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17.12.2012
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Fund in Mexiko

Friedhof der Verstümmelten

INAH

Verformte Schädel, zerstörte Zähne: Auf einem tausend Jahre alten Friedhof im Norden Mexikos entdeckten Archäologen verstümmelte Skelette. Einige der Toten waren wahrscheinlich Opfer brutaler Rituale.

Im Nordwesten Mexikos haben Archäologen einen etwa tausend Jahre alten Friedhof entdeckt, der wohl von den damals dort lebenden Pima-Indianern angelegt wurde. Die Skelette weisen Verformungen auf, die in mesoamerikanischen Kulturen verbreitet waren - nicht aber an der Fundstelle. Das zeigt, dass sich hier verschiedene Kulturen vermischt haben, erklären die Forscher.

Der Friedhof liegt nahe der Stadt Onavos im mexikanischen Bundesstaat Sonora. Hier fanden sich die Überreste von 25 Menschen, berichtet das Nationale Institut für Anthropologie und Geschichte in Mexiko. Bei 13 von ihnen waren die Schädel verformt, fünf hatten verstümmelte Zähne. Das deute auf kulturelle Praktiken hin, die bisherigen Erkenntnissen zufolge nur weiter im Süden verbreitet waren - etwa im heutigen mexikanischen Bundesstaat Sinaloa und im Norden des noch weiter südlich gelegenen Bundesstaats Nayarit.

Einige der Skelette trugen Schmuck aus Muscheln und Schnecken aus dem nahegelegenen Golf von Kalifornien. Die Archäologen fanden Armreifen, einen Nasenring, Ohrringe, Anhänger und Halsketten aus Perlen. Ein Toter wurde mit einem Schildkrötenpanzer auf dem Bauch begraben.

Archäologen liefert die Entdeckung wichtige Hinweise: "Das untersuchte Gebiet ist einzigartig, weil sich dort die Traditionen von Gruppen aus Nord-Mexiko mit Traditionen vermischen, die nie zuvor im Sonora-Gebiet dokumentiert wurden", sagt Archäologin Cristina Garcia Moreno von der Arizona State University. "Das zeigt, dass der Einfluss der mesoamerikanischen Völker weiter in den Norden reichte, als man bisher dachte."

17 Kinder und Jugendliche wurden dort begraben

17 der dort Begrabenen wurden nicht älter als 16 Jahre, acht starben als Erwachsene. Die Forscher vermuten, dass viele der Kinder und Jugendlichen durch die rituelle Verstümmelung des Kopfes ums Leben gekommen sein könnten. Die Kinder könnten durch Quetschungen des Schädels gestorben sein. Untersuchungen der Überreste hätten zumindest nicht auf Krankheiten als Todesursache gedeutet.

Garcia Moreno erklärt, dass bisher in keiner anderen archäologischen Stätte in Sonora Skelette mit Kopf- und Zahnverstümmelungen gefunden worden waren - auch nicht im Südwesten der USA, wo die Pima-Indianer ebenfalls siedelten. Die nächsten kulturellen Gruppen, die solche Traditionen entwickelten, lebten in Sinaloa und Nord-Nayarit. Der nun gefundene Friedhof scheine von einer sesshaften Gruppe angelegt worden sein. Zu irgendeinem Zeitpunkt müsste diese aber Rituale aus mesoamerikanischen Kulturen übernommen haben.

Verstümmelungen dienten dazu, Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen zu unterscheiden oder waren Teil kultureller Riten. Die Menschen in Nayarit beschädigten Jugendlichen die Zähne als eine Art Übergangsritus ins Erwachsenenalter.

"In diesem Fall können wir aber nicht auf soziale Unterschiede schließen, denn die Gräber sind sich alle sehr ähnlich. Auch konnten wir nicht klären, warum manche Skelette geschmückt waren und andere nicht", sagt Garcia Moreno. Unklar sei auch, warum sich unter den 25 dort Begrabenen nur eine Frau findet.

jme

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