rekordzahl von 693 Online-Shops ermittelt, die solche "Legal Highs" verkaufen - im Januar 2010 seien es erst 170 gewesen. "Derzeit weiß niemand, wie man auf diese Geschwindigkeit reagieren soll", sagt Götz.

Das Problem sei, dass Drogen in der EU über nationale Gesetze reguliert werden. Manche Staaten konzentrieren sich dabei auf Einzelstoffe, andere auf chemische Gruppen. "Das geht in alle Richtungen", so Götz. Zudem würden neue Stoffe meist zusammen mit anderen Substanzen konsumiert. "Die Leute wissen oft gar nicht, was sie nehmen."

Drogenkonsum in Europa 2004-2011
Datenbasis
Die Schätzungen der EU-Drogenbehörde EBDD beziehen sich auf die Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren und basieren auf Daten der Jahre 2004 bis 2011.
Opioide
Problematische Konsumenten: ca. 1,4 Millionen Europäer. Drogeninduzierte Todesfälle machen vier Prozent aller Todesfälle unter Europäern im Alter zwischen 15 und 39 Jahren aus, in etwa drei Vierteln der Fälle wurden Opioide nachgewiesen. Sie sind die Hauptdrogen in etwa der Hälfte aller Drogentherapie-Nachfragen. Etwa 710.000 Opioidkonsumenten haben 2010 in der EU eine Substitutionsbehandlung erhalten.
Amphetamine
Die Lebenszeitprävalenz - also die Zahl der Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben die Droge konsumieren - liegt für Amphetamine bei etwa 13 Millionen (3,8 Prozent der europäischen Erwachsenen). Zwei Millionen haben die Drogen während der vergangenen zwölf Monate genommen.
Kokain
Lebenszeitprävalenz: etwa 15,5 Millionen (4,6 Prozent der europäischen Erwachsenen). Konsum während der letzten 12 Monate: etwa 4 Millionen europäische Erwachsene (1,2 %) oder eine von vier Personen mit Kokainerfahrung. Konsum im vergangenen Monat: etwa 1,5 Millionen.
Ecstasy
Lebenszeitprävalenz: etwa 11,5 Millionen (3,4 Prozent der europäischen Erwachsenen). Konsum während der vergangenen 12 Monate: etwa zwei Millionen.
Cannabis
Lebenszeitprävalenz: etwa 80,5 Millionen (23,7 Prozent der europäischen Erwachsenen). Konsum während der vergangenen 12 Monate: ca. 23 Millionen europäische Erwachsene (6,8 Prozent) oder eine von drei Personen mit Cannabiserfahrung. Konsum im vergangenen Monat: etwa 12 Millionen (3,6 Prozent).

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
1.
glen13 15.11.2012
Immer dieses neumodische Zeugs. Also ich bleib beim Koks.
Zitat von sysopDer Drogenmissbrauch in Europa wandelt sich, die Ära des Heroins scheint zu Ende zu gehen. An seine Stelle treten neue Rauschmittel, warnt die EU-Drogenbehörde. Sie sind oft noch gefährlicher. EU-Drogenbericht: Synthetische Drogen lösen Heroin ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/eu-drogenbericht-synthetische-drogen-loesen-heroin-ab-a-867413.html)
Immer dieses neumodische Zeugs. Also ich bleib beim Koks.
2. aha ...
mmmm 15.11.2012
"Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste Droge in Europa. Kein Suchtstoff hat mehr Leiden ausgelöst, keiner hat mehr Menschen getötet." ... äääh ... Alkohol?
"Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste Droge in Europa. Kein Suchtstoff hat mehr Leiden ausgelöst, keiner hat mehr Menschen getötet." ... äääh ... Alkohol?
3. gleich der Anfang ist grundfalsch!
spon-facebook-10000145042 15.11.2012
" Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste Droge in "Kein Suchtstoff hat mehr Leiden ausgelöst, keiner hat mehr Menschen getötet." Grottenfalsch! Um den 'Rekord', die gefährlichste Droge zu sein, streiten [...]
" Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste Droge in "Kein Suchtstoff hat mehr Leiden ausgelöst, keiner hat mehr Menschen getötet." Grottenfalsch! Um den 'Rekord', die gefährlichste Droge zu sein, streiten sich Alkohol und Nikotin/Tabak. Das wird natürlich nicht erwähnt, diese Drogen sind ja legal und bringen Steuereinnahmen. (Nebenbei: bis in die 20-er Jahre war auch Heroin legal, ein Markenprodukt von Bayer) Die kontrollierte Abgabe von psychoaktiven Substanzen würde den illegalen, von der OK beherrschten Markt austrocknen, Sicherheit für Konsumenten schaffen über Steuern die Versorgung Abhängiger mit finanzieren... wäre doch was, oder? Aber das verlangt ein Umdenken in der Politik, und das ist die Crux
4. optional
mailwegenpoker 15.11.2012
"Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste Droge in Europa. Kein Suchtstoff hat mehr Leiden ausgelöst, keiner hat mehr Menschen getötet." Das ist einfach mal ein krasser Fehler. Vielleicht sollte der Autor sich [...]
"Heroin ist seit rund 40 Jahren die gefährlichste Droge in Europa. Kein Suchtstoff hat mehr Leiden ausgelöst, keiner hat mehr Menschen getötet." Das ist einfach mal ein krasser Fehler. Vielleicht sollte der Autor sich auch mal die Statistiken zu Nikotin und Alkohol anschauen. Klar, Heroin ist eine harte Droge allerdings war der gesellschaftliche Schaden bis heute weit kleiner als von den beiden legalen und am weitesten verbreiteten Drogen.
5. Abschöpfen
cdrenk 15.11.2012
Gegen die Drogen hilft ein marktwirtschaftliches Vorgehen. Heraus aus der Illegalität und frei verkaufen. Der Rest löst sich von selbst.
Gegen die Drogen hilft ein marktwirtschaftliches Vorgehen. Heraus aus der Illegalität und frei verkaufen. Der Rest löst sich von selbst.
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