16.12.2009
Stammesführer in Kopenhagen
Häuptling Surui friert für den Regenwald
Aus Kopenhagen berichtet Christian SchwägerlHäuptling Almir Surui hat einen Pulli an, eine Fleecejacke und dann noch eine Winterjacke. Dabei ist es im Bella-Konferenzzentrum, wo die Weltklimakonferenz stattfindet, eigentlich recht warm. Doch Surui ist es gewohnt, nur spärlich bekleidet im dampfend heißen Amazonaswald zu leben, zusammen mit den 1500 anderen Mitgliedern seines Stammes. Nun ist er ins winterliche Kopenhagen gereist, damit das so bleiben kann.
13 Millionen Hektar tropischer Regenwald werden jedes Jahr zerstört, das entspricht einer 360 mal 360 Kilometer großen Fläche. Surui gehört zu den vielen Hunderttausenden von Menschen, die tief im Wald leben und von der Abholzung direkt bedroht sind. Die Nachfrage kommt auch aus der EU - doch die EU-Agrarminister konnten sich am Mittwoch nicht einmal auf ein umfassendes Importverbot für illegal geschlagenes Holz einigen. "Die Rodungsflächen sind unserem Stammesgebiet immer näher gekommen", sagt der stämmige Mann, der in der Menge der Bürokraten und Umweltaktivisten mit seinem üppigen, wunderschönen Federschmuck auf dem Kopf auffällt.
Luftaufnahmen des 249.000 Hektar großen Stammesgebietes belegen diese Beschreibung: Wie eine grüne Insel liegt das Surui-Gebiet in der Landschaft. Außenrum wurde, seit 1969 erstmals Außenstehende in die Gegend kamen, alles von Straßen zerfressen und abgeholzt. Es ist das Treibhausgas Kohlendioxid, das bei solchen Abholzungen in großen Mengen frei wird. "Wenn die Erderwärmung ungebremst weitergeht, trocknet die Heimat der Amazonas-Bewohner aus, und São Paulo wird zur Wüstenstadt", warnt der frühere Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern.
"Es ist absurd, wenn erst der abgeholzte Wald etwas wert ist"
Die große Hoffnung von Stern und von Häuptling Surui heißt "Redd", und sie gehört zu den zentralen Themen der Weltklimakonferenz. Das englische Kürzel steht für "Reduzierte Emissionen aus Waldzerstörung und Walddegradierung" und den Versuch, dem lebenden Wald einen ökonomischen Wert zu geben.
"Es ist absurd, wenn erst der abgeholzte Wald etwas wert ist", mahnte Prinz Charles am Dienstagabend bei der feierlichen Eröffnung des Treffens der Minister- und Regierungschefs in Kopenhagen.
Finden die Politiker eine Einigung, könnte es demnächst Geld dafür geben, den Wald zu bewahren. Denn in den Bäumen und dem Boden unter ihnen sind gigantische Mengen Kohlenstoff gespeichert. Diese werden sukzessive als Kohlendioxid und Methan frei, wenn der Wald abgeholzt und abgebrannt wird. Zu den vom Menschen verursachten Treibhausgasen trägt die Waldzerstörung je nach Berechnungsmethode 12 bis 20 Prozent bei.
Das Redd-Konzept bedeutet, dass Länder für den Kohlenstoffspeicher bezahlt werden wie für eine Serviceleistung. Dafür wird ermittelt, wie viel Kohlendioxid der Atmosphäre durch Waldschutzmaßnahmen erspart geblieben sind. In der EU hat CO2 schon längst einen Preis: Für jede Tonne Emissionen müssen etwa Kraftwerksbetreiber einen Börsenpreis von derzeit rund 15 Euro entrichten. Umgekehrt würden künftig Waldschützer einen Preis für CO2 bekommen, das nicht in die Atmosphäre entweicht. "Waldschutz ist der billigste Weg, CO2-Emissionen zu vermeiden", sagt Rajendra Pachauri, Chef des Weltklimarats IPCC, "es kostet pro Tonne höchstens fünf bis zehn Dollar."
Geld für die Wächter des Regenwalds
15 Milliarden Dollar jährlich sollten dem Ökonomen Stern zufolge bis 2015 bereitstehen, um die Entwaldung zu halbieren, danach 50 Milliarden jährlich. Als Quellen für das Geld benennt er die Auktionierung von Redd-Zertifikaten auf einer speziellen CO2-Börse, die Besteuerung von Flugbenzin, Weltbankreserven und Steuern auf Finanztransaktionen.
Doch wer soll das Geld bekommen? Viele Regierungsvertreter, die in Kopenhagen verhandeln, wollen das Geld direkt ihren Finanzministerien zuleiten. Der Amazonashäuptling Surui hält das für ungerecht: "Der brasilianische Staat hat die Entwaldung nicht nur geduldet, sondern massiv gefördert", sagt er, "das Geld steht uns zu, den Wächtern des Regenwalds."
Auf die Frage, ob er mit den Summen Luxusgüter anschaffen würde, ist er gut vorbereitet: "Quatsch", sagt Surui, "wir haben einen 50-Jahres-Plan vorbereitet, wie wir das Geld so einsetzen, dass wir unsere Lebensweise inmitten eines intakten Waldes fortsetzen."

