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Wissenschaft

Leukämie

USA könnten erste Gentherapie gegen Krebs zulassen

Eine neue Behandlungsmethode soll jungen Menschen mit Blutkrebs das Leben retten. Außerdem in den Wissenschaftsnachrichten aus den USA: Eine tödliche Walrettung und die Evolution des menschlichen Hirns.

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Krebskrankes Mädchen beim Arzt

Aus Boston berichtet
Montag, 17.07.2017   14:21 Uhr

+++ Wal erschlägt Retter +++

Das Schützen von Walen ist nicht nur abenteuerlich, sondern auch gefährlich. Jetzt hat es einen der kühnen Retter das Leben gekostet. Auf hoher See hatte Joe Hawlett, ein kanadischer Hummerfischer, einen Atlantischen Nordkaper von einer Fangleine befreit, in der dieser sich verheddert hatte. Als das Tier freikam, "passierte etwas Verrücktes, und der Wal machte einen großen Ruck", erklärte Kapitän Mackie Green. Genauer wollte er sich zum Hergang nicht äußern.

Bis auf Weiteres haben die Walschützer ihre Rettungsaktionen ausgesetzt. Für die Nordkaper könnte sich das als bestandsbedrohend erweisen. Gerade einmal eine Woche ist es her, dass Hawlett zuletzt an der Befreiung eines dieser Wale beteiligt war.

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Atlantischer Nordkaper

In Neuengland sind die Atlantischen Nordkaper zur Ikone der Walschützer geworden. Einst waren die trägen Giganten das bevorzugte Beutetier der Walfänger, die von New Bedford und Nantucket aus die Weltmeere befuhren. Davon haben sich die Nordkaper nie mehr erholt. Nur noch rund 500 von ihnen leben im Nordatlantik. Es ist ungewiss, ob sich ihr Aussterben verhindern lässt. Jedes einzelne Tier, das sich in einer Fangleine verstrickt und daran elendiglich zugrunde geht, macht den Artentod wahrscheinlicher.

Erst im Juni schreckte eine Meldung aus dem kanadischen New Brunswick die Walschützer auf: Innerhalb von nur drei Wochen wurden dort sechs im Wasser treibende Nordkaper-Kadaver gesichtet. Eines der Tiere war verheddert in einer Schnur. Bei den anderen suchen die Walpathologen noch nach der Todesursache. Artenschützer sprechen von einer "Katastrophe".

+++ USA könnten erste Gentherapie gegen Krebs zulassen +++

"Dies ist der Beginn von etwas Großem", verkündete Gwen Nichols, medizinische Leiterin der amerikanischen Leukämie- und Lymphom-Gesellschaft. Sie sprach von einem Ereignis, dem die Gemeinde der Krebsforscher seit Jahren entgegen fiebert: Die erste Gentherapie gegen Krebs steht in den USA vor der Markteinführung. Eine Experten-Kommission der Zulassungsbehörde FDA hat einer Leukämie-Behandlung namens CTL019 einstimmig ihren Segen erteilt. In aller Regel folgt die FDA einem solchen Votum.

Das Verfahren mit dem sperrigen Kürzel-Namen zielt in den USA auf jene 600 leukämiekranken Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene jährlich, bei denen die herkömmliche Therapie versagt. In einer Studie verschwanden bei 52 der 63 behandelten Patienten die Krebszellen im Blut. Das ist eine beeindruckend hohe Rate. Trotzdem sind die Zahlen zu gering, als dass sich von einer Revolution der Krebsmedizin sprechen ließe.

Verständlich wird die Erregung der Experten erst, wenn man CTL019 als Vorhut einer ganzen Armada ähnlicher Therapieverfahren begreift. An sie alle knüpfen sich große medizinische Erwartungen. Gemein ist ihnen aber auch, dass sie extrem teuer sein werden. Noch weigert sich CTL019-Hersteller Novartis, einen Preis zu nennen, aber Experten gehen davon aus, dass er oberhalb von 300.000 Dollar liegen wird. Amerikas Krebspatienten dürfen also neue Hoffnung schöpfen, auf Amerikas Versicherer rollt eine Kostenlawine zu.

