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Wissenschaft

Ideologien

Der Untergang taugt nicht als Utopie

Die Faszination für den Kollaps der Zivilisation findet sich in der Literatur und auch in der Ideologie zwei sehr unterschiedlicher Bewegungen. Doch die Sehnsucht nach dem Zusammenbruch taugt nicht als politisches Ziel.

DPA

Demonstrant beim G20-Gipfel in Hamburg

Eine Kolumne von
Sonntag, 16.07.2017   15:54 Uhr

"Etwas explodiert, wir zucken, schauen aus dem Fenster, Rauch steigt in die Wolken, ich schau dir in die Augen, ist es das, was wir wollten?"

Grim 104, "Der kommende Aufstand"

Die Verlagskataloge der vergangenen Jahre enthalten viele Werke, in denen es um den Zusammenbruch der Zivilisation geht, und um das, was danach kommt. Egal, ob in der hohen Literatur, in Thrillern oder in Sachbüchern: Der Zusammenbruch verkauft sich.

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Heft 29/2017
Die Akte Hamburg
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

In Comack McCarthys herzzerreißendem Roman "The Road" ist der Untergang eigentlich schon vollzogen, die Entsetzlichkeit seiner postapokalyptischen Welt ist kaum zu ertragen. In Alan Weismans Sachbuch "Die Welt ohne uns" wird nüchtern berichtet, was mit dem Globus passieren würde, wenn die Menschen weg wären - trotzdem wurde es zum Bestseller.

In Marc Elsbergs "Blackout" schließlich wird ein Szenario durchgespielt, das sich wohl manche erstaunlicherweise herbeisehnen: Eine kleine Gruppe Terroristen legt mithilfe gezielter Angriffe auf kritische Infrastruktur binnen kürzester Zeit ganz Europa lahm. Die Lebensmittelversorgung bricht zusammen, Faustrecht herrscht, für zivilisierte Mitteleuropäer wird der Besitz einer Schusswaffe erstrebenswert.

Es gibt, nicht nur unter denen, die sich bei den G20-Krawallen Hamburg dem schwarzen Block angeschlossen haben, eine durchaus nennenswerte Zahl von Menschen, die sich genau so ein Szenario wünschen. Es sind seit dem Ende des Gipfels eine ganze Reihe interessanter Texte über dieses Thema erschienen, zum Beispiel dieser von Martin Kaul in der "taz".

Verachtung für die organisierten Linken

Kaul war im Schanzenviertel dabei in der Randalenacht vom 7. Juli, ein Randalierer schlug ihn nieder. In seinem Artikel versucht er trotzdem, die Motivation derer zu verstehen, die da zerstörten und zündelten, und zwar unter Rückgriff auf das von einer anonymen französischen Gruppierung 2007 veröffentlichte Manifest "Der kommende Aufstand". Das Buch ist mittlerweile in viele Sprachen übersetzt und hat Einzug in die linke Popkultur gefunden - etwa in dem eingangs zitierten Hip-Hop-Track des deutschen Rappers Grim 104.

Die "Aufstand"-Autoren finden die kapitalistische Konsumgesellschaft in all ihren Ausprägungen und Auswirkungen abstoßend und hassenswert. So hassenswert, dass sie sie zerstört sehen wollen. Immer, wenn es allerdings darum geht, wie genau das Leben eigentlich danach funktionieren soll, bleiben sie vage.

Ein Leben in ländlichen Kommunen mit Subsistenzwirtschaft scheint das Ziel zu sein. Menschen versorgen sich selbst und betreiben zusätzlich Tauschwirtschaft - ein Rückschritt in vorindustrielle Zeiten. Für die organisierten Linken, die die Welt innerhalb der bestehenden Strukturen verändern wollen, haben die Autoren nur Verachtung übrig.

In einem weiteren lesenswerten Text macht der Religionswissenschaftler Michael Blume auf eine auf den ersten Blick verblüffende Parallele aufmerksam. Er vermutet unter den ideologisch Motivierten unter den Randalierern eine quasi-religiöse Logik: "Wenn sich alle utopischen Hoffnungen in dieser säkularen Zeit erfüllen (oder scheitern) müssen - dann liegt der Traum von entfesselter Gewalt nahe, schein-legitimiert durch eine mythologische Hoffnung auf ein apokalyptisches Paradies nach der großen Zerstörung."

