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Wissenschaft

Klimapolitik

Hawaii rebelliert gegen Trump

Als erster US-Bundesstaat hat Hawaii gesetzlich verankert, an den Zielen des Pariser Klimavertrags festzuhalten. Außerdem in den Wissenschaftsnachrichten von der Inselgruppe: Ureinwohner klagen gegen den Bau einer Sternwarte. Und Megawellen.

REUTERS

Strandbesucher in Kailua-Kona, Hawaii

Aus Hawaii berichtet
Montag, 19.06.2017   13:46 Uhr

+++ Prozess um 30-Meter-Teleskop +++

Hawaii ist ein Mekka für Astronomen. Nirgendwo auf der Nordhalbkugel gibt es bessere Sicht aufs Firmament. Viele der weltbesten Teleskope stehen hier, und dennoch: Was fällt Google als erstes ein, wenn man "telescope" und "hawaii" ins Suchfenster tippt? Der Begriff: "protest". Für die Astronomen auf der Pazifikinsel ist es schier zum Verzweifeln: Seit 20 Jahren schon hintertreibt eine kleine Gruppe radikaler Einheimischer jeden Neubau auf dem Mauna Kea. Die Sternenwarte, so argumentieren diese, verletze die Heiligkeit des 4200 Meter hohen Vulkans.

Jetzt steht der Showdown um eines der ehrgeizigsten Astronomie-Projekte bevor: das "Thirty Meter Telescope" (TMT). Zwar sind die Astronomen zuversichtlich, den Prozess um das spektakuläre Gerät mit seinem 30-Meter-Spiegel gewinnen zu können, doch bis das oberste Gericht sein Urteil fällt, ist es möglicherweise zu spät: Jede Verzögerung des Baus kostet Millionen, und die Geldgeber werden nervös. Sie erwägen derzeit, den Plan B zu aktivieren: Der sieht vor, dass das TMT auf die kanarischen Inseln umzieht. Auf Gran Canaria sind die Bedingungen zwar schlechter, dafür stören keine einheimischen Protestler.

+++ Navigation nach den Sternen +++

Hawaiis Astronomen können einem leidtun: Rührend, wie sie darum bemüht sind, sich gut mit den Ureinwohnern der Inselkette zu stellen. So zum Beispiel am Samstag, als das berühmte Doppelrumpfkanu Hokulea von seiner Weltumsegelung zurückkam. Zwei Abende vor der großen "Homecoming"-Zeremonie trafen sich die Astronomen, um alte hawaiianische Begrüßungslieder einzustudieren.

Das Schiff, ein Nachbau eines der alten Hochseekatamarane, mit denen einst die Polynesier den Pazifik erobert haben, hat Kultstatus in Hawaii. Seine Jungfernfahrt in den Siebzigerjahren löste eine Renaissance des polynesischen Identitätsbewusstseins aus.

DPA

Das Doppelrumpf-Kanu "Hokulea" segelt vor der Insel Oahu

Nun ist die Hokulea drei Jahre lang auf allen Weltmeeren unterwegs gewesen, gesteuert allein mit der traditionellen Navigationskunst der polynesischen Steuerleute. Auch mit dieser befassten sich die Astronomen vorab: Anlässlich des "Homecoming" stellten sie ein Virtual-Reality-Programm auf ihre Website, mit dem jedermann die Hokulea steuern und so die Navigation nach den Sternen lernen kann.

+++ Hawaii stellt sich gegen Donald Trump +++

Traditionsbewusstsein auch in der hawaiianischen Politik: Der Inselstaat stellt sich an die Spitze der US Climate Alliance, eines US-Staatenbundes, der sich dem von Präsident Trump beschlossenen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen verweigert. Mit dabei sind unter anderem Kalifornien, New York und Massachusetts. Hawaii ist der erste der bisher 13 rebellierenden Staaten, der jetzt auch gesetzlich festgeschrieben hat, die in Paris beschlossenen Klimaziele einhalten zu wollen. "Als Inselstaat sind wir uns der Grenzen der Natur besonders bewusst", erklärte Gouverneur David Ige.

