Lade Daten...
19.01.2013
Schrift:
-
+

Ende des Moratoriums

Bald neue Experimente mit Superviren

AP

Hochsicherheitslabor an der Uni Marburg: Ende des Moratoriums angekündigt

Das wohl umstrittenste Forschungsprojekt der Welt geht in die nächste Runde: Wissenschaftler wollen die vor einem Jahr gestoppten Versuche mit hochgefährlichen Varianten des Vogelgrippevirus wieder aufnehmen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".

Berlin - Ein Jahr lang haben Virologen keine Experimente mehr mit den im Labor erschaffenen Superviren gemacht. Doch die Versuche mit künstlich veränderten Erregern der Vogelgrippe könnten in Kürze wieder aufgenommen werden. Das Ende eines entsprechenden Moratoriums soll nach Auskunft mehrerer Experten schon in der kommenden Woche verkündet werden, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS).

Das Moratorium war vor allem auf Drängen amerikanischer Sicherheitsbehörden zustande gekommen. Diese fürchteten, dass Forschungserkenntnisse in die Hände von Terroristen fallen könnten. Um die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse hatten Wissenschaftler und Politiker wochenlang gestritten, im Mai und Juni wurden sie schließlich publiziert.

Bei den umstrittenen Experimenten hatten Forscher in einem Labor am Erasmus Medical Center in Rotterdam einen hochgefährlichen Erreger erschaffen, vor dem Seuchenexperten immer wieder gewarnt haben. Ähnliche Versuche hatte ein amerikanisch-japanisches Team um Yoshihiro Kawaoka durchgeführt.

Ausgangspunkt der Experimente in Rotterdam war das H5N1-Virus, der Auslöser der Vogelgrippe. Seit 2003 war mehr als die Hälfte der 570 daran erkrankten Menschen gestorben. Glücklicherweise war der Erreger unter Menschen kaum ansteckend, fast immer war er direkt von Tieren übertragen worden. Das unterscheidet ihn von anderen Viren. Das Schweinegrippevirus H1N1 etwa verbreitete sich in Windeseile von Mensch zu Mensch, verursachte aber meist nur milde Symptome.

Gefährliche Mutationen

Ein Virus, das die Eigenschaften beider Erreger jedoch in sich vereint, könnte nach Meinung von Experten eine Pandemie mit vielen Millionen Toten auslösen. Und um genau so einen Erreger ging es in den Versuchen mit Frettchen. Die Experimente von Ron Fouchiers Team in Rotterdam beinhalteten zwei Schritte: Zunächst führten die Forscher drei Mutationen gezielt in das Erbgut des H5N1-Virus ein. Das allein genügte aber noch nicht, um die Ansteckungsfähigkeit zu erhöhen. Das erledigte erst Mutter Natur.

Die Wissenschaftler infizierten Frettchen, die seit Jahren als Tiermodell für die menschliche Grippe in Labors genutzt werden, mit dem modifizierten Virus. Aus den Nasenschleimhäuten der erkrankten Tiere isolierten sie dann die Viren und übertrugen sie auf ein weiteres Tier.

Nach zehn Passagen war der Erreger zwei weitere Male mutiert - und enorm gefährlich: Drei von vier Frettchen steckten sich an, ohne direkten Kontakt mit den infizierten Tieren im Nachbarkäfig gehabt zu haben. In den Versuchen Kawaokas an der University of Wisconsin in Madison waren Teile des hochansteckenden Keims der Schweinegrippe mit dem Erbgut des Vogelgrippevirus kombiniert worden.

Die deutsche Gesellschaft für Virologie begrüßte laut FAS das Ende des Moratoriums und die weitgehende Aufhebung der Restriktionen. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn und der gesellschaftliche Nutzen von Experimenten mit Vogelgrippeviren seien unter Einhaltung der nötigen Sicherheitsvorkehrungen größer als die möglichen Risiken.