+++ Dem ersten Menschenhirn auf der Spur +++

Kühn, zuversichtlich und unermesslich reich - die Amerikaner sind zu beneiden um ihre Forschungsmäzene. Einer der interessantesten ist Paul Allen, der einst zusammen mit Bill Gates Microsoft gegründet hat. Sein jüngstes Konzept sind "Entdeckerzentren", gedacht als Ideenschmieden, in denen vernachlässigte Forschungsansätze verfolgt werden sollen. Eines dieser Zentren hat Allen jetzt hier an der Harvard-Universität aus der Taufe gehoben. Das Ziel soll sein, die Evolution des menschlichen Gehirns zu ergründen.

Auf der Suche nach Anregung zog Allens Team acht Monate lang durchs Land und befragte 1000 Experten, welche Fragestellungen ihnen als die fruchtbarsten erschienen. Die genetische Grundlage der Hirnevolution zu verstehen, zählte dazu. Nun sollen sich ein Neurologe, ein Genetiker und ein Hirnforscher gemeinsam ans Werk machen.

Es wird spannend sein zu verfolgen, was dabei herauskommt. In der Tat kommen derzeit viele der wichtigsten Entdeckungen der Urmenschforschung aus den Genlabors. Eine der Erbanlagen, die entscheidend gewesen sein könnten auf dem Weg der Menschwerdung, hat der Neurologe Christopher Walsh aufgespürt, der jetzt mitmacht im neuen Entdeckerzentrum: Dieses Gen beeinflusst die Faltung der Großhirnrinde. Walsh glaubt, dass es die Sprachfähigkeit des Homo sapiens befördert haben könnte.

+++ Jahrtausende alte DNA verrät Wanderwege der ersten modernen Menschen +++

Ein weiterer der drei Gründungsdirektoren ist David Reich. In einem Vortrag am Broad Institute gab er am Mittwoch Einblicke in seine Arbeit - eine spektakuläre Tour de Force durch ein Forschungsfeld, das derzeit eine Revolution erlebt.

Reich war dabei, als im Jahr 2010 am Max-Planck-Institut in Leipzig erstmals das Genom eines Neandertalers entziffert wurde. Es gelang erst nach vielen Fehlschlägen und langwieriger Tüftelei. Inzwischen, nur sieben Jahre später, hat Reich in Harvard sein eigenes Labor eingerichtet und ist dort in die Massensequenzierung von Urmenschen eingestiegen. Derzeit hat er die Genome von 2699 Individuen in Arbeit, deren DNA er aus fossilen Knochen gewonnen hat.

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Neandertaler in einem Museum in Mettmann bei Düsseldorf

"Jedes von ihnen hält Überraschungen bereit", sagt Reich. Und wenn es irgendeine Formel gibt, auf die sich seine Ergebnisse bringen lassen, dann ist es diese: Alles erweist sich als weitaus komplizierter als gedacht.

Bisher zum Beispiel zeigen die Diagramme, welche die weltweiten Wanderungen des Homo sapiens darstellen, zumeist rund ein Dutzend von Afrika ausgehende Pfeile. Reich stellt nun fest, dass die Wanderungsbewegungen in Wirklichkeit ein undurchdringliches Wirrwarr bilden: Völkerschaften zogen hin und her, vor und zurück, kreuz und quer durch alle Kontinente. Mal löschte ein Volk das andere aus, dann wieder vermischten sie sich miteinander. Manchmal wanderten männliche und weibliche Gene sogar auf unterschiedliche Weise. All dieses Durcheinander glaubt Reich anhand von Jahrtausende alter DNA entwirren zu können.

