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Wissenschaft

News aus Boston

Forscher will Alzheimer mit Blut besiegen

Experimente mit Mäusen nähren die Hoffnung, dass sich Alzheimer mit Blutplasma besiegen lassen könnte. Außerdem in den Forschungsnachrichten aus den USA: Der bizarre Kalender des Chefs der US-Umweltbehörde und Nobelpreisträger in der Nachbarschaft.

Aus Boston berichtet
Montag, 09.10.2017   14:29 Uhr

+++ Nobelpreise +++

In der Wissenschaft ist die erste Oktoberwoche traditionell bestimmt von den Anrufen aus Stockholm. Hier in Boston klingelte drei Mal das Telefon: Zum einen ist da natürlich Rainer Weiss, der, weithin erwartet, für seinen Nachweis von Gravitationswellen den Physik-Nobelpreis erhält.

Er brach einst sein Studium am MIT ab, um seiner Klavierlehrerin hinterherzusteigen. Die entschied sich für einen anderen, Weiss kehrte zurück. Im legendären "Gebäude 20", eine Baracke, bekannt auch als "Sperrholzpalast", wo noch neun weitere Nobelpreisträger wirkten, brütete er seine Experimente aus.

Zwei der Medizinpreisträger des Jahres sitzen in der Brandeis-Universität, einer eher übersichtlichen, aber durchaus hochkarätigen Forschungsuni im Westen von Boston. Dort haben Jeffrey Hall und Michael Rosbash in Fruchtfliegen die biologische Uhr entdeckt, die einem Großteil allen Lebens auf der Erde den Takt vorgibt.

Ich sehe mich am Ende dieser Woche ein weiteres Mal in dem Verdacht bestätigt, dass in dieser einen Stadt mehr Spitzenforschung versammelt ist als in ganz Deutschland.

+++ "Repeal" +++

"Repeal" (zu deutsch: Widerruf) ist das Zauberwort der Trump-Regierung. Dem Machthaber im Weißen Haus geht es weniger darum, Politik zu gestalten, als vielmehr zu zerstören, was sein Vorgänger hinterlassen hat.

Nachdem Trump mit dem Widerruf von Obamas Gesundheitsreform gescheitert ist, steht in dieser Woche Obamas Klimapolitik auf dem Programm. Und da es sich bei dessen "Clean Power Plan", in dem die Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes festgelegt ist, nicht um ein Gesetz, sondern nur um eine Verordnung handelt, braucht Trump diesmal nicht die Zustimmung des Kongresses.

Probleme könnte es trotzdem geben: Scott Pruitt, der Chef der Umweltbehörde EPA, leugnet hartnäckig den Klimawandel. Deshalb würde er den Obama-Plan am liebsten ersatzlos streichen. Ob er das darf, ist jedoch umstritten.

Denn das Oberste Gericht in Washington hat geurteilt, dass es zu den Aufgaben der Regierung zählt, den Ausstoß von Kohlendioxid zu regulieren. Vielen Industrie-Lobbyisten wären deshalb neue, laschere Richtlinien lieber. Andernfalls fürchten sie eine Prozesslawine.

Wie die Entscheidungsprozesse bei Pruitt ablaufen, hat unterdessen die "New York Times" eindrucksvoll dokumentiert. Die Zeitung kam an den Terminkalender des EPA-Chefs heran. Im Stundentakt weist dieser Treffen mit Lobbyisten der Öl-, Auto-, Kohle- und Chemieindustrie aus, bevorzugt im Washingtoner "Trump International Hotel".

Den Vertretern von Umwelt- oder Verbraucherverbänden dagegen geht der Leiter der Umweltbehörde systematisch aus dem Weg.

+++ Tony Wyss-Coray +++

Ginge es nur um einen überzeugenden Videobeweis, dann ließe sich wohl sagen: Tony Wyss-Coray hat das Alzheimer-Problem gelöst. Im Vortrag am Hirnforschungsinstitut des MIT zeigte er Filmaufnahmen von zwei altersdementen Mäusen: Die eine ist ganz offensichtlich überfordert von der Aufgabe, unter gut einem Dutzend Löchern das eine zu finden, durch das sie entkommen kann. Dass sie kurz zuvor darauf trainiert worden ist, hat sie vergessen.

Die andere dagegen orientiert sich nur kurz, dann läuft sie schnurstracks auf das richtige Loch zu. Der Clou dabei: Sie hat eine Verjüngungskur in Gestalt jugendfrischen Blutes bekommen.

Wyss-Coray ist Gast von der kalifornischen Stanford-Universität und einer der derzeit interessantesten Alternsforscher. Er ist überzeugt davon, dass sich der Alternsprozess im Blut widerspiegelt. Denn dort zirkulieren viele hundert verschiedene Botenstoffe, vermittels deren sich die Körperzellen untereinander verständigen. Und diese Zellkommunikation, so hat Wyss-Coray festgestellt, verändert sich im Laufe des Lebens erheblich.

Noch ist allerdings ungewiss, ob ein Cocktail aus jugendfrischen Botenstoffen auch Menschen, ähnlich wie den Versuchsmäusen, zu geistiger Fitness verhilft. Aber Wyss-Coray will es herausfinden.

Er hat die Firma Alkahest gegründet, die nun Alzheimer-Patienten das Blutplasma von gesunden 20-Jährigen verabreicht. Auf einer Konferenz hier in Boston will Wyss-Coray im nächsten Monat erste Ergebnisse seiner Menschenversuche bekanntgeben.

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