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06.12.2012
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Bewegungsmuster von Vierbeinern

Höhlenmaler waren präziser als spätere Künstler

AP

So manches auf einem Gemälde stolz schreitende Pferd würde in der Realität einfach umfallen. Überraschend oft malen Künstler Tiere mit falscher Beinhaltung. Auch Leonardo da Vinci patzte, berichten Forscher. Steinzeit-Künstler dagegen arbeiteten relativ genau.

Der Gang der meisten Vierbeiner folgt demselben Muster: Zuerst wird der Fuß links hinten aufgesetzt, dann links vorn, rechts hinten und rechts vorn - und dann wieder links hinten. Im Schritttempo sind dabei immer zwei Füße am Boden. Dennoch sind Pferde, Kühe, Elefanten und andere Tiere auf Bildern oft in Posen dargestellt, die mit diesem Bewegungsablauf nicht vereinbar sind.

Eine Gruppe ungarischer Forscher hat tausend künstlerische Darstellungen - von Höhlenmalereien bis hin zu Reiterstatuen aus Bronze - daraufhin untersucht, ob der Gang der abgebildeten Tiere korrekt ist. Ausgewertet haben sie Bilder und Skulpturen, die Vierbeiner im Schritttempo zeigen sollen, was etwa bei Pferden anhand der Darstellung von Mähne und Schweif oder der Haltung des Reiters zu erkennen ist.

Das Ergebnis präsentiert das Team um Gábor Horváth von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest im Fachmagazin "PLoS One": Am genauesten schauten die Steinzeit-Künstler hin. 39 Höhlenmalereien hatten die Forscher analysiert, auf 21 entsprach der Gang der Tiere einer natürlichen Pose. Damit lagen die steinzeitlichen Maler nur in 46 Prozent der Fälle falsch. Das mag zuerst wie eine hohe Fehlerquote klingen, doch Künstler in der neueren Zeit übertreffen sie deutlich.

Horvath und seine Kollegen teilten die 961 neueren untersuchten Kunstwerke in zwei Gruppen: die vor 1887 und die danach. Denn in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts analysierte der britische Fotopionier Eadweard Muybridge den Gang von Vierbeinern mit Hilfe schnell aufeinanderfolgender Serien-Aufnahmen.

In der Zeit vor Muybridge lag die Fehlerquote bei 83,5 Prozent und war damit noch höher als die, die durch eine zufällige Auswahl zu erwarten wäre - nämlich 73,3 Prozent. Auch Leonardo da Vinci, so die Wissenschaftler, zeichnete bisweilen Pferde mit einer Beinhaltung, die diese niemals einnehmen.

Nach Muybridges Arbeit sank der Anteil der unnatürlichen Abbildungen auf 57,9 Prozent. Er war damit aber immer noch höher als bei den analysierten Höhlenmalereien.

Intention der Künstler nicht bekannt

Horváth und Kollegen schränken ein, dass sie natürlich nicht die Intention der Künstler kannten. Eventuell kam es dem einen oder anderen überhaupt nicht darauf an, eine natürliche Pose abzubilden. Bei Reiterstatuen etwa habe die Beinhaltung des Pferdes symbolische Bedeutung, schreiben sie. So könne ein erhobenes rechtes Vorderbein darauf deuten, dass der Reiter im Kampf gestorben ist.

Die Auswertung zeigt auch, dass auf Gemälden eine andere Fehlhaltung häufiger vorkommt als bei Statuen. Was die Forscher humorvoll erklären: "Vierbeiner in unnatürlicher Pose in Gemälden, Zeichnungen oder Reliefs können nicht umfallen." Ein falsch gehobenes Bein könne dagegen die Stabilität einer Statue deutlich senken.

Ein gewisser Trost für zeitgenössische Künstler liegt vielleicht in früheren Studien des ungarischen Teams. Denn nicht nur Maler und Bildhauer überfordert die richtige Darstellung des Vierbeiner-Gangs bisweilen. Sogar in Abbildungen in Naturkundemuseen, in anatomischen Fachbüchern für Veterinäre und bei präparierten Vierbeinern finden sich häufig unnatürliche Posen. Die Fehlerquoten lagen hier zwischen 41 und 64 Prozent.

Was bleibt, ist der Eindruck, dass die Steinzeit-Künstler tatsächlich sehr, sehr genau hinsahen. Aber für diese war, wie Horváth und Kollegen anmerken, die Beobachtung von Tieren eben nicht bloß ein Zeitvertreib, sondern überlebenswichtig.

wbr

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