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Wissenschaft

Geschwisterforschung

Der Mythos vom Familienrebell

Perfektionistische Erstgeborene, soziale Sandwichkinder, rebellische Nesthäkchen? Eine Studie mit 20.000 Teilnehmern hat untersucht, ob die Persönlichkeit von der Reihenfolge der Geburten bestimmt wird.

DPA

Spielende Kinder: "Winzige Unterschiede beim Intellekt"

Dienstag, 20.10.2015   11:51 Uhr

Wie emotional, extrovertiert oder gewissenhaft ein Mensch ist, ist völlig unabhängig von der Position als Erstgeborener, Sandwichkind oder Nesthäkchen. Das berichtet ein internationales Forscherteam. Die Persönlichkeit erwachsener Geschwister wird demnach nicht von der Reihenfolge ihrer Geburten bestimmt.

Lediglich "winzige Unterschiede beim Intellekt" habe sie zusammen mit Kollegen in einer Studie festgestellt, sagt die Psychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig. Dass Erstgeborene im Durchschnitt ein klein wenig schlauer sind als ihre jüngeren Geschwister, war bereits vorher gezeigt worden. Allerdings seien die ermittelten Unterschiede "verschwindend klein".

Der in der Laienpsychologie verbreitete Glaube, die Reihenfolge der Geburten forme den Charakter, gehe insbesondere auf den US-Psychologen Frank Sulloway zurück, erklärte Rohrer. Er publizierte 1996 mit "Born to Rebel" ("Der Rebell der Familie") eine Theorie, derzufolge Kinder in der Familie verschiedene Nischen besetzen.

Erstgeborene sah Sulloway zum Beispiel als perfektionistisch an, mittlere Kinder als sozial, Nesthäkchen als Rebellen. In der Wissenschaft sei die Theorie aber umstritten gewesen, meint die Forscherin Rohrer.

Geschwisterpositionen für den Lebenslauf

Mit Kollegen aus Leipzig und Mainz wertete sie Daten dreier fundierter Untersuchungen mit insgesamt mehr als 20.000 Teilnehmern in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland aus. Das Team wollte prüfen, ob die Geschwisterposition für den Lebenslauf einen Unterschied macht. Diese Frage beschäftigt Forscher schon seit dem 19. Jahrhundert.

Antworten waren jedoch oft widersprüchlich. Denn die Datenlage und Art der Auswertung beeinflussten die Ergebnisse maßgeblich, so das Forscherteam. Dabei seien etwa Angaben über das Geschwistergefüge wenig belastbar, wenn sie lediglich von einem Kind pro Familie abgefragt wurden. Zudem müssten Familien mit gleich vielen Kindern verglichen werden, um Missdeutungen zu vermeiden, erläutert Julia Rohrer.

Mit Blick auf die - nach Angaben der Forscher - vier zentralen Eigenschaften Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit zeigte sich bei der neuen Studie keinerlei Zusammenhang mit der Reihenfolge der Geburt, schreibt das Team im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

