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13.05.2012
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Lebensmittelüberwachung

Jagdrevier Supermarkt

Von "natur+kosmos"-Autor Christoph Behrens
Schädlingsbekämpfung im Supermarkt: Mit Stift und Zettel gegen Schaben
Fotos
Corbis

2. Teil: "Nur als letzte Maßnahme setzen wir Gift oder Fallen ein"

"Die Branche denkt um", sagt auch Thorsten Gsell, Schädlingsbekämpfer in zweiter Generation aus Essen. Früher seien sie nur gerufen worden, wenn der Betrieb schon voller Ungeziefer war, hätten ein bisschen Gift versprüht und ein halbes Jahr später sei es wieder genauso verseucht gewesen. "Fälle wie Müller-Brot haben für eine gewisse Alarm-Stimmung gesorgt", sagt Gsell. "Die Betriebe haben angefangen, nachhaltiger zu denken, akute Maßnahmen werden seltener." Und er profitiert davon, kommt mit seinen Leuten öfter und dafür vorbeugend, kümmert sich mehr um bauliche Mängel: Eine Maus brauche etwa ein kugelschreibergroßes Loch, um durch ein Hindernis zu kommen. Solche Mängel müsse man zuerst beseitigen, das spare Zeit und Nerven, ist Gsell überzeugt. "Nur als letzte Maßnahme setzen wir Gift oder Fallen ein."

Einige Firmen bieten jetzt selbst "grüne" Alternativen an, die besonders umweltfreundlich sein sollen. Sie kommen weitgehend ohne Chemie aus, stattdessen tötet etwa Hitze oder Kälte die Insekten. Bio-Verbände wie Demeter setzen auf Lockstoffe wie Quassiaholz und Lavendelöl oder das natürliche Insektizid Pyrethrum, das aus Blumen gewonnen wird. Doch Gsell hat auch genügend verdreckte Betriebe gesehen, um zu wissen, dass längst nicht jeder sich so viele Gedanken macht wie etwa Oliver Fox - "einigen Leitern ist das halt egal, und dann ist es auch mit der Sauberkeit nicht weit her." Die Statistiken scheinen diesen Befund zu bestätigen: 2010 kontrollierten die Behörden deutschlandweit rund eine halbe Million Lebensmittelbetriebe - von kleinen Imbissbuden über Supermärkte bis hin zu großen Lebensmittelfabriken. Bei jedem vierten Betrieb fanden sie etwas zu beanstanden - in drei von vier Fällen betraf das die "allgemeine Betriebshygiene" oder das "Hygienemanagement". Laut "Report München" arbeitet jeder dritte deutsche Bäcker in Deutschland unsauber. Selbst auf Bio-Fleisch fand das Magazin "Stern TV" Anfang des Jahres antibiotikaresistente ESBL-Keime. Auch Müller-Brot fiel den Kontrolleuren immer mal wieder auf - doch anstatt die Öffentlichkeit zu in- formieren, verhängten sie Bußgelder in Höhe von 69.000 Euro - offenbar ohne Erfolg.

Massive Intervention der Lebensmittel-Lobby

Kontrolleur Martin Müller befürwortet deshalb eine andere Idee: Eine Art Ampel-System für Betriebe, das den Kunden die Ergebnisse der letzten drei Kontrollen in den Farben grün, gelb und rot mitteilt. "Hätte es das bei Müller-Brot gegeben, wäre die Firma heute nicht pleite", ist Müller überzeugt. "Der Status wäre vom grünen in den gelben Bereich gekippt, die Kundschaft langsam weggeblieben, und das Management hätte viel eher erkannt, wie schlimm die Lage ist." Dieses Ampel-System ist jedoch Gegenstand heftiger politischer Gefechte. Erst 2011 blockierten die Wirtschaftsminister der Länder seine bundesweite Einführung. Insider sprechen von einer massiven Intervention der Lebensmittel-Lobby während der Verhandlungen. Im September möchten die zuständigen Politiker erneut einen Anlauf für die Ampel wagen.

Wie viel jedoch schon jetzt für die Verbraucher zu machen ist, zeigt ein Blick nach Berlin-Pankow, ins Büro von Dr. Zengerling, dem Chef der Lebensmittelaufsicht im größten Bezirk der Hauptstadt. Mehr als 380.000 Einwohner leben hier. Irgendwann konnte Zengerling wohl keine verschimmelten Teller und dreckigen Fußböden mehr sehen, mochte nicht mehr mit Kiosk-Inhabern streiten, die weder putzen noch dazu lernen wollten. Da entschied er sich zu einer Radikallösung. Ab 2009 setzte der Kontrolleur alle unsauber arbeitenden Betriebe in Pankow auf eine "Negativliste" im Internet mit Beschreibung der Mängel und in krassen Fällen samt Fotos. Für die sauber arbeitenden Betriebe dachte er sich eine "Positivliste" aus. Das System mit lachenden bis traurig gelben Gesichtern entwickelte er kontinuierlich weiter. Nach einem Blick auf die Liste verzichtet man lieber auf ein Essen im "Asia Tiger", das sich sowohl bei der Produktions- als auch bei der Personalhygiene ein "nicht ausreichend" einhandelte. Damit macht sich Zengerling natürlich nicht nur Freunde. Verständlich, dass er seinen Vornamen nicht nennen will.

Die Idee für das "Smiley-System" bekam er aus Dänemark: Die Dänen hatten schon 2001 eine Hygiene-Ampel zentral eingeführt, ebenfalls nach diversen Lebensmittel-Skandalen. "Da hat die Wirtschaft auch zuerst auf die Bremse gedrückt", sagt er. Doch es funktionierte: Seit alles öffentlich ist, müssen die dänischen Kontrolleure nur noch halb so oft die Sauberkeit beanstanden. Zengerling kann eine Wirkung zwar nicht statistisch belegen wie im Nachbarland, dennoch stellt er zufrieden fest, dass ein Mentalitätswandel schon eingesetzt hat: "Die Betriebe machen sich jetzt selbst schlau, vorher hat sie das Thema nicht interessiert."

Warum seine Idee nicht längst anderswo angewendet wird? Größere Transparenz - für Politiker nicht gerade das Lieblingsthema, vermutet Zengerling: "Der Bürger sieht dann, wie gut eine Behörde selbst arbeitet, ob sie oft genug kontrolliert beispielsweise."

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