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29.11.2012
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Psychologie

Blinder Gehorsam erklärt nicht alles

Von Jana Hauschild
Corbis

Mehr als Bauern auf dem Schachbrett: Menschen handeln nicht bloß aus Gehorsam böse

Die Elektroschock-Experimente von Stanley Milgram gelten als Beleg dafür, dass normale Bürger zu brutalen Tyrannen werden können. Nun widerspricht ein Forscherduo: Menschen unterwerfen sich nicht einfach blind der Autorität - Gewalt entsteht, wenn Bösartiges als tugendhaft dargestellt wird.

Weil Menschen blind gehorchen, begehen sie böse Taten: Das war eine Schlussfolgerung des weltberühmten Milgram-Experiments aus den sechziger Jahren. Teilnehmer versetzten einem anderen Menschen vermeintlich tödliche Stromstöße - nur weil das Experiment dies angeblich erforderte.

Ein weiterer berühmter Versuch, das Stanford-Prison-Experiment, das der Psychologe Philip Zimbardo Anfang der siebziger Jahre durchführte, kam zu einem ähnlich düsteren Ergebnis. Ganz normale Studenten, die in die Rolle der Wärter schlüpften, wurden binnen weniger Tage zu grausamen Tyrannen.

Doch inzwischen bröckelt das aus diesen Versuchen abgeleitete Bild, dass Menschen allein durch blinden Gehorsam zu Mördern oder Folterknechten werden.

In einem Essay, erschienen im Fachmagazin "PLoS Biology", interpretieren zwei Forscher die Ergebnisse der Experimente neu. Ihr Fazit: Tyrannei ist nicht die Folge von blindem Gehorsam. "Vielmehr entstehen solche Verbrechen, wenn Menschen sich mit Autoritäten identifizieren, die bösartige Handlungen als tugendhaft darstellen", sagt der Psychologe Alexander Haslam von der australischen University of Queensland. Die Täter sind nach ihrer Interpretation aktive statt nur passive Ausführer eines Befehls. Um das zu erkennen, müsse man die Untersuchungen von damals näher betrachten.

Die Probanden glauben, etwas Gutes zu tun

Stanley Milgram lud 1961 Bürger zu einer Gedächtnisstudie ein. Tatsächlich wollte er aber herausfinden, wie weit sich die Probanden an seine Anweisungen halten. Sie erhielten dafür die Rolle eines Lehrers, der einen Schüler mit Elektroschocks bestrafen sollte, wenn dieser sich nicht richtig an zuvor gelernte Wortpaare erinnerte. Die Schocks wurden zunehmend stärker: Zu Beginn betrugen sie nur 15 Volt, also ein Kribbeln, und konnten bis zur tödlichen Stärke von 450 Volt erhöht werden. Was die Probanden nicht wussten: Der Schüler, der sich in einem anderen Raum befand, war ein Schauspieler und die Elektroschocks wurden nicht wirklich verabreicht.

Alle Studienteilnehmer gingen bis 300 Volt, fast zwei Drittel bis zum Maximum von 450 Volt. Doch Milgrams Schlussfolgerung, dass Menschen eine fremde Person einfach töten würden, weil eine Führungsperson es ihnen aufträgt, unterstützen Haslam und sein Kollege Stephen Reicher von der schottischen University of St. Andrews nicht.

Zum einen habe es eine Vielzahl ähnlicher Folgeexperimente gegeben, in denen die Mehrheit der Probanden nicht bis zum Äußersten ging. Ausschlaggebend für die Brutalität in dem berühmt gewordenen ersten Versuch sei die Art der Anweisung des Studienleiters gewesen. Sagte er "Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", taten die Teilnehmer dies auch. Sie hätten damit eine Begründung bekommen, warum ihre Tat wissenschaftlich wichtig ist - und damit gut.

Gab der Studienleiter dagegen einfache, direkte Befehle - beispielsweise "Sie haben keine andere Wahl, sie müssen fortfahren" -, lehnten viele Teilnehmer dies ab.

Die Menschen hätten die Elektroschocks gegeben, weil sie daran glaubten, etwas Bedeutsames, etwas Gutes zu tun - nicht weil sie blind gehorchten, urteilen Haslam und Reicher.

Probanden wollten Zimbardos Erwartungen erfüllen

Auch an dem Stanford-Prison-Experiment, dass Zimbardo 1971 durchführte, entdeckten Haslam und Reicher einen Aspekt, der die Ergebnisse in einem anderen Licht erscheinen lässt. Zimbardo rekrutierte damals Studenten, die gemeinsam zwei Wochen lang in einer Gefängnisattrappe auf dem Uni-Campus leben sollten. Dafür teilte er sie in zwei Gruppen ein: Gefängniswärter und Inhaftierte.

Schon nach sechs Tagen musste das Experiment wegen massiver Übergriffe der Wärter abgebrochen werden. Zimbardos Schlussfolgerung: Die Brutalität sei eine natürliche Konsequenz davon gewesen, in der Uniform eines Wärters zu stecken und die Macht in dieser Position zu spüren. Menschen würden zu Tyrannen, weil sie sich unbedacht in die Rollen einfinden, die ihnen Autoritäten vorgeben.

Und eben diesen Punkt greifen Haslam und Reicher auf: Zimbardo hatte den Probanden vor Beginn der Studie indirekt mitgeteilt, welches Verhalten er von den Wärtern erwarte. Er gab ihnen keine exakten Handlungsanweisungen, sagte aber, dass sie bei den Gefangenen ein Gefühl von Langeweile, Angst oder auch Willkür entstehen lassen könnten. "Wir nehmen ihnen ihre Individualität auf verschiedenen Wegen. Das führt zu einem Gefühl der Hilflosigkeit", wird Zimbardo zitiert.

Das Experiment nahm Haslam und Reicher zufolge solch gewaltsame Ausmaße an, weil einige der als Wärter eingeteilten Studenten Zimbardos Erwartungen erfüllen wollten. Sie waren überzeugt, etwas Ehrenwertes zu tun. Sie sehen darin nicht das Handeln von angepassten Automaten, sondern eine aktive Rolle von enthusiastischen Teilnehmern.

Eigene Entscheidung statt Zwang

"Die Menschen handeln nicht blind, sondern wissend, nicht passiv, sondern aktiv. Sie handeln aus einer Überzeugung heraus, nicht weil es natürlich ist. Sie begehen die Tat, weil sie sich dafür entscheiden, nicht weil sie gezwungen wurden", sagt das Forscherteam.

In einer eigenen Gefängnisstudie angelehnt an das Stanford-Experiment konnten sie ihre Sichtweise bereits wissenschaftlich bekräftigen. Auch sie teilten männliche Probanden in Wärter und Insassen ein, machten aber keinerlei Vorgaben. Das Ergebnis: Die Studienteilnehmer passten sich nicht automatisch ihren Rollen an. Sie handelten nur im Gruppenverband, wenn sie sich mit der Gruppe identifizieren konnten. Die Gefangenen konnten sich sogar aus einem Gemeinschaftsgefühl heraus gegen die Wärter auflehnen und gleichberechtigtere Verhältnisse erwirken.

In ihrem Aufsatz beschäftigen sich die beiden Forscher auch mit einem historischen Fall, der im Licht dieser Erkenntnisse betrachtet werden kann - dem des Nazi-Bürokraten Adolf Eichmann. Auch er, so folgern sie, war niemand, der bloß stumpf erledigte, was ihm aufgetragen wurde. Stattdessen wusste er, was er tat - und war sogar stolz darauf. So bedauerte Eichmann kurz vor seinem Gerichtsprozess einzig, nicht mehr Juden getötet zu haben.

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