04.12.2012
Gastgeber des Klimagipfels
Ausgerechnet Katar!
Aus Doha berichtet Christoph Seidler"Nein", sagt Fahad Bin Mohammed al-Attija, "da gibt es nichts zu leugnen." Sein Heimatland Katar habe tatsächlich den größten Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid in der ganzen Welt. 44 Tonnen pro Kopf und Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 9,6, in Indien 1,4. Vor allem der Export von verflüssigtem Gas (LNG, "liquefied natural gas") sorgt für die schlechte CO2-Bilanz Katars - und für seinen Reichtum.
Die Förderung aus dem riesigen North Dome Field vor der Küste des Landes hat es zum größten LNG-Exporteur des Planeten gemacht und ihm im Jahr 2011 ein Wirtschaftswachstum von knapp 19 Prozent beschert.
Warum soll ausgerechnet ein Land den Kampf gegen die Erderwärmung voranbringen, das seinen Wohlstand allein fossilen Brennstoffen verdankt? Attija ist Chef des Gipfel-Organisationsteams. "Wir haben nur einen einzigen Industriesektor", gesteht er beim Gespräch in seinem Büro in den Katakomben des riesigen Konferenzzentrums von Doha ein. "Doch wir wollen eine wissensbasierte Gesellschaft werden und unseren Energiemix diversifizieren."
Im Grundsatz setzt Katar auf zwei Argumentationslinien, um sich als Klimafreund zu präsentieren:
- Im Vergleich mit Kohle und Erdöl sei das von Katar geförderte Erdgas ein vergleichsweise klimafreundlicher fossiler Brennstoff. "Die am wenigsten schlechte Alternative", nennt Attija das. Allerdings ist die Verflüssigung des Gases extrem energie- und CO2-intensiv.
- Außerdem macht sich Katar öffentlichkeitswirksam für die Entwicklung erneuerbarer Energien stark, vor allem für Stromerzeugung aus Sonne. Bis 2018 sollen 16 Prozent des Energiebedarfs mit Solarstrom gedeckt werden. Allerdings ist im ganzen Land bisher noch kein einziger kommerzieller Solarpark am Netz.
Katar sieht sich als potentielles Opfer des Klimawandels - und verweist unter anderem auf die Gefahr durch Wassermangel und Meeresspiegelanstieg. Doch womöglich war das Land auch aus pragmatischeren Gründen am Klimagipfel interessiert: "Katar wollte mit der Ausrichtung vor allem sein Organisationstalent für Großveranstaltungen beweisen - und nicht so sehr sein Interesse am Klima", sagt Umweltschützer Wendel Trio vom Climate Action Network Europe. "Wir hatten gehofft, dass Katar Zusagen für Emissionsminderungen oder Finanzhilfen macht, aber bis jetzt ist das noch nicht passiert." Und Martin Kaiser von Greenpeace fordert: "Mit der Ausrichtung dieser Konferenz müssen die arabischen Länder handeln."
Chef-Organisator Attija stellt zumindest in Aussicht, dass sich im Verlauf dieser Woche noch etwas bewegen könnte. Sein Land erwäge, nationale CO2-Minderungsziele im Rahmen des internationalen Klimaprozesses bekanntzugeben. Dazu führe Katar derzeit Gespräche mit anderen Staaten der Region, die im Golf Cooperation Council organisiert sind. Konkret muss wohl vor allem Saudi-Arabien überzeugt werden, bisher Hauptbremser bei den Klimaverhandlungen. Lili Fuhr, von der Heinrich-Böll-Stiftung sagt: "Die Idee, Katar zum Gastland zu machen, war ja auch, einen Keil in den Golf Cooperation Council zu treiben." Ob das klappt, wird sich zeigen müssen. Hinter der Hand grummelt man in Delegationen und bei Nichtregierungsorganisationen, die Kataris würden bei der Leitung der Gipfelgespräche zu wenig Führung zeigen.
Benzinpreise um die 20 Cent pro Liter
Bei den erneuerbaren Energien sollen symbolträchtige Gesten kaschieren, dass lange Zeit nichts passiert ist: Am Sonntag weihte Herrschergattin Mosa Bint Nasser al-Missned nahe dem Kongresszentrum ein Testfeld für Solaranlagen ein. Auf dem 35.000 Quadratmeter großen Areal soll die Technik verschiedener Hersteller zeigen, dass sie dem hiesigen Klima gewachsen ist. Betreiber des Anlage ist neben dem Qatar Science and Technology Park und dem Unternehmen GreenGulf übrigens der US-Ölkonzern Chevron.
