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12.12.2012
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Manipulierte Studien

Milde Strafe für Spitzenforscherin

Von
DPA

Silvia Bulfone-Paus: Für drei Jahre aus DFG-Gremien ausgeschlossen

Es war einer der größten deutschen Forschungsskandale der vergangenen Jahre: Die Immunologin Silvia Bulfone-Paus musste gut ein Dutzend Veröffentlichungen wegen manipulierter Daten zurückziehen. Jetzt wurde der Fall geahndet - doch die Ermittler zeigen sich nachsichtig.

Anfang 2010 erschütterte ein Manipulationsskandal die deutsche Forschergemeinde: Silvia Bulfone-Paus, die renommierte Leiterin der Abteilung Immunologie und Zellbiologie am Forschungszentrum Borstel (FZB), sollte Studien mit manipulierten Daten veröffentlicht haben. Vier deutsche Institutionen leiteten Prüfverfahren ein - auch gegen zwei ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter von Bulfone-Paus.

Nach etwa zweieinhalb Jahren hat nun die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) entschieden. Sie bescheinigt Bulfone-Paus eine "grobe Vernachlässigung der Aufsichtspflicht" als Leiterin der Arbeitsgruppe und wissenschaftliches Fehlverhalten. Bulfone-Paus wird schriftlich gerügt, heißt es in einer Pressemitteilung der DFG. Zudem dürfe die Wissenschaftlerin drei Jahre lang keine Forschungsgelder mehr bei der DFG beantragen, keine anderen Studien begutachten und werde für diesen Zeitraum aus den Gremien der Forschungsgemeinschaft ausgeschlossen.

Die Sperre gilt allerdings rückwirkend: "Da die Immunologin bereits zu Beginn der Untersuchungen durch die DFG von sich aus alle diese Aufgaben hatte ruhen lassen, wird der Zeitraum angerechnet", sagt DFG-Pressesprecher Marco Finetti. Bulfone-Paus könne deshalb schon ab Anfang 2013 - vier Monate vor Ablauf der Dreijahresfrist - wieder als Gutachterin und in Gremien für die DFG tätig sein und auch wieder Forschungsgelder beantragen. "Der Ausschuss hat die Zeit möglichst großzügig angerechnet", so Finetti. Die schriftliche Rüge bleibe aber bestehen.

Zwei Mitarbeiter tragen die Hauptverantwortung

Anders ist es bei Bulfone-Paus' ehemaliger Mitarbeiterin. Sie ist Erstautorin einer von der DFG geförderten Studie, an der auch Bulfone-Paus beteiligt war, und war damit direkt für die Datenerhebungen verantwortlich. Der Hauptausschuss der DFG beschloss, die Wissenschaftlerin - genau wie ihre ehemalige Vorgesetzte - schriftlich zu rügen. Zudem darf sie für fünf Jahre keine Forschungsgelder mehr bei der DFG beantragen.

Damit solle in besonderer Weise der korrekte und sorgfältige Umgang mit Daten und Forschungsergebnissen angemahnt werden, schreibt die DFG. Der Biologe Alexander Lerchl von der Jacobs University Bremen, der sich für die Aufklärung von wissenschaftlichem Fehlverhalten einsetzt, hält die Strafe für angemessen: "Auch wenn es wie so oft sehr lange gedauert hat, bis eine Entscheidung getroffen wurde, setzt die DFG ein klares Zeichen." Als Erstes hatte ein externer Untersuchungsausschuss des FZB seine Prüfergebnisse vorgelegt, aber keine konkreten Schritte gefordert.

Bulfone-Paus selbst wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht zur DFG-Entscheidung äußern. Derzeit lässt sie alle Ämter am Forschungszentrum Borstel ruhen, ist aber weiterhin Leiterin der Abteilung Immunologie und Zellbiologie. "Für eine abschließende Beurteilung ist es noch zu früh", teilt das FZB mit. Man wolle auch die über einen DFG-Bezug hinausgehenden Aspekte des attestierten wissenschaftlichen Fehlverhaltens berücksichtigen und werde sich in diesem Sinne um eine umfassende Beurteilung bemühen.

Konkret geht es bei den Vorwürfen um sogenannte Western Blots, eine Methode zur Analyse von Proteinen. Bulfone-Paus' ehemalige Mitarbeiterin soll Bilder von Blots aus früheren Versuchen kopiert und neu beschriftet, auseinandergezogen oder anderweitig angepasst haben. Gleiches gilt für einen ihrer Kollegen, der jedoch nicht mit Manipulation in DFG-geförderten Studien in Verbindung gebracht wird. Insgesamt vier der 13 von der Arbeitsgruppe zurückgezogenen Studien waren in DFG-geförderten Projekten unter Leitung Bulfone-Paus' entstanden.

Dass beide Mitarbeiter an der Manipulation von Studien unter der Leitung von Bulfone-Paus beteiligt waren, ergab die Untersuchung der Kommission am FZB. Diese untersuchte Manuskripte von 22 Originalpublikationen, die zwischen 2001 und 2010 von den Wissenschaftlern veröffentlicht worden waren. Die Kommission teilte mit, dass es innerhalb der Laborgruppe Immunbiologie über Jahre hinweg zu wissenschaftlichem Fehlverhalten gekommen sei.

Disziplinarverfahren auch gegen Bulfone-Paus' Ehemann

"In sechs von insgesamt acht der analysierten Publikationen, bei denen die ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Bulfone-Paus' als Erstautoren zeichneten, wurde Manipulation von Abbildungen festgestellt", teilte das FZB mit. "Unbeschadet der festgestellten Manipulationen scheinen die wissenschaftlichen Kernaussagen der betroffenen Publikationen Bestand zu haben." Frei erfunden hätten die Forscher die Daten nicht. Trotzdem zogen sie nicht nur die sechs von der Kommission als manipuliert angesehenen Veröffentlichungen zurück, sondern gleich sieben weitere.

Auch unter Manipulationsverdacht steht Ralf Paus, Ehemann von Bulfone-Paus. Gegen ihn und seine Frau laufen Disziplinarverfahren an der Universität Lübeck, wo beide Professorenstellen inne haben. Die Wissenschaftler bestreiten die Vorwürfe und hätten rechtliche Schritte eingeleitet, sagt Uni-Pressesprecher Rüdiger Labahn. Weder die Ergebnisse der Untersuchungskommission noch Details zum Disziplinarverfahren sind bekannt.

Am längsten lässt die Berliner Charité auf sich warten. Fünf der dreizehn zurückgezogenen Studien sind am Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin entstanden, das nun zur Charité gehört, oder direkt an der Charité. In zwei von ihnen taucht Bulfone-Paus als Erstautorin auf. "Eigentlich wollte der DFG-Ausschuss noch auf den Bericht der Charité warten", sagt Finetti. Am Ende aber habe das zu lange gedauert. Auch Lerchl kritisiert die zögerliche Vorgehensweise der Charité: "Sie ist dafür bekannt, sich mit Untersuchungen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten Zeit zu lassen", so der Biologe. Gegenüber SPIEGEL ONLINE teilte die Charité lediglich mit, dass der Bericht in Kürze vorliegen wird.

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