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13.11.2012
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Neues Konzept zur Endlagersuche

Greenpeace will Gorleben entsorgen

Von
DPA

Gäste in Gorleben (im Februar 2012): Zehn-Punkte-Plan fordert Ausschluss des Salzstocks

Ein neues Konzept soll Bewegung in die stockende Suche nach einem Atommüllendlager bringen. Der Zehn-Punkte-Plan von Greenpeace ist aber vor allem eines: eine Misstrauenserklärung an den politischen Betrieb. Die Umweltschützer wollen den Salzstock Gorleben auf jeden Fall ausschließen.

Berlin - Seit Monaten werkelt Umweltminister Peter Altmaier (CDU) am Entwurf für ein Endlagersuchgesetz. Zu klären ist die höchst brisante Frage, wo Deutschland den Strahlmüll seiner jahrzehntelangen Kernkraftnutzung verbuddeln will. Doch von einer ursprünglich avisierten Einigung mit der Opposition bis zum Jahresende ist längst nicht mehr die Rede; SPD und Grüne lehnen den aktuellen Gesetzentwurf strikt ab. Und schon bald ist Wahlkampfzeit, erst in Niedersachen, später dann bundesweit - eine schnelle Einigung ist also ausgesprochen unwahrscheinlich.

Nun hat die Umweltorganisation Greenpeace ein eigenes Konzept für die Endlagersuche vorgelegt. Es ist vor allem eine Misstrauenserklärung an die Politik. Minister Altmaier werfen die Öko-Aktivisten Hinterzimmerdiplomatie vor. Aber auch mit SPD und Grünen gehen sie hart ins Gericht. Es gebe einen parteiübergreifenden Konsens, sich das Thema vom Hals schaffen zu wollen. "Wir wollen zeigen, dass es besser geht, als es die Planungen von Bundesregierung und Oppositionsparteien vorsehen", sagt Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler SPIEGEL ONLINE.

Der Umweltschützer aus dem Wendland hat sich jahrelang mit den Erkundungsarbeiten in Gorleben befasst - inklusive der Frage, wie der Salzstock trotz Zweifel bei der Geologie eigentlich zum Endlagerkandidaten werden konnte. Nun fordert er zusammen mit seinen Kollegen, dass Gorleben bei einer neuen Suche explizit ausgeschlossen wird: "Sonst kann es kein ergebnisoffenes Verfahren geben. Die Politik schleppt eine 35 Jahre dauernde Geschichte der Manipulation mit sich herum."

Bei Greenpeace hadert man nicht zuletzt damit, dass im Namen des Ministeriums der Ex-Atomlobbyist Gerald Hennenhöfer und der frühere Atomkraftmanager Bruno Thomauske die Endlagersuche voranbringen sollen. Die beiden seien auf Gorleben festgelegt.

Der Ausschluss des Salzstocks ist im Greenpeace-Konzept deswegen als Grundvoraussetzung aufgeführt, ebenso die Aufarbeitung der früheren Entscheidungen für den niedersächsischen Standort. Darum kümmert sich aktuell auch ein Untersuchungsausschuss des Bundestages, sogar Kanzlerin Angela Merkel musste dort bereits als Zeugin aussagen.

Aufbauend auf den beiden Voraussetzungen - Entsorgung von Gorleben und Vergangenheitsbewältigung - umfasst das am Donnerstag vorgestellte Konzept der Umweltschützer insgesamt zehn Schritte. Ein Endlagersuchgesetz findet sich dabei erst im fünften von ihnen. Vorher soll vor allem viel debattiert werden:

"Das Entscheidende ist, dass die Zivilgesellschaft von Beginn an einbezogen wird", sagt Edler. Erst danach sollen Standorte und Regionen für die Erkundung über und - noch später - unter Tage ausgewiesen werden. In jedem möglichen Wirtsgestein - denkbar sind neben Salz auch Ton und Granit - sollen zwei Standorte untersucht werden. Es wäre also ein sowohl kompliziertes als auch teures Verfahren.

Doch, so rechnet man bei Greenpeace vor, eben auch ein lohendes: Immerhin stehe am Ende der "relativ beste Endlagerstandort" des Landes. Allerdings: Eine ähnliche Betriebsanleitung für die Suche nach einem Endlager gibt es schon längst. Sie ist zehn Jahre alt und stammt von einem unabhängigen Beratergremium, das die rot-grüne Bundesregierung damals eingesetzt hatte.

