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02.12.2012
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Taucher im Interview

"Angeber haben in Höhlen nichts zu suchen"

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Uli Kunz

Unterwasserhöhlen sind eine faszinierende Welt, doch sie zu erkunden ist schwierig und äußerst riskant. Der Höhlentaucher Robert Schmittner erklärt im Interview, wo die Gefahren unter der Erde liegen - und warum immer wieder Taucher sterben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmittner, Sie haben Hunderte Solo-Tauchgänge in die Unterwasserhöhlen Mexikos unternommen. Ist es das Verlangen nach Adrenalin, das Sie immer wieder in die Cenoten treibt?

Schmittner: Natürlich ist es immer ein Thrill, wenn man in eine neue Cenote taucht. Man weiß nie, was einen erwartet. Aber das bedeutet nicht, dass man gezielt den Adrenalinkick sucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Hunderte Kilometer Unterwasserhöhlen erkundet, schlagen sich auf der Suche nach unbekannten Cenoten stundenlang mit der Machete durchs Dickicht, nehmen strapaziöse Tauchgänge auf sich, dokumentieren die Höhlen in mühsamer Kleinarbeit - und das alles zum Spaß?

Schmittner: Das ist meine Passion. Es ist der Reiz des Unbekannten. Manchmal taucht man in eine Sackgasse und muss umkehren. Manchmal aber zwängt man sich durch eine enge Öffnung - und plötzlich befindet man sich in einem gigantischen Raum. Man weiß: Hier war vor mir noch nie ein Mensch, abgesehen vielleicht von den Steinzeit-Bewohnern, deren Überreste man manchmal dort findet. Schauen Sie! Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur darüber rede.

SPIEGEL ONLINE: Worauf stoßen Sie in den Höhlen?

Schmittner: Praktisch in jeder Cenote findet man in der Nähe des Eingangs Keramikstücke aus der Maya-Zeit, manchmal auch Knochen oder sogar Jade. Was tiefer in den Passagen liegt, stammt meist aus der letzten Eiszeit. Damals waren viele der Höhlen noch trocken, weil der Wasserspiegel bis zu hundert Meter tiefer lag.

SPIEGEL ONLINE: Konkurrieren die sogenannten Höhlen-Explorer mit den Archäologen?

Schmittner: Nein, im Idealfall ergänzen wir uns. Die allermeisten Funde in den Unterwasserhöhlen sind den Explorern gelungen und nicht den Wissenschaftlern. Wir sind eben meistens die ersten, die in den Höhlen tauchen. Aber es geht uns nicht nur um archäologische Fundstücke.

SPIEGEL ONLINE: Worum dann?

Schmittner: Um die Erkundung der Höhlen selbst. Momentan versuche ich gemeinsam mit Kollegen, die drei größten Unterwasserhöhlensysteme der Welt miteinander zu verbinden: Sac Actun, Dos Ojos und Ox Bel Ha. Wenn wir das schaffen, so wie es auch schon früher bei anderen Systemen gelungen ist, hätten wir mit rund 540 Kilometern eine der längsten Höhlen überhaupt. Wir wären dann sogar nahe an der trockenen Mammut-Höhle im US-Bundesstaat Kentucky, die mit etwa 630 Kilometern das bisher längste System ist. Vielleicht finden wir die Verbindungen zwischen den drei Systemen schon nach einigen Tauchgängen, vielleicht aber auch erst nach Jahren. Die Verbindung zwischen Dos Ojos und Sac Actun etwa suchen wir schon seit 2005, obwohl laut unseren Karten nur noch eineinhalb Meter fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Allein in eine Unterwasserhöhle vorzudringen dürfte so ziemlich das Gefährlichste sein, was man als Taucher machen kann. Ist die Gefahr ein Faktor bei diesem Gänsehaut-Gefühl, das Sie unter der Erde manchmal beschleicht?

Schmittner: Nein. Gefahrensucher und Angeber haben in Höhlen nichts zu suchen. Manche Leute scheinen in erster Linie daran interessiert zu sein, anderen zu zeigen, was für harte Kerle sie sind und wie viel teures Equipment sie durch die Höhle bugsieren. Ich nenne das Silberrücken-Syndrom.

SPIEGEL ONLINE: Es kursieren gruselige Geschichten über Höhlentaucher, die sich verirrt haben und ihre letzten Minuten mit Luft in den Tanks genutzt haben, um Abschiedsbriefe zu schreiben.

Schmittner: Solches Verhalten ist, Entschuldigung, totaler Schwachsinn. Manche Leute haben sogar in ihre Maske geweint und sich dabei gefilmt. Wer mit einer solchen Einstellung zum Höhlentauchen geht, sollte besser draußen bleiben. In der Zeit, die man mit Briefeschreiben vergeudet, sollte man besser den Ausgang oder aber eine Luftblase suchen. Man gibt niemals auf. Falls es wirklich zum Äußersten kommt, geht es weiter bis zum letzten Atemzug. Dann hat man auch den Leuten, die draußen auf einen warten, den größten Respekt gezollt. Aber wenn man gut ausgebildet ist und die richtige Einstellung hat, kommt es erst gar nicht dazu.