Kritik übte der amerikanische Molekularbiologe Richard Ebright. Er sagte der Zeitung, er halte es für unverantwortlich, die Experimente fortzuführen, ehe strikte und international verbindliche Richtlinien für den Umgang mit solchen Erregern in Kraft getreten seien. Als Vorbild könne das Beispiel der Pocken gelten, mit denen nur noch in zwei hochgesicherten Labors in den Vereinigten Staaten und in Russland gearbeitet werden dürfe.

hda

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
1.
Rukk 19.01.2013
Was ich bei Wissenschaftlern nicht verstehe: Warum wird um jeden Preis der Erkenntnisgewinn vorangetrieben? Es ist klar, dass auch bei Einhaltung aller Sicherheitsstandards Zufälle passieren, manche können zu einer [...]
Zitat von sysopDas wohl umstrittenste Forschungsprojekt der Welt geht in die nächste Runde: Wissenschaftler wollen die vor einem Jahr gestoppten Versuche mit hochgefährlichen Varianten des Vogelgrippevirus wieder aufnehmen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Mit Superviren soll wieder experimentiert werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/mit-superviren-soll-wieder-experimentiert-werden-a-878564.html)
Was ich bei Wissenschaftlern nicht verstehe: Warum wird um jeden Preis der Erkenntnisgewinn vorangetrieben? Es ist klar, dass auch bei Einhaltung aller Sicherheitsstandards Zufälle passieren, manche können zu einer Pandemie führen. Warum versucht man nicht die bisherigen Erkenntnisse einfacher darzustellen, damit viele Menschen sie verstehen und nachvollziehen können? So mutet das eher an wie: Augen zu und durch, wir reden später.
2. wieso...
shy_212 19.01.2013
gibt es Wissenschaft, die sich damit beschäftigt und solche aggressiven Viren züchtet? Ich mein, ist es nachgewiesen, dass Menschen im Labor den Virus H5N1 erfunden haben? könnte man die ggf. verklagen?
gibt es Wissenschaft, die sich damit beschäftigt und solche aggressiven Viren züchtet? Ich mein, ist es nachgewiesen, dass Menschen im Labor den Virus H5N1 erfunden haben? könnte man die ggf. verklagen?
3. schwer einzuschätzen
na!!! 19.01.2013
bevor jetzt wieder diese pseudo Umweltschützer und Tierfreunde usw. kommen . ( natürlich tun mir auch die Tiere leid die zu versuchen gezüchtet werden ) aber darum gehts ja nicht . 1. ich glaube es ist notwenndig forschung zu [...]
bevor jetzt wieder diese pseudo Umweltschützer und Tierfreunde usw. kommen . ( natürlich tun mir auch die Tiere leid die zu versuchen gezüchtet werden ) aber darum gehts ja nicht . 1. ich glaube es ist notwenndig forschung zu betreiben um zu verstehen was da überhaupt geschied . 2. es muß absolut sicher sein und in nur 1-2 laboren so wie im artikel beschrieben diese müssen um jeden preis geschützt werden . auch mit bewaffneten soldaten wegen der terrorgefahr ! ansonnsten is das thema für laien zu kompliziert um es einschätzen zu können . so , jetzt bitte alle Tier-Umwelt-Mensch und Moral Apostel ;-)
4. Wissenschaftler
Izmir.Übül 19.01.2013
Prestige, Eitelkeit, Karrieregeilheit, Gewinnstreben (nicht nur nach Erkenntnis), Angst vor Jobverlust, mangelnde Zivilcourage.... Mit anderen Worten: Wissenschaftler sind auch nur Menschen.
Zitat von RukkWas ich bei Wissenschaftlern nicht verstehe: Warum wird um jeden Preis der Erkenntnisgewinn vorangetrieben?
Prestige, Eitelkeit, Karrieregeilheit, Gewinnstreben (nicht nur nach Erkenntnis), Angst vor Jobverlust, mangelnde Zivilcourage.... Mit anderen Worten: Wissenschaftler sind auch nur Menschen.
5. Die sind doch alle völlig durchgeknallt!
abominog 19.01.2013
Womöglich finden wir im Universum nur deswegen keine anderen "intelligenten" Lebewesen, weil sämtliche Zivilisationen, die gewisse Forschungen betrieben haben, sich früher oder später unweigerlich selbst ausgelöscht [...]
Womöglich finden wir im Universum nur deswegen keine anderen "intelligenten" Lebewesen, weil sämtliche Zivilisationen, die gewisse Forschungen betrieben haben, sich früher oder später unweigerlich selbst ausgelöscht haben. Entweder, weil aus Versehen mal irgendein gefährliches Experiment ganz gewaltig in die Hose ging, oder weil irgendwelche Dumpfbacken ja unbedingt die Büchse der Pandora öffnen mussten... Nur weiter so, ihr Narren, nur weiter so! Ich freue mich jetzt schon auf den Ebolaschnupfen!

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter RSS
alles zum Thema Viren
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten