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Wissenschaft

Waffen in den USA

Ein Land im Krieg mit sich selbst

Zehntausende US-Bürger sterben jedes Jahr durch Schüsse - und nach jedem Massenmord steigen die Aktien der Waffenhersteller. Woher kommt diese Irrationalität? Die Forschung hat - düstere - Antworten parat.

AP

Waffenladen in Colorado (Archiv)

Eine Kolumne von
Sonntag, 08.10.2017   17:45 Uhr

In meinem Elternhaus kam einmal im Halbjahr ein Katalog mit Jagdbedarf an. Keine Ahnung, warum, niemand in der Familie war Jäger und große Fans von Lodenmänteln waren wir auch nicht. Mich hat der Katalog trotzdem immer interessiert. Er enthielt Bilder von Klappspaten, wasserdichten Taschenlampen - und Waffen.

Ich habe nie etwas Gefährlicheres als ein Luftgewehr in der Hand gehalten, war aber wie viele Jungs fasziniert von den Gewehren, Schrotflinten und Pistolen. Ich lernte Begriffe wie "brüniert" und unterhielt mich mit Freunden darüber, welche Pumpgun wir gerne besitzen würden. Die begleitenden Emotionen ähnelten denen, die ich mit Pick-up-Trucks wie bei "Ein Colt für alle Fälle" verband, oder mit Supersportwagen. Ferne, fremde Objekte waren das, unerreichbar, für den eigenen Alltag völlig unbrauchbar, aber total sexy. Das hat zweifellos etwas mit der medialen Umgebung zu tun, in der wir alle aufwachsen: Waffen- und Autofetischismus sind nun einmal zentrale Säulen der westlichen Unterhaltungsindustrie.

Wer viele Krimis sieht, glaubt an das Gute in der Knarre

Interessanterweise zeigt eine US-Studie, die auf heute 22 Jahre alten Daten basiert, dass regelmäßiger Konsum von Kriminalfilmen und -serien im Fernsehen in den USA sich auf die Haltung zu Waffen auswirkt: Amerikaner, die mehr Krimis sehen, sind tendenziell gegen Waffenkontrollgesetze. Sie glauben sogar, dass Schusswaffen Verbrechen verhindern helfen. Was natürlich Unsinn ist.

Trotzdem habe ich bis heute ein gewisses Verständnis dafür, dass Menschen gerne Waffen besitzen möchten, genau wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen mit einer Vorliebe für Pick-ups habe. Aber was sich in den USA jedes Mal abspielt, wenn wieder irgendjemand mit legal erworbenen Waffen viele Menschen umbringt, macht mich trotzdem fassungslos.

Nach dem Massenmord von Las Vegas war es wieder das gleiche. Es ist immer gerade zu früh, um über irgendeine wirksame Kontrolle zu reden, man ist immer lieber mit "Gedanken und Gebeten" bei den aktuellen Opfern und ihren Familien. Nicht den künftigen.

Jede Woche schießt ein Kleinkind

2016 starben in den Vereinigten Staaten 37.000 Menschen durch Schusswaffen, wenn man die Suizide mitzählt. Und das muss man, denn eine Waffe im Haus erhöht das Risiko, dass sich jemand selbst tötet, um das bis zu fünffache. 30 Prozent der erwachsenen US-Bürger besitzen persönlich eine Waffe, 42 Prozent leben in einem Haushalt, in dem es eine gibt.

Im Schnitt einmal pro Woche wird ein US-Amerikaner von einem Kleinkind angeschossen oder erschossen.

Und fast jedes Mal, wenn wieder jemand besonders viele auf einmal umbringt, steigen die Aktien der Waffenhersteller.

Pochen auf das Recht aufs Sturmgewehr

Ähnlich paradox wie die Reaktionen sind auch die Einstellungen von US-Bürgern gegenüber Waffen. Wenn man die richtigen Fragen stellt, sind auch Waffenbesitzer oft dafür, Regelungen einzuführen, die Schusswaffengewalt reduzieren sollen. Sieht man aber genau hin, dann werden Einstellungen formuliert, die Europäer einfach nicht verstehen können.

Zum Beispiel ist auch ein Drittel der US-Bürger, die selbst gar keine Waffe besitzen, dagegen, den Verkauf jener halbautomatischen Sturmgewehre zu verbieten, die bei den Massenmördern der jüngeren Zeit so populär sind. Unter den Waffenbesitzern pochen 54 Prozent auf ihr Recht aufs Sturmgewehr.

Es sind ja, wie die berühmte Phrase sagt, nicht die Waffen, die Menschen töten, sondern andere Menschen. Wo aber liegen die Wurzeln dieses irrwitzigen, irrationalen Glaubens, dass all die Schusswaffen nichts mit all den Schusswaffenopfern zu tun haben?

Sicher, die NRA ist eine mächtige, eine reiche Organisation, die mit ihrem Geld Politiker erfolgreich machen oder vernichten kann. Aber die NRA ist nur deshalb so stark, weil sie bis heute einen so großen Rückhalt in der Bevölkerung hat. Woher? Den - wenigen - verfügbaren Studien zufolge führt diese Frage bis ins Herz der tiefen Konflikte, an denen die USA so leiden. Wenige sind es auch deshalb, weil eine der reichsten Forschungsförderungseinrichtungen der USA, die CDC, seit über 20 Jahren keine Studien zum Thema finanziert - auf expliziten Druck der Waffenlobbyorganisation NRA.

Je rassistischer der Mensch, desto größer seine Waffenliebe

Der aus Neuseeland stammende Psychologe Kerry O'Brien und seine Kollegen zeigten 2013, dass es einen Zusammenhang zwischen unbewussten rassistischen Einstellungen und Waffenbesitz gibt. Je höher die Punktzahl weißer Amerikaner auf einer Rassismus-Skala, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Schusswaffe im Haus haben. Menschen, die Schwarze tendenziell für kriminell und gewalttätig halten, sind zudem häufiger gegen Waffenkontrollgesetze.

Mit anderen Worten: Je mehr sich Menschen vor Waffengewalt fürchten, desto mehr wollen sie gerne Waffen besitzen dürfen. Auch, wenn das natürlich heißt, dass auch die anderen, die Bösen, leichter an Waffen herankommen können.

Gerade US-Bürger, die schon einmal zum Opfer eines Überfalls geworden sind, wehren sich gegen Waffenverbote. Die Autoren dieser im "Journal of Criminal Justice" erschienen Studie formulieren es so: "Diejenigen, die daran glauben, dass die Polizei sie vor Verbrechern schützen kann, sind für Waffenkontrolle. Die dagegen, die nicht daran glauben, dass sie sich auf die Polizei verlassen können, vertrauen lieber auf die Waffe."

Zu welcher Gruppe eine Person gehöre, hänge "teilweise von relativ unflexiblen kulturellen Zügen ab". Man müsse deshalb davon ausgehen, dass sich die Einstellung zu Waffen allenfalls mit "gletscherhafter" Geschwindigkeit ändern werde, was Generationen dauern könne.

Es bleibt also zu befürchten, dass der bewaffnete Krieg, den Amerika gegen sich selbst führt, noch lange andauern wird. Nicht nur wegen der Krimis.