Die verblüffende Parallele zum IS

Es gibt noch eine weitere Gruppierung, deren Mitglieder sich gern schwarz kleiden und die die Welt auf einen zwangsläufigen apokalyptischen Endkampf zutreiben sieht. Die Ideologie der IS-Terrormiliz umfasst sehr explizite Vorstellungen darüber, wie genau die Welt, wie wir sie kennen, zugrundegehen wird.

Einen Endkampf der "Armeen des Islam" gegen die "Armee Roms" soll es geben, und später den Showdown zwischen einem massenmordenden Antimessias und Jesus persönlich. Die Vorstellung dieser Apokalypse ist eine zentrale Säule der Ideologie des IS, und sie wird, so berichten es Fachleute, auch von seinen einfachen Fußsoldaten permanent wiederholt.

Sowohl die Anarchisten im Westen als auch die selbst ernannten Gotteskrieger im Nahen Osten sehnen den Zusammenbruch der westlichen Zivilisation herbei, beide wollen ökonomisch-zivilisatorisch zurück ins Mittelalter - aber dort enden die Parallelen dann auch.

Was die Gesellschaft angeht, die nach der Apokalypse kommt, könnten die Vorstellungen unterschiedlicher kaum sein: Hier der regel- und hierarchiebasierte Gottesstaat mit seiner Vielzahl von Verboten und keinerlei Rechten für Frauen, dort die Utopie vom egalitären Kollektiv, das sich irgendwie selbst versorgt, ohne dafür allzu viel arbeiten zu müssen.

"Kindergeld vom Schweinestaat"

Die geteilte Begeisterung für den Untergang ist augenscheinlich geeignet, gerade junge Männer, die auf der Suche nach einem scheinbar legitimen Ventil für ihre Aggression sind, zu faszinieren. Will man solche Menschen erreichen, und das ist zweifellos schwierig, könnte man vielleicht an diesem Punkt ansetzen: Indem man einerseits deutlich macht, dass eine Welt nach dem Zusammenbruch staatlicher Ordnung wohl eher dystopisches als utopisches Potenzial hat - das kann man in failed states wie Somalia aufs Schrecklichste beobachten. Und dass es durchaus Möglichkeiten gibt, die Welt besser, das eigene Leben reicher zu machen, ohne dass dafür erst einmal alles zerstört werden muss.

Grim 104, der eingangs zitierte Rapper, ist übrigens zu abgebrüht, um der Apokalypseromantik wirklich auf den Leim zu gehen. In einem Track vom gleichen Album von 2013 heißt es: "Ich hoffe seit ich vierzehn bin, dass noch irgendwas passiert, dass die Welt, in der wir leben, doch ihr Gleichgewicht verliert. Doch nach jedem 1. Mai, an dem ich Steine auf die Schweine warf, kam ein 2. Mai, geil, Kindergeld vom Schweinestaat."

insgesamt 122 Beiträge
pascal3er2 16.07.2017
1. Der Untergang taugt nicht als Utopie
Eine Utopie taugt sowieso nie etwas. Utopie heißt, geht überhaupt nicht. Ziele oder Pläne würden was bringen und zwar wo man hin will. Aber sowas kennen die Parteien halt nicht. Die kennen nur Wirtschaftswachtum. Und wenn [...]
Eine Utopie taugt sowieso nie etwas. Utopie heißt, geht überhaupt nicht. Ziele oder Pläne würden was bringen und zwar wo man hin will. Aber sowas kennen die Parteien halt nicht. Die kennen nur Wirtschaftswachtum. Und wenn die wirtschaft nicht mehr wächst, geht die Welt direkt unter, so deren Vorstellungen...
Pfaffenwinkel 16.07.2017
2. Geht es den Menschen zu gut?
Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn ich diesen Artikel lese. Oder wie soll man diese "Sehnsucht" nach dem Weltuntergang sonst verstehen?
Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn ich diesen Artikel lese. Oder wie soll man diese "Sehnsucht" nach dem Weltuntergang sonst verstehen?
Newspeak 16.07.2017
3. ...
Ich glaube das Problem ist zuviel Harmonie, politisch ausgedrueckt durch political correctness. Es wird zwar so getan, als lebten wir in einer Demokratie, aber eigentlich wird doch vorgegeben, wie alles zu sein hat, wie ein guter [...]
Ich glaube das Problem ist zuviel Harmonie, politisch ausgedrueckt durch political correctness. Es wird zwar so getan, als lebten wir in einer Demokratie, aber eigentlich wird doch vorgegeben, wie alles zu sein hat, wie ein guter Buerger zu sein hat. Der soll naemlich vor allem ruhig sein. Ruhe ist erste Buergerpflicht, wie im Biedermeier. Das fuehrt dazu, dass nur Fassaden gepflegt werden, je offener dabei die Widersprueche zutagetreten, desto mehr wird kaschiert, vor allem auch sprachlich. Wo sind die Debatten im Parlament, die einer wahren Demokratie wuerdig waeren? Wo werden dringende und wichtige gesellschaftliche Probleme im Diskurs verhandelt? In Fernsehtalkshows, wo immer dieselben Clowns und Politikdarsteller eingeladen werden, die vorhersehbar immer dieselben Positionen monologisieren, unterstuetzt von den Medien, die das einfach nur wiederkaeuen, statt zu hinterfragen? Wer ist denn heute noch konfliktfaehig? Wer kann denn, wenn es sachlich angebracht ist, einen Konflikt eskalieren, und vor allem auch dazu stehen, den Konflikt aushalten, um eine Loesung herbeizufuehren. Das hat nichts mit Gewalt zu tun, sondern einfach damit, einen Gegenstandpunkt einzunehmen, rhetorisch und sachlich hart zu verteidigen, und Haltung zu zeigen. Wo waere das zu beobachten? Merkel z.B. diskutiert nicht. Sie wartet ab, bis sie anscheinend die Mehrheitsmeinung erspuert hat, und passt sich dann voellig opportunistisch an. Es wird nicht das getan, was noetig ist, oder auch nur herausgefunden, was das sein koennte, sondern das, was gerade, aktuell, kurzfristig, opportun erscheint. Ich glaube, wie auch immer man das beurteilen mag, dass bei jungen Erwachsenen der Hang besonders stark ausgepraegt ist, Dinge auch mal in Frage zu stellen. Vielleicht auch nur einfach so, ohne elaborierte Hintergedanken. Aus Protest. Trotzdem ist das gut. Und die Leute sind nicht dumm, die merken, wie die Realitaet aussieht und was man ihnen dazu erzaehlt und wie es dabei zur kognitiven Dissonanz kommt, wie Dinge nicht so sind, wie sie angeblich sein sollen. Und man sollte ihnen dabei nicht vorwerfen, dass sie keine Loesungen anbieten koennen, wo alle anderen das ja auch nicht koennen. Es gilt nach wie vor der Ausspruch von Lichtenberg: "Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll."
Watchcat 16.07.2017
4. Es hat keinen Zweck, aber...
Dass Anarchisten sich nach Chaos und Untergang sehnen ist schlicht falsch, albern und es zu glauben ein Beweis für erfolgreiche Indoktrination und einen Mangel an Wahrheitsliebe. Dass die autoritäre Linke versucht alles ins [...]
Dass Anarchisten sich nach Chaos und Untergang sehnen ist schlicht falsch, albern und es zu glauben ein Beweis für erfolgreiche Indoktrination und einen Mangel an Wahrheitsliebe. Dass die autoritäre Linke versucht alles ins Absurde zu verdrehen und aus dem entstehenden Chaos eine weltweite, noch autoritärere Hierarchie auferstehen lassen möchte, halte ich für denkbar. Die autoritäre Rechte ist wahrscheinlich einverstanden, nur will sie diesen Alptraum auf nationaler Ebene, statt auf internationaler. Anarchisten sind im Gegenteil die, die gegen Zwang und autoritäre Strukturen sind. Genau genommen ist es geradezu unmoralisch kein Anarchist zu sein, aber das muss ja jeder selbst entscheiden. Alles Chaos das durch die Hierarchie erzeugt wird immer den Anarchisten anzudichten wird langsam peinlich, nicht zuletzt, weil die dazu vorgenommene Projektion sehr durchschaubar ist.
Hatch99 16.07.2017
5.
Viele Evangelisten in Amerika wollen das auch, die können es auch nicht erwarten, dass Israel sein göttliches Territorium vollständig besitzt und dann die finale Lösung Gottes einsetzt. Aber es ist auch Unsinn zu glauben, [...]
Viele Evangelisten in Amerika wollen das auch, die können es auch nicht erwarten, dass Israel sein göttliches Territorium vollständig besitzt und dann die finale Lösung Gottes einsetzt. Aber es ist auch Unsinn zu glauben, dass alle, die im schwarzen Block mitgelaufen sind, ein Ende jeglicher staatlicher Strukturen herbeisehnen. Außerdem sollte man sich vielleicht mal Noam Chomsky zu dem Thema anhören, um eine wirklich intellektuelle, sehr gut überlegte Theorie über das Zusammenleben der Menschen zu lesen.
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