"Ich will da nicht mehr mitspielen"

Dieser Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte, kurz AkEnd, hatte seine Empfehlungen im Dezember 2002 vorgelegt. Dazu gehören unter anderem ein Verfahren für die Bürgerbeteiligung und die Verpflichtung, dass mindestens zwei potentielle Standorte auch unter Tage erkundet werden müssen. Gorleben würde in diesem Fall wohl gegen einen anderen Kandidaten antreten.

Und genau deswegen mag man bei Greenpeace das AkEnd-Konzept nicht. An seinem Ende, so fürchtet man, würde die Wahl wieder auf Gorleben fallen. Aus alter Gewohnheit, nicht aus geologischen Gründen.

Die Empfehlungen des AkEnd wurden nach dem Ende der rot-grünen Regierung ohnehin nicht in die Praxis umgesetzt. Zumindest nicht in Deutschland; in der Schweiz dienten sie immerhin als Grundlage der dortigen Endlagersuche. Doch auch in der Eidgenossenschaft steckt die Suche in einer tiefen Krise.

Der als Kritiker bekannte Genfer Geologieprofessor Walter Wildi hat vor wenigen Wochen seinen Rückzug aus dem sogenannten Beirat Entsorgung verkündet - weil seinen Sicherheitsbedenken zu wenig Beachtung geschenkt worden sei. Und Wildis Geologen-Kollege Marcos Buser schied schon im Sommer aus der Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) aus. Er beklagte einen Filz aus Aufsichtsbehörden und Atomkraftbetreibern: "Ich will da nicht mehr mitspielen."

Die Endlager-Diskussion wird noch lange dauern, in der Schweiz ebenso wie in Deutschland.

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insgesamt 28 Beiträge
1. Von wegen ehrliche Endlagersuche....
NuclearSavety 13.11.2012
... es glaubt doch keiner, dass Greenpeace, die Grünen, die SPD oder sonst jemand eine ehrliche Suche nach dem besten Endlager will. Da könnte ja am Ende rauskommen, das Gorlebenm gar nicht schlecht ist, und man dann erklären [...]
... es glaubt doch keiner, dass Greenpeace, die Grünen, die SPD oder sonst jemand eine ehrliche Suche nach dem besten Endlager will. Da könnte ja am Ende rauskommen, das Gorlebenm gar nicht schlecht ist, und man dann erklären muss, warum man die letzten 20-30 Jahre mist erzählt hat. Oder noch schlimmer, das neue Endlager könnte in Baden Wütteberg sein, oder in einem SPD-Stammland .... das wäre dann wirklich ein Supergau.
2. es wird kein sicheres Endlager geben
kross62 13.11.2012
Bei allem Respekt vor Greenpeace. Aber da hat NuclearSavety recht. Auch die haben ein Problem, wenn sie ihren Leuten, die sie Jahrzehnte rausgeschickt und an die Schienen gekettet haben, erklären müssen, dass Gorleben jetzt [...]
Zitat von NuclearSavety... es glaubt doch keiner, dass Greenpeace, die Grünen, die SPD oder sonst jemand eine ehrliche Suche nach dem besten Endlager will. Da könnte ja am Ende rauskommen, das Gorlebenm gar nicht schlecht ist, und man dann erklären muss, warum man die letzten 20-30 Jahre mist erzählt hat. Oder noch schlimmer, das neue Endlager könnte in Baden Wütteberg sein, oder in einem SPD-Stammland .... das wäre dann wirklich ein Supergau.
Bei allem Respekt vor Greenpeace. Aber da hat NuclearSavety recht. Auch die haben ein Problem, wenn sie ihren Leuten, die sie Jahrzehnte rausgeschickt und an die Schienen gekettet haben, erklären müssen, dass Gorleben jetzt doch gut sei. Ich selbst glaube nicht mehr daran, dass es ein sicheres Endlager gibt. Was wissen wir denn heute, wie sich die Welt in den nächsten 10000 Jahren verändert. Mein radikaler Vorschlag: Gar nicht mehr verbuddeln / versenken das Zeugs. Einfach rumstehen lassen. Damit kann es jederzeit und einfach kontrolliert und umgelagert werden und muss nicht erst wieder ausgebuddelt werden wie in der Asse. Ausserdem hält das dann die Erinnerung in den Menschen frisch, damit sie nicht irgendwann einmal wieder einen solchen Blödsinn anfangen.
3. ...
J4cky 13.11.2012
Der Witz ist doch, es gibt genehmigte Endlager. Sogar in Deutschland! Nur eben nicht für Atommüll, aber der Grund ist nicht die Genehmigung oder die technische Machbarkeit nach heutigem Stand der Technik, sondern eine [...]
Zitat von NuclearSavety... es glaubt doch keiner, dass Greenpeace, die Grünen, die SPD oder sonst jemand eine ehrliche Suche nach dem besten Endlager will. Da könnte ja am Ende rauskommen, das Gorlebenm gar nicht schlecht ist, und man dann erklären muss, warum man die letzten 20-30 Jahre mist erzählt hat. Oder noch schlimmer, das neue Endlager könnte in Baden Wütteberg sein, oder in einem SPD-Stammland .... das wäre dann wirklich ein Supergau.
Der Witz ist doch, es gibt genehmigte Endlager. Sogar in Deutschland! Nur eben nicht für Atommüll, aber der Grund ist nicht die Genehmigung oder die technische Machbarkeit nach heutigem Stand der Technik, sondern eine unternehmerische Entscheidung. Giftmüll in Hessen: Der giftigste Ort der Welt | Rhein-Main*- Frankfurter Rundschau (http://www.fr-online.de/rhein-main/giftmuell-in-hessen-der-giftigste-ort--der-welt-,1472796,8760584.html) Klingt komisch ... is aber so!
4.
mcmercy 13.11.2012
Die gleiche Idee ging mir auch durch den Kopf. Da die Atommeiler ohnehin abgeschaltet werden, bietet sich an den ganzen Schrott gleich dort zu belassen. Die meisten Meiler sind ausreichend gegen Erdebeben und Flugzeugabstürze [...]
Zitat von kross62Bei allem Respekt vor Greenpeace. Aber da hat NuclearSavety recht. Auch die haben ein Problem, wenn sie ihren Leuten, die sie Jahrzehnte rausgeschickt und an die Schienen gekettet haben, erklären müssen, dass Gorleben jetzt doch gut sei. Ich selbst glaube nicht mehr daran, dass es ein sicheres Endlager gibt. Was wissen wir denn heute, wie sich die Welt in den nächsten 10000 Jahren verändert. Mein radikaler Vorschlag: Gar nicht mehr verbuddeln / versenken das Zeugs. Einfach rumstehen lassen. Damit kann es jederzeit und einfach kontrolliert und umgelagert werden und muss nicht erst wieder ausgebuddelt werden wie in der Asse. Ausserdem hält das dann die Erinnerung in den Menschen frisch, damit sie nicht irgendwann einmal wieder einen solchen Blödsinn anfangen.
Die gleiche Idee ging mir auch durch den Kopf. Da die Atommeiler ohnehin abgeschaltet werden, bietet sich an den ganzen Schrott gleich dort zu belassen. Die meisten Meiler sind ausreichend gegen Erdebeben und Flugzeugabstürze gesichert. Natürlich muss man die Lagerhallen ständig warten und verbessern. Eine andere Möglichkeit sehe ich gar nicht. Mir kanns ja egal sein, aber in 1000 Jahren weiß sonst keine Sau mehr wo das Zeug verbuddelt wurde.
5. Mein Vorschlag:
Layer_8 13.11.2012
Sich richtige Gedanken darüber machen, wie man das Zeug in den nächsten 2-3 Generationen (100 Jahre) sicher in die Sonne schießen kann. Dies würde wohl erstens einen gewaltigen Schub Erkenntnis für die Weltraumtechnik [...]
Zitat von sysopDPAEin neues Konzept soll Bewegung in die stockende Suche nach einem Atommüllendlager bringen. Der Zehn-Punkte-Plan von Greenpeace ist aber vor allem eines: eine Misstrauenserklärung an den politischen Betrieb. Die Umweltschützer wollen den Salzstock Gorleben auf jeden Fall ausschließen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neues-konzept-zur-endlagersuche-greenpeace-will-gorleben-entsorgen-a-866824.html
Sich richtige Gedanken darüber machen, wie man das Zeug in den nächsten 2-3 Generationen (100 Jahre) sicher in die Sonne schießen kann. Dies würde wohl erstens einen gewaltigen Schub Erkenntnis für die Weltraumtechnik erbringen und zweitens wird dabei Mensch die unmögliche ökologische Verantwortung für die nächsten 500.000 Jahre los. Warum einfach wenn's umständlich geht?

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