Gleichzeitig unterzeichnete er ein zweites Gesetz, das Methoden nachhaltiger Landwirtschaft fördern soll. Hawaii wolle damit an Techniken anknüpfen, welche die Einheimischen einst zu beherrschen lernten, als noch keine Containerschiffe, keine Flugzeuge und kein amazon.com die entlegene Inselgruppe mit dem Festland verband.

+++ Gefahr durch Mega-Tsunami +++

Eigentlich können Wellen den Hawaiianern nicht hoch genug sein. Rhett Butler aber warnt, dass alle paar Jahrhunderte eine kommt, die selbst den tollkühnsten Surfer das Fürchten lehren kann. In den nächsten 50 Jahren, so hat der Geophysiker ausgerechnet, liegt die Gefahr, dass ein Mega-Tsunami große Verwüstung auf der Inselkette auslöst, bei immerhin zehn Prozent.

Auf Spuren eines solchen Desasters ist der Forscher jetzt in der Makauwahi-Höhle auf der sogenannten Garteninsel Kauai gestoßen. Dort aufgefundene Korallensplitter, so das Ergebnis seiner Kohlenstoffdatierung, seien im 16. Jahrhundert angespült worden. Butler geht davon aus, dass die Ursache ein gewaltiges Erdbeben war, das die zu Alaska gehörenden Aleuten erschütterte. Von dort raste ein Tsunami quer über den Pazifik. Seine verheerende Wirkung haben die Japaner im Jahr 1586 aufgezeichnet. Butlers Forschung hat die Regierung in Hawaii bereits veranlasst, neue Evakuierungszonen für Extrem-Tsunamis festzulegen.

+++ Prachtfedern im Austausch fürs Lebenlassen +++

Zum Schluss noch eine tragische, eine ergreifende Geschichte aus dem örtlichen Bishopmuseum. Sie erzählt von einem Vertrag, den einst die Vögel Hawaiis mit den polynesischen Ureinwohnern abschlossen.

Das Bishopmuseum beherbergt die umfänglichste kulturgeschichtliche Sammlung der Pazifikvölker, als besonderer Schatz gelten die leuchtend-bunten Ahu-ahus. So heißen die prachtvollen Federumhänge der hawaiianischen Herrscher, die diese bei festlichen Anlässen aber auch in der Schlacht trugen. Gewoben sind sie aus Zigtausenden von Vogelfedern. Im legendären Ahu-ahu von Häuptling Kalani-Opuu zum Beispiel sind diejenigen von 20.000 einzelnen Vögel verarbeitet.

imago/ United Archives

Mohos

Um an den kostbaren Schmuck heranzukommen, töteten die Hawaiianer die Tiere allerdings nicht. Die besonders begehrten gelben Federn zum Beispiel stammen von Krausschwänzen, auch Mohos genannt. Weil die Jäger wussten, dass diese Tiere Süßes lieben, bestrichen sie Stöcke mit Honig, und warteten dann, bis ein Vogel beim Naschen daran kleben blieb. Vorsichtig rupften sie ihm dann einige seiner leuchtend gelben Brust- und Hüftfedern aus und entließen ihn sodann wieder in die Freiheit.

Prachtfedern im Austausch fürs Lebenlassen - vermutlich jahrhundertlang hielt dieser Vertrag. Dann kamen die Europäer, die sich für die Federn der Mohos nicht interessierten. Sie scherten sich nicht darum, dass der Lebensraum dieser Vögel schwand. Alle vier Arten der Moho-Familie sind heute ausgestorben. Es bleibt von ihnen nur noch das prachtvolle Gelb der Ahu-ahus im Bishopmuseum.

