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23.01.2013
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Vogelgrippe-Viren

Forscher setzen umstrittene Experimente fort

Von Thomas Wagner-Nagy
AP

Hochsicherheitslabor der Uni Marburg: Auf eine Pandemie vorbereiten

Die Pläne waren durchgesickert, nun ist es offiziell: Wissenschaftler wollen weiter an hoch ansteckenden Vogelgrippe-Viren forschen, um Pandemien zu verhindern. Kritiker fürchten, die Ergebnisse könnten missbraucht werden.

Hamburg - Extrem aggressive Viren, sie sind höchst ansteckend - dürfen Forscher sie erschaffen? Niederländische Forscher haben es getan, eine erbitterte Debatte um Bioterrorismus und Todeskeime war losgebrochen. Die Forschung mit den Viren musste gestoppt werden.

Schon am Samstag aber waren Pläne zur Wiederaufnahme der umstrittenen Versuche in die Öffentlichkeit gesickert. Nun haben führende Virologen in einer gemeinsamen Stellungnahme bestätigt, dass sie ein selbst auferlegtes Moratorium für umstrittene Experimente mit mutierten Vogelgrippe-Erregern beenden und die Forschung wieder aufnehmen.

Mit dem Moratorium habe man zunächst "Zeit gewinnen wollen, um den Nutzen solcher Forschungsaktivitäten für die Gesundheitsversorgung zu erklären", sagt Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam. Zusätzlich sollten in dieser Zeit Maßnahmen erarbeitet werden, die "mögliche Risiken minimieren" und es Regierungen sowie Unternehmen weltweit ermöglichen, "ihre Richtlinien etwa in Bezug auf biologische Sicherheit und Kommunikation zu überprüfen".

Da die Ziele des freiwilligen Moratoriums "in einigen Ländern erreicht und in anderen nahezu erreicht sind, erklären wir das freiwillige Moratorium der Vogelgrippe-Infektionsstudien für beendet", erklärten die Forscher in einer schriftlichen Stellungnahme. "Uns ist voll und ganz bewusst, dass diese Forschung - wie jede Arbeit mit ansteckenden Substanzen - nicht ohne Risiken ist. Da jedoch in der Natur die Gefahr besteht, dass sich ein unter Säugetieren ansteckendes H5N1-Virus entwickeln könnte, wiegt der Nutzen dieser Arbeit schwerer als die Risiken."

Vor dem Moratorium hatte Fouchiers Forschergruppe die Ansteckungsfähigkeit von H5N1-Viren künstlich manipuliert und Frettchen infiziert. Der Erreger verbreitete sich anschließend ohne direkten Kontakt über die Luft.

Keine einheitlichen Sicherheitsstandards

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte daraufhin Empfehlungen zur Laborsicherheit für die Forschung mit den gefährlichen Erregern herausgegeben. Anschließend überprüften die verantwortlichen Behörden in mehreren Ländern, ob und unter welchen Bedingungen die H5N1-Forschung dort weitergeführt werden kann.

Mit einer einheitlichen Regelung zum Umgang mit den gefährlichen Viren ist aber nicht zu rechnen. "Weltweit gibt es für kein einziges Pathogen einheitliche Richtlinien", sagt Yoshihiro Kawaoka von der New Yorker Icahn School of Medicine. "Es obliegt den einzelnen Staaten, selbst darüber zu entscheiden, wie sie die Gefahren einer bestimmten Substanz einstufen."

Berichte, wonach seit 2003 mehrfach SARS-Erreger aus Laboren in Singapur "entkommen" seien, lassen die Experten nicht als abschreckendes Beispiel gelten. Dort sei "nicht sauber gearbeitet" worden. Fourchier räumt allerdings ein, dass eine Risiko-Nutzen-Bewertung "sicher nicht ganz wissenschaftlich fundiert" ist, auch wenn sich ein Großteil der internationalen Forschungsgemeinschaft für die Vogelgrippe-Forschung ausgesprochen habe. Das Risiko, dass künstlich veränderte Viren in die Hände von Terroristen geraten und in Biowaffen zum Einsatz kommen könnten, halten die Unterzeichner nach Rücksprache mit Geheimdiensten für sehr gering.

Vorbereitung auf etwaige Pandemie

Mit ihren Experimenten wollen die Wissenschaftler drei grundlegende Fragen klären:

- Welche Mutationen sind nötig, damit der Erreger auf dem Luftweg zwischen Säugetieren übertragen werden kann?

- Wo auf der Welt könnten mutierte Vogelgrippe-Stämme ausbrechen?

- Wie kann man sich auf eine etwaige Pandemie vorbereiten und die Bevölkerung impfen?

Einigen Antworten sind die Virologen schon durch frühere Experimente näher gekommen. So sei bereits bekannt, welche in der Natur vorkommenden Mutanten das größte Pandemiepotential haben. Neben H5N1-Stämmen in Indonesien und Vietnam stünden auch Varianten in Ägypten und China unter besonderer Beobachtung, erklärt Fouchier.

In Ländern, in denen die Rahmenbedingungen noch nicht abschließend geklärt sind, werden die Wissenschaftler ihre Arbeit noch ruhen lassen. Das ist zurzeit in den USA und in einigen Ländern mit US-geförderter Forschung der Fall.

Die Virologen rechnen damit, dass die eingestellten Versuche in wenigen Wochen fortgesetzt werden. Wo genau, konnten sie nicht sagen. Neben Fouchiers Team in den Niederlanden ist laut Kawaoka auch in China mit einer schnellen Wiederaufnahme der umstrittenen Experimente zu rechnen.

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