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24.01.2013
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China in der Arktis

Schneedrache nimmt Nordkurs

Aus Tromsø berichtet
AP/ Xinhua

Chinesische Expedition auf Spitzbergen (2001): "Nach kapitalistischen Regeln spielen"

Die Arktis ist reich an Rohstoffen, China ist hungrig danach. Es schickt Wissenschaftler und Eisbrecher in die Polarregion. Doch mit Öl und Gas habe das nichts zu tun, versichert Peking. Der Riese ist auf Schmusekurs - noch.

Chinesisch hatte man am Mackenzie River bis dahin nicht gehört. Deswegen war ganz Tuktoyaktuk in Aufruhr. Ein riesiges Schiff hatte im Hafen festgemacht, mit Besatzung aus Fernost. Als Pekings 170 Meter langer Forschungseisbrecher "Xue Long" (Schneedrache) im Sommer 1999 das verschlafene Örtchen hoch in Kanadas Norden erreichte, wussten die lokalen Behörden von nichts. Zwar hatte der 21.000-Tonnen-Koloss seine Reise im fernen Ottawa angekündigt. Doch dort vertrödelte man die Angelegenheit.

Das würde mittlerweile wohl nicht mehr passieren. Mit Argwohn beobachten die Staaten rund um den Nordpol regelmäßig Gäste aus dem Reich der Mitte. Das steigende Interesse Chinas für die Region sorge für "Besorgnis - sogar Alarm - in der internationalen Gemeinschaft", bilanzierte kürzlich das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri. Und dass, obwohl der hohe Norden noch nicht einmal besonders große außenpolitische Priorität für Peking habe.

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Großes Tauwetter: Die Rohstoffe der Arktis
Die Rechnung scheint simpel: Die Arktis ist reich an Rohstoffen, China ist hungrig danach. Eine ideale Kombination. Doch Peking argumentiert anders: Die Arktis sei vor allem ein interessantes Forschungsziel, wichtig für das Verständnis des Klimawandels, biete interessante Schifffahrtsrouten und so weiter. Es gibt noch keine offizielle Arktis-Strategie der chinesischen Regierung. Und über Bodenschätze redet man de facto gar nicht - auch weil die wirtschaftliche Supermacht diese einstweilen woanders kaufen kann, in Afrika zum Beispiel.

Und weil sie verstanden hat, dass im hohen Norden subtiles Vorgehen gefragt ist, um die Polarstaaten nicht noch mehr zu verunsichern. "Bisher hat China keine Rohstoffexploration in der Arktis betrieben", versicherte daher auch Zhao Yun, Pekings Botschafter in Norwegen auf der Konferenz "Arctic Frontiers" in Tromsø. Man wolle vielmehr "transregionale Fragen" gemeinsam mit anderen Staaten studieren.

Man wolle, so Zhao in feinstem Diplomatensprech, mit allen relevanten Akteuren kommunizieren und kooperieren. Mit der indigenen Bevölkerung selbstverständlich auch. Und gern als Beobachter im Arktischen Rat. So weit, so nett.

"Sehr vorsichtig, welche Botschaft sie senden"

Der Riese China macht sich klein - und kann doch sein großes Interesse für die Region nicht leugnen. "Sie sind sehr vorsichtig, welche Botschaft sie senden", sagt Leiv Lunde, Chef des Fridtjof Nansen Instituts im norwegischen Lysaker. Gerade ist der Wissenschaftler von einer Reise nach China zurückgekehrt. Nach einem anderthalbstündigen Vortrag beim "Beijing Energy Club" habe er mehr als zwei Stunden Fragen von Regierungsbeamten, Forschern und Rohstoffmanagern beantwortet, berichtet er.