insgesamt 13 Beiträge
prof._gonzo 19.06.2017
1. TMT Plan B
Das TMT soll alternativ auf La Palma errichtet werden und nicht wie im Artikel beschrieben auf Gran Canaria.
Das TMT soll alternativ auf La Palma errichtet werden und nicht wie im Artikel beschrieben auf Gran Canaria.
shalom-71 19.06.2017
2. Falsche Darstellung
Es ist nicht nur eine kleine Minderheit von Hawaianern, die gegen immer wieder neuere (und grössere) Teleskope auf ihrem heiligen Berg sind. Allerdings hat nur eine Minderheit den Mut, sein Unbehagen wirklich laut auf die [...]
Es ist nicht nur eine kleine Minderheit von Hawaianern, die gegen immer wieder neuere (und grössere) Teleskope auf ihrem heiligen Berg sind. Allerdings hat nur eine Minderheit den Mut, sein Unbehagen wirklich laut auf die Strasse zu tragen. Würde es auf Hawai eine Volksabstimmung zu den Teleskopen geben, wäre wohl eine grosse Mehrheit gegen die Neubauten.
Alderamin 19.06.2017
3. Nö.
2 von 3 Hawaiianern wären laut einer Umfrage vom April 2017 für den Bau des Teleskops. http://www.hawaiinewsnow.com/story/35181759/on-key-controversial-issues-hawaii-not-as-divided-as-it-appears
Zitat von shalom-71Es ist nicht nur eine kleine Minderheit von Hawaianern, die gegen immer wieder neuere (und grössere) Teleskope auf ihrem heiligen Berg sind. Allerdings hat nur eine Minderheit den Mut, sein Unbehagen wirklich laut auf die Strasse zu tragen. Würde es auf Hawai eine Volksabstimmung zu den Teleskopen geben, wäre wohl eine grosse Mehrheit gegen die Neubauten.
2 von 3 Hawaiianern wären laut einer Umfrage vom April 2017 für den Bau des Teleskops. http://www.hawaiinewsnow.com/story/35181759/on-key-controversial-issues-hawaii-not-as-divided-as-it-appears
jjpreston 19.06.2017
4.
Zumal es ja nicht das erste und einzige Teleskop wäre. Da stehen schon ein paar. Man stelle sich mal vor, es käme jemand auf den Draht, ein solches Teleskop auf dem Tempelberg in Jerusalem... undenkbar? Warum eigentlich? [...]
Zitat von shalom-71Es ist nicht nur eine kleine Minderheit von Hawaianern, die gegen immer wieder neuere (und grössere) Teleskope auf ihrem heiligen Berg sind. Allerdings hat nur eine Minderheit den Mut, sein Unbehagen wirklich laut auf die Strasse zu tragen. Würde es auf Hawai eine Volksabstimmung zu den Teleskopen geben, wäre wohl eine grosse Mehrheit gegen die Neubauten.
Zumal es ja nicht das erste und einzige Teleskop wäre. Da stehen schon ein paar. Man stelle sich mal vor, es käme jemand auf den Draht, ein solches Teleskop auf dem Tempelberg in Jerusalem... undenkbar? Warum eigentlich? (Ich warte eigentlich darauf, dass Poli'ahu von der Missachtung ihrer Heimat die Nase voll hat und aufhört, Pele im Zaum zu halten.)
AxelSchudak 19.06.2017
5.
Unsinniger Vergleich. Verschiedene Religionen haben sogar einen ganzen Tempel da hingebaut, so heilig ist denen der Berg... Mir erscheint ein Bau, der dem Gipfel menschlichen Strebens nach Erkenntnis dient geradezu als [...]
Zitat von jjprestonZumal es ja nicht das erste und einzige Teleskop wäre. Da stehen schon ein paar. Man stelle sich mal vor, es käme jemand auf den Draht, ein solches Teleskop auf dem Tempelberg in Jerusalem... undenkbar? Warum eigentlich? (Ich warte eigentlich darauf, dass Poli'ahu von der Missachtung ihrer Heimat die Nase voll hat und aufhört, Pele im Zaum zu halten.)
Unsinniger Vergleich. Verschiedene Religionen haben sogar einen ganzen Tempel da hingebaut, so heilig ist denen der Berg... Mir erscheint ein Bau, der dem Gipfel menschlichen Strebens nach Erkenntnis dient geradezu als ideal geeignet für einen heiligen Berg - zumal noch ein Teleskop dazu führt, das weitere Bebauung (wg. Licht) verhindert wird.

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