SPIEGEL ONLINE: Aber man kann doch nicht leugnen, dass es beim Höhlentauchen schon Hunderte Tote gegeben hat.

Schmittner: Das stimmt. Seit der Einführung der ersten Statistiken im Jahr 1946 waren es ungefähr 650 Tote. Aber wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, stellt man fest: Früher sind öfter Leute gestorben, die für das Höhlentauchen nicht ausgebildet waren. Mittlerweile sterben mehr ausgebildete Höhlentaucher - weil das sogenannte Technische Tauchen inzwischen zur Mode geworden ist. In der Szene gibt es anscheinend einen gewissen Hang zum Macho-Verhalten, und gerade beim Höhlentauchen spiegelt sich Risikofreude direkt in der Unfallstatistik wieder. Selbstüberschätzung ist die größte Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum wagen Sie sich dann allein in die Höhlen, ohne den sonst beim Tauchen üblichen Partner?

Schmittner: Eine Regel beim Höhlentauchen ist, dass man sich nie auf jemand anderen verlässt. Man baut immer Redundanzen ein - jedes wichtige Stück Ausrüstung ist doppelt oder dreifach vorhanden. Und wenn etwas nicht nach Plan verläuft, bricht man den Tauchgang sofort ab. Ein zweiter Mann könnte im Notfall ohnehin nur bedingt Hilfe leisten. In vielen Situationen wäre er sogar eine zusätzliche Gefahrenquelle: Man wäre sich ständig gegenseitig im Weg, und wenn einer ein Problem bekommt, hat der andere automatisch auch ein Problem. Besser ist es, man nimmt mehr Luft für sich selbst mit. Ein zweiter Tank kriegt keinen Stress.

Das Interview führte Markus Becker

Forum

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insgesamt 25 Beiträge
1. Respekt
shatreng 02.12.2012
Ich kann mir kaum etwas schlimmers vorstellen, als mich in einer Höhle voll Wasser aufzuhalten. Wenn ich nur daran denke, werde ich nervös ;-)
Ich kann mir kaum etwas schlimmers vorstellen, als mich in einer Höhle voll Wasser aufzuhalten. Wenn ich nur daran denke, werde ich nervös ;-)
2. Technisches Tauchen
BoMoUAE 02.12.2012
Ich kann Herrn Schmittner nur bepflichten. Eine Reihe meiner Tauchfreunde haben sich in juengster Zeit dem Technial Diving verschrieben. Mehr Equipment, mehr Thrill und mehr Show-Off... Nach dem Tieftauchen zu versunkenen Wracks, [...]
Ich kann Herrn Schmittner nur bepflichten. Eine Reihe meiner Tauchfreunde haben sich in juengster Zeit dem Technial Diving verschrieben. Mehr Equipment, mehr Thrill und mehr Show-Off... Nach dem Tieftauchen zu versunkenen Wracks, das schon gefaehrlich genug ist, reisen einige davon nun bevorzugt nach Mexiko, um in Hoehlen zu tauchen. Fuer sie ist es ein Rausch wie Basejumping oder Extremklettern... Mal sehen, wann es den ersten erwischt.
3. Es gab
micdp 02.12.2012
von einigen eine TV-Reportage über zwei Höhlentaucher, die über zwei Stunden einen etwa 1 Meter hohen waagerechten Spalt entlang getaucht sind, um den Zusammenhang zweier Höhlensysteme zu beweisen. Danach ging es wieer zwei [...]
von einigen eine TV-Reportage über zwei Höhlentaucher, die über zwei Stunden einen etwa 1 Meter hohen waagerechten Spalt entlang getaucht sind, um den Zusammenhang zweier Höhlensysteme zu beweisen. Danach ging es wieer zwei Stunden zurück. Unvorstellbar, wie man dabei die Ruhe behält. Kenn jemand die TV-Reportage zufällig und weiß, wo man sie anschauen kann?
4. was für ein Held
ein-dummer-junge 02.12.2012
wo ist das Problem , ich war da auch schon tauchen ?
wo ist das Problem , ich war da auch schon tauchen ?
5. Angeber
shatreng 02.12.2012
"Angeber haben in Höhlen nichts zu suchen" ;D
Zitat von ein-dummer-jungewo ist das Problem , ich war da auch schon tauchen ?
"Angeber haben in Höhlen nichts zu suchen" ;D

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Zur Person

  • SPIEGEL ONLINE
    Robert Schmittner ist 1996 zum ersten Mal in eine Cenote gestiegen - und war fasziniert. Der Forstwirt aus Rothenbuch im Spessart wanderte nach Mexiko aus und taucht seit 1998 regelmäßig in den Unterwasserhöhlen auf Mexikos Halbinsel Yucatán.

    Inzwischen betreibt er in der Stadt Tulum eine Tauchbasis mit angeschlossenem Hotel und hat nebenbei Hunderte Kilometer an Höhlen erkundet und kartiert. Damit gehört er zu einer kleinen Schar von Spezialisten, die in ihrer Freizeit die Höhlen erforschen und ihre Ergebnisse in die Datenbank des Quintana Roo Speleological Survey (QRSS) einspeisen.

    Seit 1990 haben sie mehr als tausend Höhlen-Kilometer dokumentiert.

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