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Wissenschaft

Politik trifft Wissenschaft

Herr Hofreiter schmilzt dahin

Wie viel Wissenschaft verträgt die Politik? Und wie viel Politik verträgt die Wissenschaft? Eine Reise mit Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ins ewige Eis Grönlands.

SPIEGEL ONLINE
Ein Beitrag zur Themenwoche "Umwelt" von
Montag, 07.08.2017   10:11 Uhr
Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
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Warum ist er eigentlich nicht Professor geworden? Jedenfalls doziert er gern. Immer wieder beugt sich Anton Hofreiter bei der Wanderung zum Russelgletscher zu Boden und stößt Rufe der Begeisterung aus. Hier will eine Weiße Silberwurz bewundert und besprochen werden, da ein Stängelloses Leimkraut und dort eine Lapplandalpenrose. Auch das Prinzip der "disjunkten Verbreitung" - eine Art ist in zwei räumlich getrennten Gebieten zu Hause - will erklärt sein. Gern mehrmals.

Ein paar Schritte weiter läuft der Politiker dann zu besonders großer Form auf. Vorn beim Gletscher steht man auf blankem Fels, rau und schroff. Das Eis ragt gegenüber auf wie eine Wand. Hofreiter ist hin und weg, vor allem vom Untergrund. "Besonders auffällig ist hier jegliches Fehlen von Moosen und Flechten", erklärt der Grünen-Fraktionschef im Bundestag seinen Zuhörern. "Hier war ja vor Kurzem noch der Gletscher."

In der Tat. Und dass Grönlands Gletscher vielerorts zurückweichen, war für Hofreiter auch der Grund, überhaupt auf die riesige Arktisinsel zu kommen. Fünf Tage lang war er dort kürzlich Gast, um ein internationales Wissenschaftlerteam zu besuchen, das mitten auf dem riesigen Eisschild eine Bohrung vorantreibt. Das Ziel dieses "Eastgrip"-Projekts: Ein zweieinhalb Kilometer langer Eiskern soll Antworten auf die Frage liefern, wie es mit Grönland weitergeht.

Seit Jahren verliert die Insel im Sommer deutlich mehr Eis als im Winter dazukommt. Der weltweite Meeresspiegel wird dadurch steigen. Klar, dass das wiederum einen Spitzenpolitiker einer Partei interessiert, zu deren Selbstbild das Eintreten für den Klimaschutz gehört.

Im Video: Ein Bohrcamp auf dem Eis

Foto: SPIEGEL ONLINE

Hofreiter will aber auf Grönland nicht nur selbst reden. Er will - vor allem - zuhören, will verstehen. "Mir Erfahrungen aus erster Hand zu holen, das steigert auch meine Glaubwürdigkeit", sagt er. "Ich besuche gern wissenschaftliche Einrichtungen. Es ist einfach spannend, sich mit wissenschaftlich denkenden Menschen zu unterhalten."

Wie ist es nun aber wirklich, wenn Politik auf Wissenschaft trifft? Wie viel kann man innerhalb weniger Tage tatsächlich lernen? Geht es am Ende bei solchen Reisen nicht doch nur um schöne Bilder?

Mit roter Polarjacke vor Grönlands Eis haben sich ja schon andere fotografieren lassen - Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der jetzige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) zum Beispiel. Prompt mussten diese sich dann von Grünen vorwerfen lassen, das Ganze sei vor allem eine Show gewesen. Hofreiter will hier auf Grönland anders wahrgenommen werden. "Ich bin als Politiker glaubwürdiger", sagt er, "wenn ich sagen kann, tatsächlich mit Menschen gesprochen zu haben".

Dass er sich dafür fünf Tage Zeit nimmt, klingt schon mal ganz gut. Wenngleich es dem Thema und dessen Bedeutung für seine Partei wohl in jedem Fall angemessen ist. Immerhin mühen sich die Grünen ja, im Bundestagswahlkampf ein sichtbares Profil zu entwickeln - und setzen dabei auf das Versprechen, allein sie würden wirklich für die Rettung des Klimas einstehen.