boj/dpa

insgesamt 35 Beiträge
pandur1234567@yahoo.com 20.10.2015
1. Systemsüchtig
Kann es sein das viele Wissenschaftler überall ein System brauchen? Darauhin werden Systeme zusammen geschustert wo keine sind, nur weil man den bunten Variantenreichtum der Natur nicht erträgt. Das ist auch eine Art der [...]
Kann es sein das viele Wissenschaftler überall ein System brauchen? Darauhin werden Systeme zusammen geschustert wo keine sind, nur weil man den bunten Variantenreichtum der Natur nicht erträgt. Das ist auch eine Art der Simplifizierung des Leben. Gut das es Gegenstudien gibt.
Ein_denkender_Querulant 20.10.2015
2. Wissen bewußt einsetzen
Das Erstgeborene minimal höhere Fähigkeiten haben, ist weit verbreitetes Wissen. Anstatt mir den Ärger mit Nachzüglern anzutun, habe ich lieber drei mal ein erstbegorenes Kind zur Weltgebracht. Die Entscheidung hat sich [...]
Das Erstgeborene minimal höhere Fähigkeiten haben, ist weit verbreitetes Wissen. Anstatt mir den Ärger mit Nachzüglern anzutun, habe ich lieber drei mal ein erstbegorenes Kind zur Weltgebracht. Die Entscheidung hat sich gelohnt!
Nabob 20.10.2015
3. Was muss Psychologie schön sein!
Sich fortwährend mit Dingen zu beschäftigen, die letztlich niemanden interessieren, dafür aber natürlich streng wissenschaftlich auftreten in sogenannten Instituten, die wirtschaftlich nicht auf eigenen Beinen stehen können. [...]
Sich fortwährend mit Dingen zu beschäftigen, die letztlich niemanden interessieren, dafür aber natürlich streng wissenschaftlich auftreten in sogenannten Instituten, die wirtschaftlich nicht auf eigenen Beinen stehen können. Und derartig im Blick getrübt wird natürlich nicht auf etwaige Ursachen geblickt, inwieweit Kinder Kinder eben nicht erziehen können, weil es ihn selbst nicht widerfuhr, und nun die kleinen Micky-Mäuse zu grenzenlosen Allesdürfern heranwachsen lassen, die dann, wenn sie allein auf eigenen - womöglich starken - Füßen stehen sollen, vom Leben jäh enttäuscht werden, weil ihnen ihre Eltern als ewige Kinder eine ganz andere Welt versprachen. Aber der Lobbyismus braucht Nachwuchs und dafür sind die kleinen Gesellschaftsdespoten gerade passend.
thinkagain 20.10.2015
4. Typisch
akademische Psychologie: drei oder vier Skalen einsetzen, in denen höchst oberflächlich ein paar Allgemeinmerkmale abgefragt werden, ein paar Korrelationen rechnen und hinterher glauben, jetzt wäre alles objektiv geklärt. [...]
akademische Psychologie: drei oder vier Skalen einsetzen, in denen höchst oberflächlich ein paar Allgemeinmerkmale abgefragt werden, ein paar Korrelationen rechnen und hinterher glauben, jetzt wäre alles objektiv geklärt. Auweiah..
Marc B. 20.10.2015
5. Systeme bzw. Strukturmerkmale zu suchen macht Sinn
@1: Empirische Wissenschaft bzw. Forschung arbeitet nicht einfach nur aus Spass an der Sache und denkt sich Muster aus, wo keine sind. Ohne derartige "Vereinfachung" ist Wissen überhaupt nicht möglich. Wir [...]
@1: Empirische Wissenschaft bzw. Forschung arbeitet nicht einfach nur aus Spass an der Sache und denkt sich Muster aus, wo keine sind. Ohne derartige "Vereinfachung" ist Wissen überhaupt nicht möglich. Wir sprechen sowohl bei Natur als auch bei Kultur (sofern die Trennlinie sinnvoll ist; als Behelf muss sie reichen) von maximal komplexen, multifaktoriellen Systemen, die praktisch nicht in ihrer Vollständigkeit begreifbar sind. Dennoch haben wir Lebensbereiche, die Wissen benötigen und es ist Aufgabe u.a. bzw. v.a der Wissenschaften, Wissen zu generieren, obwohl das praktisch eigentlich nicht möglich ist. Sie können nur und müssen daher Annäherungswissen produzieren, das wie alles Wissen auf Abruf steht bis man ein Modell findet, das mehr oder besser funktioniert. Doch ohne "Wissen" funktioniert weder Medizin (welcher Art und Schule auch immer), noch funktioniert Psychologie oder sonst eine Art der Lebenshilfe, noch irgendein anderer Bereich unseres Lebens, der für das funktionieren einer Gesellschaft notwendig ist. Ich will mal sehen, wie sie einem Kind, einem Azubi, einem Studenten irgendetwas erklären wollen, ohne Vereinfachungen zu verwenden, auf denen dann komplexere Erklärungen aufbauen können. Der Wunsch jedem Einzelfall gerecht zu werden ist edel aber utopisch und doch haben die Wissenschaften diesen Anspruch, denn das "Modell", die Struktur, die in dieser Studie ermittelt wurde, die steht ja nicht für immer, sondern wird kritisch überprüft, erweitert, verändert, vielleicht widerlegt, durch ergänzende Studien ausdifferenziert. Was wir aber in jedem Fall erwarten können ist, dass das Ergebnis der jetzigen Studie näher an der maximal komplexen Wirklichkeit dran ist, als die Modelle davor und das Nachfolgemodell wird wahrscheinlich ein Stückchen näher dran sein. Man irrt sich voran und steht auf den Schultern von Riesen. Was die Welt wirklich vereinfacht, ist die Resignation zu sagen "Mutter Natur ist so vielfältig und wundervoll, wir können uns eh nicht anmaßen sie zu begreifen und versuchen es gar nicht erst."

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