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30.11.2012
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Trügerische Mimik

Gesichtsausdruck täuscht bei intensiven Gefühlen

REUTERS

Nach Punktgewinn: Tennisspielerin Angelique Kerber bei den Pan Pacific Open

Ein Blick genügt, um zu verstehen, was in einem Menschen vor sich geht? Ein Trugschluss, wie Psychologen nun festgestellt haben. Besonders bei extremen Emotionen lässt der Gesichtsausdruck keinen Rückschluss darüber zu, ob ein Gefühl angenehm ist oder nicht. Die Körperhaltung verrät einiges mehr.

Schmerz, Freude, Trauer, Ekstase - bei extrem intensiven Gefühlen verrät der Gesichtsausdruck nicht, ob die Betroffenen gerade Freud oder Leid erleben. Stattdessen drückt die Körperhaltung viel eher aus, was in einem Menschen vor sich geht. Zu diesem überraschenden Resultat, das der Meinung von Laien wie Forschern gleichermaßen widerspricht, kommt eine Untersuchung von US-Psychologen im Fachmagazin "Science".

Die Körpersprache trägt entscheidend dazu bei, Gefühle anderer Menschen einzuschätzen. Bislang gingen viele Forscher davon aus, dass die Gesichtsmuskulatur positive und negative Gefühle besonders gut widerspiegelt - gerade bei extremen Emotionen. Die Studie der Psychologen um Hillel Aviezer von der Princeton University (US-Staat New Jersey) zeigt jedoch nicht nur, dass die Mimik auf dem Höhepunkt einer starken Emotion weit überschätzt wird. Die Versuche belegen zudem, dass der Gesichtsausdruck nicht einmal Rückschlüsse darüber zulässt, ob ein starkes Gefühl angenehm oder unangenehm ist.

Beobachter erliegen einer Illusion

Die Forscher zeigten drei Gruppen von 15 Probanden zunächst Fotos von Tennisprofis, die bei einem wichtigen Spiel gerade einen Punkt entweder verloren oder gewonnen hatten. Sahen die Probanden nur das Gesicht, konnten sie kaum angeben, ob der Athlet sich gerade freute oder ärgerte. Sahen sie dagegen nur den Körper oder Körper und Gesicht, konnten sie die Situation wesentlich zuverlässiger einschätzen. Kurioserweise war dies den Teilnehmern überhaupt nicht bewusst. Sie hatten die Illusion, ihr Urteil stütze sich vor allem auf die Mimik.

Die entscheidende Rolle der Körperhaltung prüften die Forscher zusätzlich in einem zweiten Versuch: Sie setzten den Körpern von Punktgewinnern das Gesicht eines Spielers auf, der gerade einen Punkt verloren hatte - und umgekehrt. Zwar waren die Probanden ausdrücklich angewiesen, nur anhand des Gesichts auf Erfolg oder Misserfolg zu schließen. Tatsächlich aber wiesen sie den Bildern tendenziell jene Gefühle zu, die der jeweilige Körper ausdrückte.

Gesichtsmuskulatur nicht auf Ausdruck intensiver Gefühle ausgelegt

In einem dritten Experiment zeigten die Forscher den Teilnehmern Gesichter von Menschen in verschiedenen Situationen: etwa bei einer Beerdigung, beim Erleiden von Schmerzen, bei einer freudigen Überraschung oder beim Orgasmus. Auch hier konnten die Probanden kaum einschätzen, ob jemand gerade etwas Schönes erlebte oder nicht. Im zweiten Schritt setzten die Forscher die Gesichter dann in zwei Fotos auf Körper, die gerade entweder ein Brustwarzen-Piercing erlitten oder aber einen Tennispunkt erkämpft hatten. Wieder ordneten die Probanden den Gesichtern jenes Gefühl zu, das der Körper ausdrückte.

