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Wissenschaft

DNA-Spuren

Kam der Mensch schon viel früher nach Europa?

Er machte sich vor etwa 300.000 Jahren auf den Weg nach Europa: Wissenschaftler haben einen bislang unbekannten Vorfahren des Menschen aufgespürt. Eine Liebschaft machte es möglich.

Wolfgang Adler/ Museum Ulm/ DPA

Eingang zur Hohlenstein-Stadel Höhle im Lonetal, Baden-Württemberg

Dienstag, 04.07.2017   18:35 Uhr

Es beginnt alles mit einem Oberschenkel eines Neandertalers, der in einer Höhle im Lonetal in Baden-Württemberg entdeckt wurde. Ein großes Tier hatte bereits an ihm herumgenagt. Etwa 124.000 Jahre hatte der Knochen dort gelegen, bis Wissenschaftler ihn untersuchten und eine erstaunliche Entdeckung machten.

Die mitochondriale DNA im Knochen unterschied sich deutlich von allen anderen bisher untersuchten Neandertalern, wie die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature Communications" schreiben.

Die Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle und besitzen eigenes Erbgut, das nur von der Mutter weitergegeben wird. Der Urmensch aus dem Lonetal muss deshalb andere Vorfahren haben als andere Neandertaler.

Liaison mit Folgen

Mithilfe von Mutationen im Erbgut der Mitochondrien konnten die Forscher zurückrechnen, wann sich die verschiedenen Gruppen geteilt haben müssen. Sie kamen zu dem Schluss: Eine Gruppe von Urmenschen muss bereits vor 220.000 bis 470.000 Jahren aus Afrika nach Europa eingewandert sein.

Oleg Kuchar/ Museum Ulm

Oberschenkelknochen eines Neandertalers aus der Hohlenstein-Stadel Höhle

Dort trafen sie auf Neandertaler und vermischten sich mit ihnen. Durch diese Liebschaften hinterließen die Urmenschen Spuren im Erbgut der Neandertaler. "Wir können noch nicht genau sagen, wer diese Urmenschen waren", sagte Cosimo Posth vom Max-Planck-Institut in Jena, der an der Studie mitgearbeitet hat.

Es handele sich entweder bereits um den modernen Menschen oder um eine bisher unbekannte Menschenart, die dem Homo Sapiens bereits sehr ähnlich war. Der in Deutschland gefundene Oberschenkelknochen wirft ein neues Licht auf die Ausbreitung des Menschen.

DER SPIEGEL

Etappen der Menschwerdung nach bisherigen Erkenntnissen

Nach bisheriger Lehrmeinung entstand der moderne Mensch in Ostafrika vor etwa 200.000 Jahren und verbreitete sich von dort um die Welt aus. Vor etwa 40.000 Jahren erreichte er demnach Europa. Die neuen Forschungsergebnisse legen nun nahe, dass der moderne Mensch Europa viel früher erreicht haben könnte, bereits vor 220.000 bis 470.000 Jahren.

Mehrere Studien rütteln derzeit am Zeitplan der Menschwerdung. Erst Anfang Juni hatten Fossilien des modernen Menschen aus Marokko für Aufsehen gesorgt. Sie zeigten, dass der moderne Mensch offenbar deutlich vor 300.000 Jahren und nicht allein in Ostafrika entstand.

Im Mai stellten Forscher des Senckenberg-Instituts die These auf, nicht Afrika sei die Wiege der Menschheit, sondern der Balkan. Im April verblüfften Forscher mit der Behauptung, der Mensch sei schon 115.000 Jahre früher nach Amerika gekommen als bisher gedacht - und das womöglich mit Booten. Die Studien zeigen, dass die Menschwerdung möglicherweise deutlich komplexer verlaufen ist als bisher vermutet.

koe/dpa

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