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09.01.2013
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Nasse Haut

Forscher ergründen Zweck der Schrumpel-Finger

Von Nina Weber
DPA

Verschrumpelte Finger: Nach etwa fünf Minuten im Wasser sehen die Hände so aus

Im Wasser wird die Haut an Fingern und Zehen schrumpelig. Nicht, weil sie sich vollsaugt, sondern durch eine aktive Reaktion des Nervensystems. Die Furchen helfen, nasse Gegenstände besser zu greifen. Nun fragen sich Forscher: Warum schlägt die Fingerhaut nicht ständig Wellen?

Zuerst muss ein Missverständnis aus der Welt geschafft werden. Wenn Finger und Zehen bei längerem Baden oder Schwimmen schrumpelig werden, liegt das nicht daran, dass sich die Hornhaut mit Wasser vollsaugt. Stattdessen ziehen sich die winzigen Blutgefäße unter der Haut zusammen, eine Reaktion, die vom sympathischen Nervensystem gesteuert wird. Weil sich die Äderchen verengen, wird die Haut nach innen gezogen. "Die Fingerkuppen quellen nicht auf, sie schrumpfen ein bisschen", erklärt Tom Smulders von der Newcastle University.

Dass das Nervensystem die Reaktion steuert, ist schon seit fast einem Jahrhundert bekannt: Sind Nervenbahnen zu den Fingern gekappt oder lahmgelegt, bleibt das Schrumpeln aus. Doch obwohl jeder das Phänomen kennt, wird erst jetzt untersucht, welchen Vorteil die Rillen haben könnten.

Smulders' Arbeitsgruppe am Institut für Neuroforschung hat untersucht, ob das Schrumpeln dabei hilft, nasse Gegenstände besser greifen zu können. 2011 hatte ein anderes Forscherteam berichtet, dass die Furchen an den Fingern ein ähnliches Muster bilden wie Flüsse in bergigem Gelände. Anders gesagt: Die Rillen könnten eine natürliche Drainage darstellen, die dafür sorgt, dass das Wasser möglichst schnell abfließt und abtropft. Das sollte theoretisch den Griff mit den Fingern und den Halt mit den Zehen verbessern. Unsere Vorfahren könnten so beispielsweise besser Nahrung am Ufer von Gewässern gesammelt haben.

Die auch im Trockenen vorhandenen feinen Rillen in den Fingerspitzen, die für den Fingerabdruck verantwortlich sind, haben früheren Untersuchungen zufolge dagegen eine andere Funktion: Sie verbessern nicht die Haftung, sondern unterstützen durch feinste Vibrationen den Tastsinn.

Test mit Murmeln und Bleigewichten

Für den Praxistest beförderten 20 Probanden entweder nasse oder trockene Murmeln und Bleigewichte durch eine enge Öffnung von einem Behälter in einen anderen. Die Teilnehmer hatten für einen Durchgang eingeweichte, schrumpelige Finger, für den anderen nicht.

Trockene Gegenstände konnten die Teilnehmer insgesamt schneller von A nach B befördern als nasse, berichten die Forscher im Fachmagazin "Biology Letters". Ob die Finger dabei schrumpelig waren oder nicht, machte keinen Unterschied. Waren die Objekte nass, bewies sich der Vorteil der zerfurchten Fingerkuppen: Mit ihnen benötigten die Probanden im Schnitt zwölf Prozent weniger Zeit für die Aufgabe als mit nicht verschrumpelten Fingern.

Die Fingerrillen sind also im Nassen ein Vorteil und im Trockenen beim Greifen kein Nachteil. Da stellt sich die Frage, warum die Fingerkuppen nicht ständig über ihre Mini-Drainage verfügen. Bis jetzt können Smulders und seine Kollegen nur mutmaßen. "Möglicherweise arbeitet der Tastsinn nicht so gut, was ein Nachteil wäre. Oder die schrumpeligen Fingerkuppen sind anfälliger für Verletzungen." Geklärt ist das noch nicht.

Smulders will jetzt untersuchen, auf welche Weise die Rillen das Greifen verbessern. Fließt das Wasser tatsächlich schneller ab? Ist die Haftung besser?

Außerdem hofft er, dass sich künftig auch Primatenforscher mit der Fragestellung beschäftigen. Auf Fotos von in heißen Quellen badenden Makaken haben Wissenschaftler schon ganz ähnlich verschrumpelte Finger identifiziert. Wie weit verbreitet das Phänomen bei den näheren und entfernten Verwandten des Menschen ist, könnte beantworten, zu welchem Zeitpunkt der Evolution es sich entwickelt hat.

Forum

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insgesamt 50 Beiträge
1. Der Energieverbrauch
wulfr 09.01.2013
ist höher, wenn sich die Blutgefäße zusammenziehen. Das ist ein klarer Nachteil, und wenn es keinen anderen Vorteil bringt ist es nicht sinmvoll.
ist höher, wenn sich die Blutgefäße zusammenziehen. Das ist ein klarer Nachteil, und wenn es keinen anderen Vorteil bringt ist es nicht sinmvoll.
2. Warum nicht in Salzwasser?
advo 09.01.2013
Aus Erfahrung weiß ich, dass der Effekt mit den Schrumpelfingern in Salzwasser (Meer) NICHT eintritt. Das deutet auf einen osmotischen Effekt hin. Sollte es sich tatsächlich um eine Nervenreaktion handeln, wird diese vermutlich [...]
Aus Erfahrung weiß ich, dass der Effekt mit den Schrumpelfingern in Salzwasser (Meer) NICHT eintritt. Das deutet auf einen osmotischen Effekt hin. Sollte es sich tatsächlich um eine Nervenreaktion handeln, wird diese vermutlich durch einen osmotischen Effekt ausgelöst.
3. Sympathisches Nervensystem ....
bluebear13 09.01.2013
Ich glaube Sie meinen das vegetative Nervensystem.
Ich glaube Sie meinen das vegetative Nervensystem.
4. Bravo ich liebe solche Beitraege
misr35 09.01.2013
Vielen Dank an die Wissenschaftsredaktion denn ich liebe solche Beitraege die mein Wissen erweitern.
Vielen Dank an die Wissenschaftsredaktion denn ich liebe solche Beitraege die mein Wissen erweitern.
5. Die Wissenschaft hat festgestellt...
hr_schmeiss 09.01.2013
Wenn sie in trockenem Zustand schrumpelig wären, dann hätte sich die Natur was neues für den nassen Zustand einfallen lassen müssen. Ausfahrbare oktoputzige Saugnäpfe, zum Beispiel. Und dann könnte sich die Wissenschaft wieder [...]
Wenn sie in trockenem Zustand schrumpelig wären, dann hätte sich die Natur was neues für den nassen Zustand einfallen lassen müssen. Ausfahrbare oktoputzige Saugnäpfe, zum Beispiel. Und dann könnte sich die Wissenschaft wieder fragen: aber warum haben wir die nicht auch in trockenem Zustand? Jaja, ich frage mich seit Jahr und Tag, warum der Bär den Honig mag.

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