27.05.2012
Wirkung von Alkohol
Schlucken und schlagen
Von Anne Beck und Andreas Heinz
U-Bahn-Schläger Torben P. (April 2011, Berlin): Tat aufgrund starken Alkoholkonsums?
Berlin, U-Bahnhof Friedrichstraße: In der Nacht zum Ostersamstag 2011 schlägt der 18-jährige Gymnasiast Thorben P. einen Mann mit einer Flasche nieder. Dann tritt er mehrfach mit dem Fuß gegen den Kopf des reglos am Boden liegenden Handwerkers. Das Opfer erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Nasenbeinbruch und Prellungen - eine Tat, die auf das Konto übermäßigen Alkoholkonsums geht. So zumindest entschied das Landgericht Berlin und ging von einer verminderten Schuldfähigkeit des Schlägers aus.
Die hinzugezogene Gutachterin gab an, es sei "nicht vollkommen auszuschließen, dass die Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten zur Tatzeit durch Alkohol erheblich vermindert gewesen sein könnte". Zwar lag keine Blutprobe des Schülers vor, doch das Überwachungsvideo schien zu beweisen, dass der Angreifer durch den Alkohol in seinem Verhalten "deutlich enthemmt war". Letztlich wurde der Schüler wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.
Alkohol macht von allen bewusstseinsverändernden Substanzen am ehesten aggressiv, so eine Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Epidemiologische Studien belegen, dass extreme Trunkenheit bei etwa der Hälfte aller Gewaltverbrechen und sexuellen Übergriffe eine entscheidende Rolle spielt. Auch eine amerikanische Metaanalyse belegt diesen Zusammenhang: Menschen, die mindestens einmal im Jahr einen Vollrausch haben, sind etwa doppelt so häufig in öffentliche oder häusliche Gewaltdelikte verstrickt wie Personen mit maßvollem Trinkverhalten.
Ein erfolgreicher Entzug kann das Verhalten normalisieren
Umgekehrt scheint ein erfolgreicher Entzug das Verhalten wieder zu normalisieren. Alkoholkranke Männer, die es schafften, ein Jahr lang trocken zu bleiben, waren ihren Partnerinnen gegenüber weniger gewalttätig. Das stellten Psychologen der Harvard Medical School in Boston fest.
Allerdings wird nur eine kleine Zahl von Menschen unter Alkoholeinfluss gewalttätig. Der Schlüssel dazu liegt im Gehirn. So ergaben eine ganze Reihe placebokontrollierter Studien, dass der Rausch die Funktionen des präfrontalen Kortex beeinträchtigt, einer Hirnregion, die beim Planen und Kontrollieren von Handlungen aktiv wird. Wer betrunken ist, kann ähnliche Verhaltensdefizite zeigen wie Personen, deren Stirnhirn etwa durch einen Unfall verletzt wurde: So leidet die Fähigkeit, die eigenen Handlungen zu steuern, die Aufmerksamkeit ist gestört, Informationen werden langsamer und fehlerhaft verarbeitet. Außerdem sind Alkoholisierte nur noch eingeschränkt in der Lage, ihr Verhalten an eine gegebene Situation anzupassen. Sie reagieren daher möglicherweise aggressiv oder gewalttätig, wenn sie sich von ihrem Gegenüber bedroht oder provoziert fühlen.
Einige Regionen des präfrontalen Kortex sind mit Strukturen des limbischen Systems wie der Amygdala verknüpft und wirken regulierend auf die Verarbeitung von Gefühlen. Eine eingeschränkte Funktion des Stirnhirns kann daher leicht dieses für die Emotionsverarbeitung wichtige Areal "überkochen" lassen, wie Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren belegen.
Der Psychiater Emil Coccaro von der University of Chicago blickte ins Gehirn seiner Probanden, während diese mit Bildern von wütenden Gesichtern konfrontiert wurden. Der Forscher stellte fest, dass bei Probanden, die zu aggressivem Auftreten neigen, im Vergleich zu unauffälligen Kontrollpersonen die Amygdala verstärkt aktiv war. Ihr Stirnlappen sprach dagegen kaum auf die Fotos an. Tatsächlich war die Verbindung zwischen Amygdala und präfrontalem Kortex verändert. Die Folge waren überbordende Emotionen, die sich nur schwer kontrollieren ließen.
Ist die Funktion der Amygdala bei gewaltbereiten Menschen erhöht, sprechen Fachleute von einer reaktiven oder heißen Aggression. Ähnliches findet wahrscheinlich statt, wenn ein Betrunkener außer Kontrolle sein Gegenüber attackiert. Im Gegensatz dazu kennt man auch die Variante der instrumentellen oder kalten Aggression, die mit einer Unterfunktion der Amygdala einhergeht. Sie scheint bei Menschen mit sogenannten antisozialen Persönlichkeitsstörungen eine Rolle zu spielen, die anderen völlig emotionslos Leid zufügen.
Allerdings: Dass Alkohol den präfrontalen Kortex beeinträchtigt, vermag die erhöhte Gewaltbereitschaft noch nicht zu erklären. Denn längst nicht jeder Mensch wird aggressiv, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat. Sehr wahrscheinlich spielt das Feintuning durch Botenstoffe im Denkorgan eine entscheidende Rolle.