Mexiko
Archäologen legen Turm aus Schädeln frei
- Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.
DER SPIEGEL/ Rick Friedman
+++ Turm aus Menschenschädeln +++
Gruselige Nachrichten aus Mexiko City: Archäologen legen dort die Fundamente eines Turmes frei, der aus menschlichen Schädeln gemauert ist. 700 Augenhöhlen-Paare stieren schon jetzt aus dem jahrhundertealten Gemäuer, doch wenn die Schilderungen der spanischen Konquistadoren zutreffen, ist das erst der Anfang: Andrés de Tapia, einer der Soldaten des Eroberers Hernán Cortés, stand hier einst schaudernd vor dem Tempel des aztekischen Sonnen- und Kriegsgottes Huitzilopochtli. An einer Ecke des Baus ragte der Schädelturm empor. De Tapia zählte, rechnete, dann kam er zu dem Schluss: "Das sind 136.000 Köpfe."
Besonders überrascht es die Archäologen, dass in dem Schädelturm auch Frauen- und Kinderschädel vermauert sind. Anders als die Forscher bisher angenommen hatten, scheint es sich bei den Toten folglich nicht nur um geopferte Kriegsgefangene zu handeln.
Der Fund wird die Debatte um die blutigen Rituale der Azteken wiederbeleben. Unstrittig ist inzwischen, dass dieses Volk in seiner Hauptstadt Tenochtitlán den Göttern vielfach Menschenopfer darbrachte. Unklar ist dagegen, wie viele der bluttriefenden Berichte der Spanier, die von zuckenden Herzen, Häutungen und kannibalistischen Orgien erzählen, Übertreibungen sind.
+++ Gericht stoppt Leiter der US-Umweltbehörde +++
Aus Washington ein zartes Zeichen der Hoffnung: Ein Gericht hat Scott Pruitt, den Chef der Umweltbehörde EPA, in die Schranken gewiesen. Er wollte Obamas Gesetz zur Verhinderung von Methanlecks in der Öl- und Gasindustrie aussetzen. Mit scharfen Worten verbieten ihm das jetzt die Richter: Sein Vorgehen sei "willkürlich, kapriziös und jenseits der Befugnis", heißt es in dem Urteil.
Getadelt wird hier der effizienteste Mann im Team des neuen US-Präsidenten. Während sich viele von Trumps Leuten als Dilettanten erweisen, lässt sich dies von Pruitt nicht behaupten: Er packt an. 30 Gesetze und Regelungen der Vorgänger-Regierung hat er seit seinem Amtsantritt bereits blockiert, gestoppt oder verzögert. Ganz gleich, ob es um Pestizide, Wasserverschmutzung oder um den Unfallschutz in der chemischen Industrie geht, stets zeigt sich dasselbe Muster: Pruitt holt sich Rat von jenen, die seine Behörde eigentlich kontrollieren soll, und meidet jeden Kontakt mit den eigenen Fachleuten.
Ob das jüngste Urteil ihn dauerhaft bremsen kann, ist noch ungewiss. Derzeit prüft die EPA auf seine Anordnung hin einen Widerspruch beim Supreme Court.
+++ Abtransport von Kohlenstoff in die Tiefsee stockt +++
Wo bleibt all das Kohlendioxid, das der Mensch in die Atmosphäre pustet? Dies könnte sich als eine Schicksalsfrage für den Planeten Erde erweisen.
Wer den menschlichen Einfluss aufs Klima verstehen will, muss nicht nur den Ausstoß an Treibhausgasen kennen, sondern auch wissen, was mit diesen Gasen passiert. Bisher gehen die Forscher davon aus, dass Pflanzen gut die Hälfte des vom Menschen produzierten Kohlendioxids aufnehmen und dauerhaft im Erdboden oder am Ozeangrund ablagern.
Doch zuletzt meldeten Messstationen Beunruhigendes: Obwohl der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß erstmals stagniert, schießen die in der Luft gemessenen CO2-Werte schneller denn je nach oben. Klimaforscher vom MIT haben jetzt Modellrechnungen veröffentlicht, die helfen könnten, diesen Widerspruch zu erklären: Die Wissenschaftler fürchten, dass der Abtransport von Kohlenstoff in die Tiefsee stockt. Je mehr sich das Oberflächenwasser erwärme, desto weniger Phytoplankton riesele in die Tiefe. Es ist, als sei die Müllabfuhr des Planeten Erde in einen Streik getreten.
Die Autoren der Studie können den Effekt auch quantifizieren: Normalerweise sinken ihren Angaben zufolge jährlich sechs Milliarden Tonnen Biomasse auf den Ozeangrund ab. In Folge der Erwärmung seien es seit Anfang der Achtzigerjahre jedoch rund 1,5 Prozent weniger geworden. Dies, so mahnen die Autoren der Studie, entspricht immerhin ungefähr dem Gesamtbeitrag Großbritanniens zum Treibhauseffekt.


