04.05.2012
Anthropologie
Forscher finden Beweise für Menschenopfer
Mexiko-Stadt - Priester vergossen Blut, angeblich um den Kosmos im Gleichgewicht zu halten, so geht die Geschichte. Gerüchte, dass südamerikanische Frühkulturen durchaus Menschenopfer-Praktiken pflegten, gibt es immer wieder. Doch ob sie zutreffen oder spanische Kolonialherren bei ihren gruseligen Erzählungen übertrieben hatten, war unklar.
Mexikanische Wissenschaftler wollen jetzt eindeutige Beweise für Menschenopfer-Rituale gefunden haben. An 2000 Jahre alten Messern entdeckten sie unter anderem Überreste von Blutzellen, Sehnen und menschlicher Haut.
Die 31 Messer aus vulkanischem Gesteinsglas stammen aus der Cantona Kultur, in der mexikanischen Region Puebla. Deren Mitglieder lebten über 1.000 Jahre vor den Azteken, die zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert existierten und wegen Menschenopfer-Ritualen bekannt geworden sind. Über die Lebensweise der Cantona wissen Forscher allerdings nur wenig.
Die Spuren an den Messern hatten Wissenschaftler bereits vor 20 Jahren entdeckt. Sie vermuteten, dass es sich dabei um Blutspuren handelte, konnten es damals aber nicht beweisen. Vor zwei Jahren kam dann die Gelegenheit. Die Archäologen übergaben die Messer an Luisa Mainou vom mexikanischen Institut für Anthropologie und Geschichte. Mit Hilfe von Forschern der National Autonomous University in Mexiko-Stadt untersuchte Mainous Team die Steinmesser mit einem Elektronenmikroskop. Sie fanden neben Collagen auch rote Blutkörperchen sowie Überreste von Sehnen und Muskelfasern.
"Mit diesen Messern wurden ganze Körperteile abgetrennt"
Historische Erzählungen aus der Zeit der Azteken und Zeichnungen früherer Kulturen hatten zwar von Ritualen berichtet, bei denen Priester Blut vergossen. Die Opfer sollten den Geschichten zufolge aber nicht lebensgefährlich verletzt worden sein. "Die Überreste von Sehnen und Muskeln deuten aber darauf hin, dass die Schnitte sehr tief waren und bei den Opfern ganze Körperteile abgetrennt wurden. Die Messer wurden also für Menschenopfer gebraucht", glaubt Mainou.
Der US-Expertin Susan Gillespie zufolge hatten spanische Kolonialherren von blutigen Menschenopfer-Ritualen berichtet, auch Malereien aus Zeiten vor der Kolonialisierung Südamerikas bestätigen den Verdacht. "Priester sollen zum Beispiel Herzen herausgeschnitten und Opfern Gliedmaßen oder sogar den Kopf abgehackt haben. Manche Menschen sollen gehäutet worden sein", erklärt sie. Für alte südamerikanische Kulturen sei menschliches Blut eine Art heilige Flüssigkeit gewesen. Mit den Opfern wollten sie laut Gillespie das Universum im Gleichgewicht halten.
Die Forscher vermuten, dass jedes Messer eine bestimmte Funktion hatte. "Auf einigen fanden wir mehr Blutzellen, auf anderen mehr Haut oder Muskelfasern", erläutert Mainou. Gillespie ergänzt, dass die Messer vielleicht auch ungewaschen an einem bestimmten Ort aufbewahrt worden seien.
Wissenschaftler hegten schon lange den Verdacht, dass die spanischen Eroberer in ihren Erzählungen von Menschenopfern übertrieben hätten, erklärt die Expertin. "So konnten sie die Indios brutaler und weniger bemitleidenswert erscheinen lassen. Archäologische Beweise für Menschenopfer sind deshalb besonders wichtig, um endlich Klarheit zu bekommen."
ajo/ap

