Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Hirnforschung

Warum Frauen eher teilen als Männer

Männer denken vor allem an sich selbst, Frauen auch an andere. Warum das so ist, haben Forscher nun per Hirnscan untersucht. Bei Frauen tickt offenbar das Belohnungszentrum anders.

DPA

Hilfsbereitschaft nach dem Hurrikan "Irma"

Dienstag, 10.10.2017   13:13 Uhr

Frauen sind großzügiger als Männer. Beim Teilen wird das Belohnungszentrum in ihrem Gehirn stärker aktiviert als bei Männern. Das haben Forscher nun neurologisch nachgewiesen. Einer Studie aus der Schweiz zufolge belohnt das männliche Gehirn eher egoistische Entscheidungen, während bei Frauen eher soziales Verhalten honoriert wird.

Im zweiten Teil ihrer Studie hatten die Forscher mit einem Medikament die Aktivität des Belohnungszentrums im Gehirn blockiert. Frauen verhielten sich daraufhin in Verhaltenstests etwas egoistischer, Männer wurden etwas großzügiger. Die Wissenschaftler nehmen an, dass das geschlechtsabhängige Verhalten von der Gesellschaft antrainiert wird. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin "Nature Human Behaviour" veröffentlicht.

Das Forscherteam um Alexander Soutschek von der Universität Zürich hatte mit 21 Männern und 19 Frauen zunächst einen Verhaltenstest gemacht, während die Probanden in einem Kernspintomographen (MRI) lagen.

Die Teilnehmer sollten entscheiden, ob sie lieber eine größere Summe Geld für sich allein haben wollen oder eine kleinere Summe für jeweils sich selbst und einen anonymen Mitspieler. Das Geld wurde beiden dann tatsächlich ausgezahlt. Aus vorherigen Studien war bereits bekannt, dass Frauen das Geld bei diesem Standardtest häufiger teilen als Männer.

Männer eher für egoistisches Verhalten belohnt

Die Forscher untersuchten während des Tests die Aktivität des Striatums, eines Bereiches in der Hirnmitte, der für die Bewertungs- und Belohnungsverarbeitung zuständig und bei jeder Entscheidung aktiv ist. Er bewirkt positive Gefühle, indem die Ausschüttung von Glückshormonen wie Endorphinen ausgelöst wird. Der Hirnbereich war bei Frauen besonders aktiv, wenn sie teilten, berichten die Forscher. Bei Männern hingegen war er aktiver, wenn sie eine egoistische Entscheidung trafen.

Um diese ersten Ergebnisse zu überprüfen, führte das Team den Verhaltenstest noch einmal mit 56 anderen Teilnehmern durch, ohne dabei das Gehirn zu scannen. Untersucht wurde nun, ob sich das Verhalten ändert, wenn die Aktivität des Striatums durch Medikamente unterdrückt wird.

Die Hälfte der Gruppe bekam dazu den Wirkstoff Amisulprid. Dieser hemmt den Botenstoff Dopamin, der das Belohnungssystem aktiviert. Die andere Hälfte der Gruppe erhielt ein wirkungsloses Placebo. Der Test wurde nach zwei Wochen wiederholt.

In der Gruppe, die das unwirksame Medikament bekam, entschied sich die Mehrheit der Frauen (51 Prozent) weiterhin dafür, das Geld aufzuteilen. In der Gruppe, die Amisulprid bekam, taten das nur noch 45 Prozent. Bei den Männern verbesserte sich das soziale Verhalten: Ohne den Wirkstoff bedachten 40 Prozent den Mitspieler, mit dem Medikament waren es 44 Prozent.

Allerdings darf das Resultat wegen der geringen Zahl an Teilnehmern nicht überbewertet werden. Soutschek erklärte dazu, die statistischen Effekte entsprächen dem, was üblicherweise bei pharmakologischen Studien gefunden werde.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung war, dass die Teilnehmer grundsätzlich eher teilen wollten, wenn sie die Information bekamen, dass der anonyme Mitspieler ihnen bekannt ist.

Egoismus nicht angeboren

Es sei allerdings nicht angeboren, dass das männliche Gehirn eher egoistische und das weibliche eher soziale Entscheidungen belohnt, schreiben die Forscher weiter. Das Belohnungszentrum sei stark mit Lernprozessen im Gehirn verbunden: "Frauen lernen, eher eine Belohnung für pro-soziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten".

"Der Geschlechterunterschied, den wir in unseren Studien beobachtet haben, lässt sich in diesem Sinne am besten durch die unterschiedlichen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen erklären", schreibt Soutschek. Das Belohnungszentrum im Gehirn gilt als wichtiger Impulsgeber menschlichen Handelns. Verhaltensweisen, die das Zentrum aktivieren und damit für positive Gefühle sorgen, werden stärker angestrebt.