Die Forscher schließen daraus, dass die Gesichtsmuskulatur nicht darauf ausgelegt ist, extrem intensive Gefühle akkurat auszudrücken. Stattdessen interpretieren Beobachter die Mimik gemäß der Information, die die Körperhaltung ausdrückt. Dennoch unterliegen Menschen der Illusion, das Gefühl hauptsächlich aus dem Gesicht abzulesen. "Dieser Prozess scheint automatisch abzulaufen, denn die Teilnehmer sind sich der Zweideutigkeit des Gesichts und der eigentlichen Quelle der Einordnung kaum bewusst", schreiben die Forscher.

nik/dpa

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. optional
exilostfriese 30.11.2012
Ein weiteres unerklärliches Phänomen: Einem Stuttgarter Fußballfan kann man einer halben Stunde nach einem Spiel nicht mehr ansehen, ob Stuttgart gewonnen hat oder nicht. Jegliche Emotionen ob positiv oder negativ scheint sich bei [...]
Ein weiteres unerklärliches Phänomen: Einem Stuttgarter Fußballfan kann man einer halben Stunde nach einem Spiel nicht mehr ansehen, ob Stuttgart gewonnen hat oder nicht. Jegliche Emotionen ob positiv oder negativ scheint sich bei dieser Spezies besonders schnell abzubauen. Ausnahme: Ganz besondere Ereignisse, z.B. Meisterschaft.
2. ganz einfach
OttoEnn 30.11.2012
Hausfraueinzeitungspsychologie. Trotzdem ist Tina wirklich sehr sympathisch.
Hausfraueinzeitungspsychologie. Trotzdem ist Tina wirklich sehr sympathisch.
3.
war:head 30.11.2012
Mal wieder eine dieser Studien, die nun 'wissenschaftlich' belegen, was sowieso schon jeder weiss, der mit offenen Augen durch die Welt geht...
Zitat von sysopEin Blick genügt, um zu verstehen, was in einem Menschen vor sich geht? Ein Trugschluss, wie Psychologen nun festgestellt haben. Besonders bei extremen Emotionen lässt der Gesichtsausdruck keine Rückschluss darüber zu, ob ein Gefühl angenehm ist oder nicht. Die Körperhaltung verrät Einiges mehr. Mimik: Gesichtsausdruck täuscht bei intensiven Gefühlen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/mimik-gesichtsausdruck-taeuscht-bei-intensiven-gefuehlen-a-870223.html)
Mal wieder eine dieser Studien, die nun 'wissenschaftlich' belegen, was sowieso schon jeder weiss, der mit offenen Augen durch die Welt geht...
4. Dafür ...
boomday 30.11.2012
... gibt es eine einfache Erklärung. Der Stuttgarter Fußballfan (nennen wir ihn kurz VfB Fan) ist bei jedweden Spielausgang spättestens 30 Minuten nach Schluß hackedicht! Selbst ihne Beschränkung der Allgemeinheit.
Zitat von exilostfrieseEin weiteres unerklärliches Phänomen: Einem Stuttgarter Fußballfan kann man einer halben Stunde nach einem Spiel nicht mehr ansehen, ob Stuttgart gewonnen hat oder nicht. Jegliche Emotionen ob positiv oder negativ scheint sich bei dieser Spezies besonders schnell abzubauen. Ausnahme: Ganz besondere Ereignisse, z.B. Meisterschaft.
... gibt es eine einfache Erklärung. Der Stuttgarter Fußballfan (nennen wir ihn kurz VfB Fan) ist bei jedweden Spielausgang spättestens 30 Minuten nach Schluß hackedicht! Selbst ihne Beschränkung der Allgemeinheit.
5. neue Erkenntnis?
hummelhirte 01.12.2012
Was soll an dieser Erkenntnis neu sein? Mir war das schon lange klar, ich merke ja selbst oft genug, dass meine Mimik falsch gedeutet wird.
Was soll an dieser Erkenntnis neu sein? Mir war das schon lange klar, ich merke ja selbst oft genug, dass meine Mimik falsch gedeutet wird.

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