Auf den zweiten Blick sind fünf lange Tage Grönland aber vor allem logistischen Notwendigkeiten geschuldet. Denn im Bohrcamp selbst inmitten der riesigen Eismassen ist die Zeit eher knapp. Aber die Anreise aus Berlin über die dänische Hauptstadt Kopenhagen und das grönländische Kangerlussuaq dauert eben lange. Und vor Ort hängt der Flug auf das Inlandeis davon ab, wann das Wetter gut genug ist, dass die LC-130-Versorgungsmaschinen des US-Militärs überhaupt starten können.

Im Video: Der Polarflieger Lockheed LC-130

Foto: SPIEGEL ONLINE

Andererseits: Auch zwischen Tür und Angel kann Hofreiter gut Gespräche mit Forschern führen. Und er genießt das sichtlich. Im Camp arbeiten jeweils um die 30 Menschen, die den Sommer über nach Bedarf ausgewechselt werden. Die meisten sind nur ein paar Wochen vor Ort. Mit An- und Abreisenden kann der Politiker lange sprechen: im Flieger, im Warteraum der Forscherunterkunft am grönländischen Flughafen Kangerlussuaq - und bei Wanderungen wie der zum Russelgletscher.

Hofreiter, das wird dabei schnell klar, spricht die Sprache der Wissenschaftler. Also nicht unbedingt vom Linguistischen her. Sein kehliges Englisch ist manchmal ein bisschen eingerostet, wie er auch selbst zugibt. Doch es ist so, dass die Art des Politikers zu sprechen, eben auch die eines Wissenschaftlers ist.

Das liegt daran, dass Hofreiter lange selbst Forscher war - und den Traum einer wissenschaftlichen Karriere erst Jahre nach seinem Wechsel in die Bundespolitik wirklich zu den Akten gelegt hat. In München hat er Biologie studiert, das Diplom gemacht, später dann sogar mit einer Arbeit über eine Pflanzengattung in Südamerika, die Bomarien, promoviert.

Fotostrecke

Hofreiter auf Grönland: Ein Politiker im Eis

Über die Zeit in Südamerika spricht der Politiker gern. Wie er mit Rucksack, Machete, Hängematte und Zelt in den Anden unterwegs war. Wie er sich bei einer der Expeditionen im Bergregenwald das Wadenbein brach. Und zwar gleich sieben Mal. Wie er sich anschließend humpelnd, per Anhalter und mit Kleinbussen nach Lima zu einem Arzt durchschlug - "da war der Fuß schon schwarz-blau".

Hofreiter hat mehrere Pflanzenarten erstmals beschrieben und rund ein Dutzend Fachartikel veröffentlicht. Er verhandelte noch über eine Habilitationsstelle im dänischen Aarhus, als er längst im Bundestag saß. Solche Dinge sind es, die dem Politiker im Gespräch mit den Forschern Street Credibility bescheren.

Im Video: Grönlands bedrohte Schönheit

Foto: SPIEGEL ONLINE

Politik und Wissenschaft, das sind oft zwei Sphären, die wenig miteinander zu tun haben. Und das ist nicht immer ganz schlecht. Wenn Wissenschaftler versuchen, Politik zu machen, wird das schnell zum Problem. Ihnen fehlt eine demokratische Legitimation, Entscheidungen für den Rest der Gemeinschaft zu treffen. Und selbst wenn die Forscher fachlich brillant sind, fehlen ihnen womöglich das Wissen und die Geduld, wie sich verschiedene gesellschaftliche Anforderungen unter einen Hut bringen lassen.

Und doch haben nicht zuletzt Klimaforscher genau das immer wieder versucht: Politik zu machen. Mindestens genauso problematisch ist es freilich, wenn Politiker versuchen, sich in die Wissenschaft einzumischen. Wenn sie die finanzielle Unterstützung bestimmter Forschungsfelder kappen, die ihnen ideologisch missfallen. Weil sie Leitungsfunktionen nicht nach wissenschaftlicher Exzellenz besetzen, sondern nach Parteibuch. Wenn sie Wissenschaftler in ihrer Arbeit behindern wollen.

Genau das passiert derzeit zum Beispiel in den USA. "Klimawissenschaftler werden massiv angefeindet. Da geht es auch um Solidarität", sagt Hofreiter. Mit seinem Besuch in Grönland wolle er genau die zeigen.

Im Video: Hofreiter erklärt seinen Besuch in Grönland:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Forscher wissen das durchaus zu schätzen. Nicht zuletzt aber wollen sie in Ruhe ihren Job machen.

Und der Job von Politikern ist es im Zweifel, ihnen das zu ermöglichen. Und ihnen mit ehrlichem Interesse zuzuhören. So wie Hofreiter das tut. Wenn man ihm einen Vorwurf machen wollen würde, dann noch am ehesten den, dass er selbst manchmal auch ein bisschen gern redet. Aber das muss man sicher als Berufskrankheit verbuchen.

Zurück in Deutschland redet Hofreiter weiterhin viel. Und zwar von seiner Reise nach Grönland. Die Grünen treffen sich im Berliner Velodrom zu ihrem Bundesparteitag. Als der Fraktionschef ans Rednerpult tritt, ist es beinahe unvermeidlich, dass er mit seinen Erfahrungen aus erster Hand punkten will: "Liebe Freundinnen und Freunde", beginnt er. "Ich bin erst vor wenigen Tagen aus der Arktis zurückgekehrt…".

Es wird, so sehen es zumindest die Beobachter, eine gute Rede.

Ach ja, die Sache mit den Bildern. Hofreiter hat natürlich auch welche machen lassen, auf Grönland. Es sind gute, überzeugende Bilder. Ohne geht's einfach nicht. Auch wenn man eigentlich vor allem gekommen ist, um zuzuhören.

insgesamt 141 Beiträge
erst nachdenken 07.08.2017
1.
Mehr Hofreiters und weniger Görings, Özdemirs und Roths - dann könnte man diese Partei auch mal wählen. Leider haben immer noch die Ideologieblinden die Oberhand.
Mehr Hofreiters und weniger Görings, Özdemirs und Roths - dann könnte man diese Partei auch mal wählen. Leider haben immer noch die Ideologieblinden die Oberhand.
mike301243 07.08.2017
2. Herr Hofreiter hat ja einiges drauf!
Nur schade, dass er nichts von Politik versteht!
Nur schade, dass er nichts von Politik versteht!
querulant_99 08.08.2017
3.
Politiker und Wissenschaftler in Personalunion ist ein Widerspruch in sich. Ein Wissenschaftler strebt den Erkenntnisgewinn zum Nutzen aller an. Ein Politiker versucht, für die eigene Anhängerschaft die größten Vorteile [...]
Politiker und Wissenschaftler in Personalunion ist ein Widerspruch in sich. Ein Wissenschaftler strebt den Erkenntnisgewinn zum Nutzen aller an. Ein Politiker versucht, für die eigene Anhängerschaft die größten Vorteile herauszuschlagen, auch wenn seine Ziele eher nachteilig für die meisten Menschen sind.
lupenreinerdemokrat 09.08.2017
4. Kurze Fragen, kurze Antworten
"Wie viel Wissenschaft verträgt die Politik?" So viel wie nötig ist, um richtige Entscheidungen zu treffen. " Und wie viel Politik verträgt die Wissenschaft?" Außer im Fachbereich [...]
"Wie viel Wissenschaft verträgt die Politik?" So viel wie nötig ist, um richtige Entscheidungen zu treffen. " Und wie viel Politik verträgt die Wissenschaft?" Außer im Fachbereich "Politikwissenschaften" hat Politik in der Wissenschaft nicht das geringste zu suchen.
crewmitglied27 09.08.2017
5. Wenn es Herrn Hofreiter
so wichtig gewesen wäre, hätte er die Reise schon vor ein paar Monaten antreten müssen. Das Eis schmilzt ja nicht erst seit gestern. So ist es nur ein Wahlkampfauftritt, auf dessen Zug die Medien mal wieder mit Verve [...]
so wichtig gewesen wäre, hätte er die Reise schon vor ein paar Monaten antreten müssen. Das Eis schmilzt ja nicht erst seit gestern. So ist es nur ein Wahlkampfauftritt, auf dessen Zug die Medien mal wieder mit Verve aufgesprungen sind. Ein vor Schmalz triefender Text. Hofreiter halte ich persönlich für einen Heuchler. Es erinnert sehr an den Auftritt von Schröder in Gummistiefeln.
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