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Wissenschaft

Luftgetrockneter Stockfisch

Wikinger handelten mit Fischkonserven

Schon die Wikinger von Haithabu verzehrten norwegische Fischdelikatessen. Sie wurden einer Studie zufolge über weite Strecken transportiert. Zur Konservierung setzten die Nordmänner auf eine einfache und natürliche Methode.

James Barrett/ University of Cambridge/ DPA

Kabeljau-Fund aus Haithabu

Dienstag, 08.08.2017   17:43 Uhr

Die Wikinger waren nicht nur gefürchtete Krieger, sie haben auch weltweiten Handel getrieben - und dabei geschickt ihre Waren konserviert. So haben sie in Mitteleuropa deutlich früher als bisher bekannt mit getrocknetem Kabeljau von den norwegischen Lofoten gehandelt.

Die Bewohner der ehemaligen Wikingerstätte Haithabu nordwestlich von Kiel verspeisten bereits vor 1200 Jahren luftgetrockneten Stockfisch aus Nordnorwegen. Das hat ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Kieler Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung herausgefunden. Die unter Leitung der Universität Oslo entstandene Studie wurde in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") veröffentlicht.

Bislang sei die Forschung davon ausgegangen, dass der Stockfisch-Handel erst im 13. Jahrhundert zu Zeiten der Hanse in Schwung gekommen sei, sagte der Geomar-Biologe und Mitautor Jan Dierking. "Wir haben jetzt gezeigt, dass das aber schon 500 Jahre vorher bei den Wikingern der Fall war", sagte er.

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Wikinger: Gewiefte Händler, gefürchtete Krieger

Von den Kaufleuten der Hanse sei der Fisch als Handelsgut dokumentiert. Umstritten war bisher aber, wie alt der Fischhandel zwischen Nordwegen und Norddeutschland tatsächlich war. Von den Wikingern sind darüber keine Aufzeichnungen bekannt.

Die Wikingerzeit umfasst etwa den Zeitraum zwischen Ende des achten bis Mitte des elften Jahrhunderts. Die Nordmänner errichteten ein weltweites Handelsnetz - von Konstantinopel bis Amerika.

Salz habe um das Jahr 800 als Konservierungsmittel noch nicht in großen Mengen zur Verfügung gestanden, sagte Dierking weiter. "Das norwegische Klima war aber geeignet, um die Fische an der Luft gefrierzutrocknen."

Fisch 1500 Kilometer weit transportiert

Die Wissenschaftler nutzten archäologische Proben, darunter fünf Funde von Fischgräten aus Haithabu und untersuchten diese mit genetischen Analyseverfahren. Das rekonstruierte Erbgut der in Haithabu und anderen mittelalterlichen Siedlungsplätzen gefundenen Fische verglichen sie anschließend mit dem von Fischen aus heutigen Beständen in der östlichen Ostsee, im Öresund, in der Nordsee, vor den Lofoten und in der nordöstlichen Arktis.

Das auch für die Wissenschaftler unerwartete Ergebnis: Der Fisch, der etwa in Haithabu gegessen und gehandelt worden sei, stamme zumindest teilweise von den 1500 Kilometer entfernten Lofoten und nicht aus den benachbarten Beständen in Nord- und Ostsee, sagte Dierking.

Bei den Proben aus Haithabu handelte es sich um Kabeljaureste aus der nordöstlichen Arktis. Die Tiere ziehen jedes Jahr im Winter zum Laichen vor die Lofoten und sind bis heute Grundlage der dortigen Fischerei. Das Gebiet ist allerdings viel zu weit von Norddeutschland entfernt, um frischen Fisch mit Wikingerbooten dahin zu transportieren. "Trockenfisch dagegen hält sich Monate", sagte Dierking.

"Wikinger brachten Handel ins Rollen"

Die Forscher sind sicher, dass es sich bei den Fischresten nicht um Proviant einer Wikingerreise aus dem Norden nach Haithabu handelt. "Denn die Funde stammen aus unterschiedlichen Schichten und Zeiten", sagte Dierking. "Diese fünf Knochen decken eine Spanne von 250 Jahren ab." Vier der fünf Funde gingen auf die Lofoten zurück. "Das zeigt, dass die Wikinger den Handel ins Rollen gebracht haben, der dann weit entfernte Fischgründe mit Europa verbunden hat."

Die Kieler Meeresforscher nehmen regelmäßig Gewebeproben von aktuellen Ostsee-Fischen. Unter anderem untersuchen sie, wie sich die Tiere an wandelnde Umweltbedingungen anpassen. "Dass unsere Proben uns jetzt eine Zeitreise in die Wikingerzeit beschert haben, war wissenschaftlich, aber auch als Schleswig-Holsteiner eine schöne Erfahrung", sagt Co-Autor Christoph Petereit vom Geomar.

André Klohn, dpa/brt

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