insgesamt 133 Beiträge
hegoat 08.10.2017
1.
Ein schöner sachlicher Artikel ohne die sonst übliche Schwarzweißmalerei (die guten waffenlosen Europäer gegen die bösen amerikanischen Waffenfetischisten). Bitte mehr davon. Vielleicht werden die Diskussionen dann auch in [...]
Ein schöner sachlicher Artikel ohne die sonst übliche Schwarzweißmalerei (die guten waffenlosen Europäer gegen die bösen amerikanischen Waffenfetischisten). Bitte mehr davon. Vielleicht werden die Diskussionen dann auch in Zukunft sachlicher geführt.
Papazaca 08.10.2017
2. Warum kann ich kein Geschütz kaufen?
Wenn man sich auf die Absurdität der Argumente der NRA einläßt (Man braucht die besseren Waffen, um sich zu verteidigen), braucht man immer bessere Waffen als die Verbrecher. Wenn der Terrorist in Las Vegas halbautomatische [...]
Wenn man sich auf die Absurdität der Argumente der NRA einläßt (Man braucht die besseren Waffen, um sich zu verteidigen), braucht man immer bessere Waffen als die Verbrecher. Wenn der Terrorist in Las Vegas halbautomatische Waffen in automatische Waffen mit Bump Stocks umwandelt, ist die nächste Stufe die Anschaffung eines Geschützes. Hört sich im ersten Moment zynisch an. Aber manchmal muß man überspitzen, um die Absurdität zu verdeutlichen. Was würde die NRA zu dieser Forderung sagen?
der_holzhäuser 08.10.2017
3. Tempolimit
In Amerika die Waffenflut einzudämmen, entspricht in etwa dem Versuch in Deutschland ein generelles Tempolimit einführen zu wollen. Sicher, der Vergleich hinkt. Aber wenn man die Amerikaner in diesem Punkt verstehen will, [...]
In Amerika die Waffenflut einzudämmen, entspricht in etwa dem Versuch in Deutschland ein generelles Tempolimit einführen zu wollen. Sicher, der Vergleich hinkt. Aber wenn man die Amerikaner in diesem Punkt verstehen will, greift der Vergleich ganz gut. Die Vernunft sagt ja, aber durchsetzbar ist es eben nicht, weil man dann ja die Freiheit maximal einschränken würde.
ruhepuls 08.10.2017
4. Einfache Logik...
Es ist wie überall mit solchen Entwicklungen: Der Einzelne sieht sich hilflos, das System zu verändern, aber er sieht Möglichkeiten, sich zu schützen. Wenn bei uns die Einbrüche zunehmen, dann kann ich persönlich gegen die [...]
Es ist wie überall mit solchen Entwicklungen: Der Einzelne sieht sich hilflos, das System zu verändern, aber er sieht Möglichkeiten, sich zu schützen. Wenn bei uns die Einbrüche zunehmen, dann kann ich persönlich gegen die Ursachen - welche auch immer das sind - nicht viel tun. Aber ich kann mir eine Alarmanlage kaufen. Und genau die gleiche Logik steckt hinter dem Wunsch nach Waffenbesitz - neben solchen Faktoren wie amerikanische Tradition und Freiheitsanspruch. Die USA sind ein gespaltenes Land. Die unterschiedlichen Volksgruppen sind nicht integriert, sondern leben nebeneinander her und verachten sich teilweise gegenseitig. Im Schmelztiegel sind keineswegs alle zu "Amerikanern" verschmolzen, sondern die Rassen definieren sich immer noch auch im Gegeneinander. Weiße verachten Farbige und Farbige Weiße - und für so manchen Native American (Indianer) sind die Weißen immer noch die Eroberer und Farbige deren Helfer (Buffalo Soldiers). Kein Wunder, dass das Gefühl von "Feinden" umgeben zu sein, bei vielen vorhanden ist. Und so fremd ist das gar nicht: Kürzlich sah ich ein Interview mit einem Inhaber eines Waffengeschäftes in Deutschland(!). Er erzählte, dass es oft vorkommt, dass Deutsche und Flüchtlinge nebeneinander stehen und Pfefferspray kaufen. Der Deutsche aus Angst vor den Flüchtlingen und der Flüchtling aus Angst vor den Deutschen. Nur reden tun die beiden nicht miteinander. Genau wie in den USA.
thrifter 08.10.2017
5. Leider nur ansatzweise verstanden...
Man darf ruhig mal etwas weiter ausholen, wenn man das Verhältnis von Amerikanern zu Waffen beschreibt. Amerika ist eine zutiefst militaristische Nation, das Sparta unserer Zeit, und seine Waffen und die grundsätzliche [...]
Man darf ruhig mal etwas weiter ausholen, wenn man das Verhältnis von Amerikanern zu Waffen beschreibt. Amerika ist eine zutiefst militaristische Nation, das Sparta unserer Zeit, und seine Waffen und die grundsätzliche Bereitschaft, sie extern wie intern einzusetzen, haben im letzten Jahrhundert wesentlich dazu beigetragen, den Status Amerikas als Weltmacht zu zementieren. Die Korrelation Waffen wirtschaftliche Stärke ist auch den meisten Amerikanern klar. Deswegen tun sie sich auch mit schon minimalen Einschränkungen so schwer. Die Opfer werden, bewußt oder unbewußt, als Kollateralschäden akzeptiert. Deutschland hingegen hat im letzten Jahrhundert seinen hart erarbeiteten Weltstatus mit der Autoindustrie verknüpft. Wäre dem nicht so, hätten wir schon seit Jahrzehnten eine Geschwindigkeitbeschränkung auf Autobahnen. Bei uns werden andere Kollateralschäden akzeptiert. Letzendlich ist der Slogan "Freie Fahrt für freie Bürger" genauso fragwürdig wie die amerikanische Variante" Out of my dead cold hands..."
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