Die chinesischen Unternehmen hätten aber durchaus verstanden, dass Öl und Gas aus der Arktis bestenfalls langfristig zur Versorgung des Landes beitragen dürften. Und dass sie auch nicht billig zu haben sind. China werde "nach den kapitalistischen Regeln spielen" müssen, sagt Forscher Lunde. Und in Nordamerika zeigt sich gerade, wie das aussehen könnte: Chinas Ölkonzern CNOOC will den kanadischen Konkurrenten Nexen kaufen - allerdings müssen US-Behörden dem Deal noch zustimmen.

Auch für Grönland interessieren sich Pekings Rohstoffmanager. In der Nähe der Inselhauptstadt Nuuk will eine britische Firma mit Hilfe von chinesischen Financiers eine riesige Eisenerzmine aufbauen. Und mit Hilfe von mehr als 2300 chinesischen Arbeitskräften. Durch sie würde die Bevölkerung der Insel mal eben um vier Prozent wachsen. Insgesamt geht es um Investitionen von 1,7 Milliarden Euro.

Es ist Geld, das Grönland dringend braucht. Jedenfalls wenn die Träume von der Unabhängigkeit eines Tages einmal wahr werden sollen. Die junge Politikerin Sara Olsvig sitzt für das autonome Grönland im dänischen Parlament. Sie verweist darauf, dass ihrem Heimatland ab 2040 jedes Jahr umgerechnet 134 Millionen Euro in den Sozialkassen fehlen dürften. "Wir haben großes Interesse daran, zusätzliche Einkommensquellen aufzutun - und wo sollen wir danach suchen, wenn nicht in den am schnellsten wachsenden Ländern der Welt?"

Bisher habe man zwar noch keine Entscheidungen getroffen, sagt Olsvig, aber man würde chinesische Investitionen in Grönlands Bergbausektor genauso begrüßen wie die von anderen Staaten auch. "China ist in der gesamten Welt unterwegs. Es ist also keine Überraschung, dass sie sich auch für Grönlands Rohstoffe interessieren." Allerdings sorgt die geplante Mine in Grönland für einigen Streit - unter anderem, weil die aus China importierten Arbeiter zu Billigtarifen schuften sollen.

Mehr Geld für die Antarktisforschung

Traditionell macht sich China für das Prinzip der Nicht-Einmischung stark. Um das Interesse seines Landes für den hohen Norden trotzdem zu begründen, griff Pekings Botschafter in Tromsø deswegen zu einem Trick: Der Nordosten Chinas, so räsonierte Zhao, liege auf beinahe 50 Grad Nord. Damit sei sein Land ein "arktisnaher Staat" - und deswegen an der Region interessiert. Freilich liegt beispielsweise Sylt deutlich nördlicher, auf 54 Grad, dennoch würde sich Deutschland wohl schwerlich als "arktisnaher Staat" sehen.

"Chinas Arktisforschung steckt noch in den Kinderschuhen", so Zhao. Seit 2004 betreibt das Land - wie es andere Staaten inklusive Deutschland auch tun - eine Forschungsstation auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen. Ein neuer Polarcampus in Shanghai soll wissenschaftliches Personal ausbilden. Auch wird ein weiterer, 120 Meter langer Eisbrecher gerade mit finnischer Hilfe gebaut.

Und die "Xue Long" ist inzwischen fünfmal durch die Arktis gefahren, zuletzt im vergangenen Sommer von Island kommend, knapp unterhalb des Nordpols vorbei, zur Beringstraße. Als das Schiff dabei in den Gewässern um Spitzbergen kreuzte, war ihr ein Schiff der Küstenwache auf den Fersen - was für ein Kontrast zur einstigen Sorglosigkeit der Kanadier.

"Im Vergleich zur Arktis gibt China noch immer viel mehr Geld für die Forschung in der Antarktis aus", gibt Forscher Leiv Lunde vom Fridtjof Nansen Institut zu bedenken. Dort ist der Abbau von Rohstoffen durch den Antarktisvertrag untersagt. In einigen Jahrzehnten mag das aber anders aussehen: "Vielleicht bereiteten sich die Chinesen im hohen Norden auch einfach nur vor. Sie sind extrem gut im langfristigen Denken."

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