"Wir haben das ganze Jahr über Sonne, kein Problem", sagt Katars Energieminister Mohammed Bin Saleh al-Sada. "Schwierigkeiten gibt es aber durch die große Hitze, Staub und Kondensation. Das Testfeld soll uns zeigen, wie wir das meiste aus den Sonnenstrahlen herausbekommen."
Etwas zugespitzt formuliert, kann man Doha aber auch als Symbol dafür sehen, was bisher falsch läuft mit dem Klimaschutz. Innerhalb weniger Jahre ist die Stadt mit all ihren beeindruckenden - und wohl klimatisierten - Wolkenkratzern quasi aus dem Nichts in den Wüstensand geklotzt worden. Eine Armada großer Autos jagt über die Straßen - auch dank Benzinpreisen, von denen deutsche Autofahrer wohl nicht einmal mehr träumen: um die 20 Cent pro Liter. Erneuerbare Energien haben es da nicht leicht.
"Wir haben einige der besten Denker der Welt angeheuert"
Ändern will das nach eigenem Bekunden die Qatar Foundation (QF), Fußballfans bekannt als Trikotsponsor des FC Barcelona. Sie soll dem Land dabei helfen, seinen Wohlstand auch in der Zeit nach dem Gasboom zu bewahren. Auf dem von der Stiftung getragenen, 14 Quadratkilometer großen Campus der Education City hat ein halbes Dutzend ausländischer Universitäten ihre Zweigniederlassungen. Hier sitzt auch das zur Stiftung gehörende Qatar Environment and Energy Research Institute.
Rabi Mohtar, ein zuletzt in den USA lebender gebürtiger Libanese, leitet die Denkfabrik. Nach eigenen Angaben hat er 40 Mitarbeiter. "Wir haben einige der besten Denker der Welt angeheuert", sagt Mohtar beim Gespräch in einem großen Tagungsraum der Stiftung. Das Institut will Solartechnik für die Bedürfnisse des Wüstenstaats anpassen: "Am Ende des Tages müssen wir die Technologie, die wir in Katar brauchen, auch hier entwickeln."
Gipfelorganisator Fahad Bin Mohammed al-Attija will, so sagt er, die Solarenergie schon bald praktisch nutzen. Der Jurist und Karrieremilitär - inklusive Studium an der elitären Akademie im britischen Sandhurst - leitet neben dem Klimatreffen auch das Qatar National Food Security Programme. Und das will eine riesige solarbetriebene Meerwasserentsalzungsanlage errichten. Sie soll dabei helfen, die Nahrungsmittelversorgung des boomenden Emirats zu sichern: Jedes Jahr steigt die Einwohnerzahl - aktuell rund zwei Millionen - vor allem durch den Zuzug von Gastarbeitern um zehn Prozent. Rund 90 Prozent der Nahrungsmittel müssen importiert werden.
Die Pläne für die Meerwasserentsalzung sind in einer riesigen Messehalle in Doha zu bewundern. Parallel zum Gipfel findet die Qatar Sustainability Expo statt. An den eher schwach besuchten Ausstellungsständen wollen Katar und seine Nachbarn öffentlichkeitswirksam zeigen, wie sehr ihnen Umwelt- und Klimaschutz am Herzen liegen. Aber auch hier wird vor allem eines: angekündigt.
An einem der Messestände steht ein Elektrosportwagen unter einem Carport. Er wirbt für ein gemeinsames Projekt von QF und dem deutschen Unternehmen Solar World. In Ras Laffan entsteht gerade ein Werk für Polysilizium, dem Grundstoff für Solarzellen. Es soll, so heißt es bei Solar World, 7200 Tonnen davon pro Jahr liefern - und im Jahr 2014 fertig werden.
Fragt man Bin Mohammed Attija, warum in Katar bei der Solarenergie so lange nichts passiert ist, überlegt der Gipfelorganisator nicht lange: "Energie war billig, Energie war da." Im Prinzip ist das aber in Katar auch heute so.