insgesamt 5 Beiträge
cindy2009 17.07.2017
1.
Eine Frage: wie soll die gentherapie genau erfolgen? Wieder mal mittels transmittern?
Eine Frage: wie soll die gentherapie genau erfolgen? Wieder mal mittels transmittern?
Lord Menial 17.07.2017
2.
Was verstehst du unter "mit Transmittern"? Das wird nicht klar. Wie der Therapieansatz funktioniert, wird in dem in der Meldung verlinkten Zeitungsartikel ( [...]
Zitat von cindy2009Eine Frage: wie soll die gentherapie genau erfolgen? Wieder mal mittels transmittern?
Was verstehst du unter "mit Transmittern"? Das wird nicht klar. Wie der Therapieansatz funktioniert, wird in dem in der Meldung verlinkten Zeitungsartikel ( https://www.bostonglobe.com/business/2017/07/12/fda-panel-endorses-potential-first-gene-therapy/x3IeZYf9OEBySvg6PmWrvM/story.html ) erklärt: "CAR-T therapy starts with filtering key immune cells called T cells...."
hansriedl 18.07.2017
3. Gentherapie
ist das große Hoffnungs-Schlagwort der Medizin, auch für die Behandlung von Krebs. Die onkologische Gentherapie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und kommt bisher ausschließlich im Rahmen von Studien zum Einsatz. [...]
ist das große Hoffnungs-Schlagwort der Medizin, auch für die Behandlung von Krebs. Die onkologische Gentherapie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und kommt bisher ausschließlich im Rahmen von Studien zum Einsatz. Blutkrebszellen verschwinden in kürzester Zeit Mediziner in den USA konnten mit diesem Vorgehen 2013 und 2014 sensationelle Erfolge in der Therapie von Blutkrebs melden. 120 Probanden hatten an mehreren kleineren Studien teilgenommen. In einer davon wurden von 59 Patienten, die an weit fortgeschrittener Leukämie litten, 25 völlig krebsfrei, bei 21 ging der Krebs zumindest zurück. 13 Patienten reagierten nicht auf die Therapie. „Die Behandlung schlug bei einigen so schnell und stark an, dass die Patienten vorübergehend vor ihrer Heilung geschützt werden mussten. In ihren Blutkreislauf schwammen zeitweise so viele aufgelöste Krebszellen, dass der Körper sie gar nicht schnell genug abtransportieren konnte“, sagt Zellforscher Fehse. In einer weiteren Studie konnten genetisch veränderten T-Zellen acht von 15 Patienten mit bösartigen Veränderungen im Lymphsystem komplett vom Krebs befreien.
cindy2009 18.07.2017
4. Danke!
Wie ich auf Transmitter kam - zu heiß im Bus;-) Ich meinte viraler Vektor.
Zitat von Lord MenialWas verstehst du unter "mit Transmittern"? Das wird nicht klar. Wie der Therapieansatz funktioniert, wird in dem in der Meldung verlinkten Zeitungsartikel ( https://www.bostonglobe.com/business/2017/07/12/fda-panel-endorses-potential-first-gene-therapy/x3IeZYf9OEBySvg6PmWrvM/story.html ) erklärt: "CAR-T therapy starts with filtering key immune cells called T cells...."
Wie ich auf Transmitter kam - zu heiß im Bus;-) Ich meinte viraler Vektor.
Dumme Fragen gestern, 09:10 Uhr
5. Gehirn...
Die Evolution des menschlichen Hirns ist sicherlich spannend, aber evolutionäre Algorithmen lassen sich vermutlich leichter am anderen Ende der evolutionären Reihe entdecken: wie entstehen Sinnesorgane, wie die sie [...]
Die Evolution des menschlichen Hirns ist sicherlich spannend, aber evolutionäre Algorithmen lassen sich vermutlich leichter am anderen Ende der evolutionären Reihe entdecken: wie entstehen Sinnesorgane, wie die sie innervierenden Nervenzellen und wie läuft dann die Verarbeitung und Integration der Informationen ab? Darüber wissen wir fast noch nichts. Aber das Großhirn verstehen wollen... Allen sollte sich von den Humangenetikern nicht zu viel Geld aus der Tasche ziehen lassen...

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