Der Mechanismus kann allerdings auch süchtig nach Wiederholung machen. Je nachdem, welches Verhalten wiederholt wird, kann sich dies negativ auswirken - wie etwa bei Spielsucht. Die Sucht nach Drogen ist ebenfalls so zu erklären, auch diese Substanzen aktivieren das Belohnungszentrum.

brt/dpa

insgesamt 17 Beiträge
Barmbek2 10.10.2017
1. Neurologisch?
Sehr geehrte Autoren, der Artikel ist ja ganz gut und schön. Aber was heisst denn bitte neurologisch nachgewiesen? Die Wissenschaftler haben vielleicht bildgebende/messtechnische Verfahren angewandt oder pharmakologische [...]
Sehr geehrte Autoren, der Artikel ist ja ganz gut und schön. Aber was heisst denn bitte neurologisch nachgewiesen? Die Wissenschaftler haben vielleicht bildgebende/messtechnische Verfahren angewandt oder pharmakologische Tests/Experimente gemacht. Aber "neurologisch nachgewiesen" dann doch höchstens, weil sie ihr eigenes Gehirn dabei genutzt haben. Wenn sie das damit sagen wollten ist es ja auch OK MfG
bafibo 10.10.2017
2.
Bei derart geringen Teilnehmerzahlen und derart geringen Unterschieden sollte man sich wirklich fragen, ob diese "Unterschiede" wirklich statistisch signifikant sind und nicht eher doch im Bereich des Zufalls liegen. Bei [...]
Bei derart geringen Teilnehmerzahlen und derart geringen Unterschieden sollte man sich wirklich fragen, ob diese "Unterschiede" wirklich statistisch signifikant sind und nicht eher doch im Bereich des Zufalls liegen. Bei einer zehnfach höheren Teilnehmerzahl sähe das bei gleichen Ergebnissen anders aus.
noalk 10.10.2017
3. Schönes Experiment
Allerdings bedürfen die Schlussfolgerungen daraus weiterer Untersuchungen. Wie sieht es aus mit Probanden aus anderen Kulturkreisen (z.B. Japan)? Wie reagieren die Probanden, wenn statt Geld etwas anderes geteilt werden soll? [...]
Allerdings bedürfen die Schlussfolgerungen daraus weiterer Untersuchungen. Wie sieht es aus mit Probanden aus anderen Kulturkreisen (z.B. Japan)? Wie reagieren die Probanden, wenn statt Geld etwas anderes geteilt werden soll? Abhängigkeit der Ergebnisse vom Alter der Probanden, von deren sozialem Status?
carinanavis 10.10.2017
4. somit ist eindeutig bewiesen
dass eine kleine Zahl von sehr jungen Schweizer Männern und Frauen (Durchschnittsalter 23) unter völlig künstlichen Bedingungen und dem Einfluss von Psychopharmaka geringe Abweichungen zeigte bei der Anfälligkeit für eine [...]
dass eine kleine Zahl von sehr jungen Schweizer Männern und Frauen (Durchschnittsalter 23) unter völlig künstlichen Bedingungen und dem Einfluss von Psychopharmaka geringe Abweichungen zeigte bei der Anfälligkeit für eine Bestechung mit Schweizer Franken, die mit anderen geteilt werden konnte. Dies als "soziales Verhalten" zu werten ist schon absurd. Man sehe sich mal die Fehlergrenzen bei den Einzeltests an, bei Fig. 3 und 4 wurde zudem der Maßstab grafisch so manipuliert, dass der Leser ein eigentlich nicht vorhandener Unterschied erkennen soll (auch wenn angeblich statitische Signifikanz vorliegt). Es ist doch extrem merkwürdig, dass es des Einsatzes von Psychopharmaka bedarf, um diese "Geschlechtsunterschiede" hervorzurufen. Sehr wahrscheinlich zeigten die Experimente ohne Medikamenteneinfluss nicht ausreichend signifikanten Unterschiede im Verhalten der Frauen und Männer.
santoku03 10.10.2017
5.
Aber gelesen haben Sie den Artikel nicht? Die Unterschiede wurden durch das Medikament nicht hervorgerufen, sondern verringert. Aber Hauptsache, aufregen...
Zitat von carinanavisdass eine kleine Zahl von sehr jungen Schweizer Männern und Frauen (Durchschnittsalter 23) unter völlig künstlichen Bedingungen und dem Einfluss von Psychopharmaka geringe Abweichungen zeigte bei der Anfälligkeit für eine Bestechung mit Schweizer Franken, die mit anderen geteilt werden konnte. Dies als "soziales Verhalten" zu werten ist schon absurd. Man sehe sich mal die Fehlergrenzen bei den Einzeltests an, bei Fig. 3 und 4 wurde zudem der Maßstab grafisch so manipuliert, dass der Leser ein eigentlich nicht vorhandener Unterschied erkennen soll (auch wenn angeblich statitische Signifikanz vorliegt). Es ist doch extrem merkwürdig, dass es des Einsatzes von Psychopharmaka bedarf, um diese "Geschlechtsunterschiede" hervorzurufen. Sehr wahrscheinlich zeigten die Experimente ohne Medikamenteneinfluss nicht ausreichend signifikanten Unterschiede im Verhalten der Frauen und Männer.
Aber gelesen haben Sie den Artikel nicht? Die Unterschiede wurden durch das Medikament nicht hervorgerufen, sondern verringert. Aber Hauptsache, aufregen...

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP