Lade Daten...
21.11.2012
Schrift:
-
+

Vorlese-Marathon

Bandwurmwort füllt dreieinhalbstündiges Video

Von
Foto: YouTube/Orkhanoid

Ein Russe liest das angeblich längste Wort in englischer Sprache - die Aminosäureabfolge eines Proteins. Er braucht dafür 3,5 Stunden. Ob der vorgetragene Fachbegriff allerdings als Wort gilt, darüber lässt sich streiten.

Hamburg - Die Deutschsprechenden gelten als Spezialisten für lange Wörter: Man kann sich auf dem Amt mit der Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung herumschlagen. In Österreich schipperten auch Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitäne über den Fluss, als es die Erste Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft noch gab. Zwar sind in den Behörden - hoffentlich - Grundstücksverkehrsgenehmigungs-zuständigkeitsübertragungsverordnungsexperten am Werk und es lässt sich auch mutmaßen, dass eine Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze als passende Kopfbedeckung für die Flussschiffer existierte.

Aber nach einer Weile kommen diese Bandwurmwörter zum unweigerlichen Ende. Schließlich geht einem ja irgendwann die Luft aus. Außerdem ist zu vermuten, dass das Gegenüber bei solchen Wortmonstern den roten Faden verliert.

Während derart zusammengesetzte Wörter also kaum in den dreistelligen Buchstabenbereich vordringen, hat das angeblich längste Wort in der englischen Sprache, das ein Russe in einem Video vorträgt, knapp 190.000 Buchstaben. Anders gesagt: Es ist abendfüllend. Rund dreieinhalb Stunden liest Dmitry Golubovskiy, Chefredakteur des russischen Männermagazins "Esquire"; warum er sich das antut, wird leider nicht erklärt: "Methionylthreonylthreonyl-glutaminylarginyltyrosylglutamylserylleucyl…" - und so geht es immer weiter.

Oder einfach: Titin

Nun ja, ob das als Wort gilt, darüber lässt sich streiten. Es handelt sich um die Aminosäurenabfolge eines Proteins, das mit einem sehr kurzen Namen auskommt: Titin. Fünf Buchstaben - schnell gesagt, schnell geschrieben, schnell gelesen.

Titin ist ein Bestandteil der Muskulatur von Wirbeltieren. Ein einzelnes Titin-Molekül kann in seinem natürlichen Zustand 1,3 Mikrometer lang sein. Es ist das größte bekannte Protein - und daher ist seine Aminosäuresequenz eben auch ein sehr, sehr, sehr langer Fachbegriff.

Es existieren eine Vielzahl von Titin-Varianten. Das entsprechende Gen beim Menschen zeigt, dass das Protein theoretisch aus gut 38.000 einzelnen Aminosäuren bestehen kann. Allerdings sind die bisher im Körper entdeckten Varianten kürzer. Bei der Übersetzung der Erbgutsequenz ins Protein werden Teile herausgeschnitten.

Die Variante im menschlichen Herzmuskel besteht aus rund 27.000 Aminosäuren, erklärt Wolfgang Linke von der Ruhr-Universität Bochum. Wahrscheinlich trägt der russische Vorleser dessen Aminosäuresequenz vor. Linke und sein Team in der Abteilung für kardiovaskuläre Physiologie forschen an dieser Isoform.

Titin besitzt sehr elastische Bereiche. Doch ein Teil davon ist bei der Herzmuskel-Variante herausgeschnitten. Durch Mutationen oder biochemische Veränderungen kann das Protein zu steif werden, der Betroffene leidet dann an einer Herzmuskelschwäche. Auch bei der sogenannten diastolischen Herzinsuffizienz, bei der sich das Herz nicht mehr optimal mit Blut füllt, kann Titin eine Rolle spielen, erklärt Linke. Es läuft bereits eine klinische Studie, bei der ein Medikament das Protein wieder locker machen soll. Der untersuchte Wirkstoff: Sildenafil, besser bekannt als Viagra.

Aber zurück zu dem Film mit dem längsten Wort. Zumindest als längster Fachbegriff im Englischen geht die Titin-Sequenz durch. Wobei die Vokabel noch deutlich länger sein könnte, würde sich jemand die Mühe machen und eine der längeren Isoformen so abbilden.

Das längste Wort, das im Oxford Dictionary steht, ist aber deutlich kürzer: Die Bezeichnung der Lungenkrankheit Pneumonoultramicroscopicsilicovolcanoconiosis hat gerade einmal 45 Buchstaben. Chemischen Formeln, DNA-Sequenzen und in diesem Sinne auch Aminosäuresequenzen gibt das britische Standardwerk dagegen eine Abfuhr: "Wir tendieren dazu, sie nicht als richtige Wörter anzusehen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand eine falsche Angabe zur Masse des Proteins Titins. Tatsächlich liegt sie im Bereich von 3 bis 3,7 Megadalton, was etwa der Masse von 300.000 Kohlenstoffatomen entspricht.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
1. Zu lang für die iPhone-App
phalter 21.11.2012
Zumindest sind die Wortungetüme zu lang für die SPON iPhone-App, denn die unterstützt wohl kein horizontales scrollen ;-) So verliert sich die Überlänge dieser internet-untauglichen Wortmonster im Dunkel der [...]
Zumindest sind die Wortungetüme zu lang für die SPON iPhone-App, denn die unterstützt wohl kein horizontales scrollen ;-) So verliert sich die Überlänge dieser internet-untauglichen Wortmonster im Dunkel der iPhone-Screen-Umrandung.
2. Zu schwer...
bardeaustinte 21.11.2012
---Zitat--- Seine Masse entspricht grob der von drei Milliarden Kohlenstoffatomen. ---Zitatende--- ...wenn man mal nachrechnet: Laut wikipedia-Eintrag ist Titin etwa 3,6 Megadalton schwer, wobei 1 Dalton = 1 u = 1/12 Gewicht [...]
---Zitat--- Seine Masse entspricht grob der von drei Milliarden Kohlenstoffatomen. ---Zitatende--- ...wenn man mal nachrechnet: Laut wikipedia-Eintrag ist Titin etwa 3,6 Megadalton schwer, wobei 1 Dalton = 1 u = 1/12 Gewicht eines 12C-Atoms. Das Präfix "Mega" entspricht einer Million. Also 3,6 Megadalton = 0,3 Millionen-faches Gewicht eines Kohlenstoffatoms. War jetzt nicht so schwer zu rechnen...
3. Das ist leider faktisch falsch!
TobiasT 21.11.2012
Zum ersten handelt es sich nicht um ein englisches Wort, sondern eine Bezeichnung und zum zweiten befindet sich in dem Video (auf youtube) bei 2:09:22 ein Schnitt (erkennbar an der Blume), welcher belegt, dass das Video nicht an [...]
Zum ersten handelt es sich nicht um ein englisches Wort, sondern eine Bezeichnung und zum zweiten befindet sich in dem Video (auf youtube) bei 2:09:22 ein Schnitt (erkennbar an der Blume), welcher belegt, dass das Video nicht an einem Stück aufgezeichnet wurde.
4.
cee 21.11.2012
Es sind sogar mehrere Schnitte drin! Dem Typ wächst dazu noch ein Bart?!?! Absolut Weltrekordverdächtig :D
Zitat von TobiasTZum ersten handelt es sich nicht um ein englisches Wort, sondern eine Bezeichnung und zum zweiten befindet sich in dem Video (auf youtube) bei 2:09:22 ein Schnitt (erkennbar an der Blume), welcher belegt, dass das Video nicht an einem Stück aufgezeichnet wurde.
Es sind sogar mehrere Schnitte drin! Dem Typ wächst dazu noch ein Bart?!?! Absolut Weltrekordverdächtig :D
5. Faktisch falsch?
ghibli 21.11.2012
Sie haben ganz sicherlich meinen größten Respekt, dass Sie sich das Video offensichtlich in Gänze angesehen haben. Mir leuchtet nur nicht so ganz ein, was denn jetzt bitteschön "faktisch falsch" sein soll, wenn der [...]
Zitat von TobiasTZum ersten handelt es sich nicht um ein englisches Wort, sondern eine Bezeichnung und zum zweiten befindet sich in dem Video (auf youtube) bei 2:09:22 ein Schnitt (erkennbar an der Blume), welcher belegt, dass das Video nicht an einem Stück aufgezeichnet wurde.
Sie haben ganz sicherlich meinen größten Respekt, dass Sie sich das Video offensichtlich in Gänze angesehen haben. Mir leuchtet nur nicht so ganz ein, was denn jetzt bitteschön "faktisch falsch" sein soll, wenn der bedauernswerte Mann bei der Aufnahme zwischendurch ein Glas Wasser getrunken hat. Und dass man geteilter Auffassung darüber sein kann, ob es sich hier überhaupt um ein Wort handelt, steht doch bereits im Artikel.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter RSS
alles zum Thema Sprachforschung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten