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03.02.2013
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Australien

Linguisten beleben ausgestorbene Aborigene-Sprache

Von Thomas Wagner-Nagy
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AFP

Australische Linguisten haben eine ausgestorbene Aborigene-Sprache bei Adelaide wiederbelebt. Möglich machen dies die Aufzeichnungen deutscher Missionare aus dem 19. Jahrhundert. Lange nach dem Tod der letzten Sprecherin wächst nun die erste neue Muttersprachlerin heran.

Hamburg - Zwei Drittel der rund 6500 Sprachen auf der Welt sind mangels Sprechern vom Aussterben bedroht. Mit jedem letzten Muttersprachler stirbt auch ein Stück kulturelle und intellektuelle Vielfalt in der Weltgemeinschaft. Australische Linguisten wollen zeigen, dass es auch einen anderen Weg gibt: Sie haben eine tote Aborigene-Sprache wiederbelebt. Dass dies überhaupt möglich war, ist den Bemühungen zweier deutscher Missionare aus dem 19. Jahrhundert zu verdanken.

Aus heutiger Sicht erscheint der ursprüngliche Zweck ihrer Mission zweifelhaft: Als die deutschen Missionare Christian Teichelmann und Clamor Schürmann im Jahr 1838 von London Richtung Adelaide aufbrachen, sollten sie eigentlich die dortigen Einwohner zum Christentum bekehren. Doch es kam anders. Die beiden kamen in der Nähe einer Aborigene-Siedlung unter. Sie begeisterten sich sofort für die Ureinwohner und besonders für deren Sprache Kaurna (sprich: Gana), die sie nach kurzer Zeit fließend sprechen konnten. Die Gesandten verschriftlichten mit der Hilfe und dem Vertrauen der Ureinwohner die zuvor nur gesprochene Sprache der Gegend um Adelaide, beschrieben ihre Grammatik und boten sogar in einer kleinen Schule Unterricht an.

Kolonialisierung verdrängte indigene Sprachen

Als die Deutschen im Jahr 1846 ihre Missionstätigkeit aufgaben, hatte sich zu ihrer Enttäuschung noch kein einziger Aborigene taufen lassen. Dennoch ist das Werk der Missionare für die heutigen Nachfahren des Kaurna-Volkes von unschätzbarem Wert. Denn mit der Kolonialisierung kam auch die Verdrängung der indigenen Sprachen. Da fast keine von ihnen in Schriftform festgehalten war, drohte ihnen der Tod.

Zu dieser Zeit gab es in Australien etwa 250 indigene Sprachen und Dialekte. Viele davon sind verschwunden. Von den verbliebenen 150 Sprachen, die nach Schätzungen noch gesprochen werden, gelten laut dem Experten Bill Fogarty vom Nationalen Zentrum für Indigene Studien der Australian National University nur rund sechs Prozent als "stark" und werden noch als Muttersprache verwendet, während viele andere vom Aussterben bedroht seien. Wie vielen anderen Sprachen erging es auch Kaurna: Vor rund 80 Jahren starb eine ältere Frau mit dem Namen Ivaritji. Sie galt als die letzte Muttersprachlerin und zugleich letzte reinblütige Kaurna.

Lange nach ihrem Tod erweist sich die Kaurna-Sprache als Glücksfall für Linguisten, da sie dank der detaillierten Aufzeichnungen der deutschen Missionare zumindest auf dem Papier erhalten geblieben ist. Robert Amery beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sprache und dem Volk der Kaurna. Mittlerweile spricht er die Sprache fließend. Mit seinem Kollegen Jack Buckskin, der Kaurna-Vorfahren hat, lehrt er Kaurna an der Universität Adelaide.

Genaue Aussprache schwierig zu rekonstruieren

Die Sprache der Ureinwohner ist komplex. Kaurna gehört zu den agglutinierenden Sprachen, bei denen bedeutungstragende Bausteine hinten an das jeweilige Wort angehängt werden. Laut Amery unterscheidet die Sprache mehr als ein Dutzend Fälle - und damit mehr als Latein. Von den europäischen Sprachen ähnelt ihr am ehesten das Baskische, obwohl keinerlei Verwandtschaft besteht, sagt Amery.

Auch die Aussprache hat es in sich. Ähnlich wie Tamil und Hindi unterscheidet Kaurna allein drei verschiedene R- und vier L-Laute. "Im aktuellen Sprachkurs haben wir einige Koreaner, die ja in ihrer Sprache nicht einmal zwischen R und L unterscheiden", scherzt Amery. "Am Anfang haben sie sich schwer getan, aber so langsam nähern sie sich den neuen Lauten."

170 Jahre nach dem Wirken der Missionare erweisen sich auch heute Deutsche als wichtige Helfer bei der Erschließung der Sprache. "Deutsche Studenten haben ein besseres Gefühl dafür, welche Aussprache ihre Landsmänner damals festgehalten haben könnten", erklärt Amery. So sei beispielsweise die Aussprache des Buchstaben U im Deutschen recht eindeutig, wohingegen er im Englischen viele verschiedene Laute beschreiben kann.

Doch oft können auch Deutsche die Aussprache gewisser Wörter nicht eindeutig rekonstruieren. In solchen Fällen suchen Amery und sein Team in benachbarten Sprachen nach Hinweisen. "Wenn das auch nicht hilft, müssen wir eben raten", sagt Amery. Kreativität ist auch beim Vokabular gefragt. Die Ureinwohner mussten sich damals noch nicht mit Telefonen, Kopierern und Flugzeugen herumschlagen. Diese Begriffe fehlen im Wortschatz der Sprache und werden von Amery und seinen Kollegen ergänzt. Dabei nehmen sie nicht einfach das englische Fremdwort, sondern schaffen neue Wörter auf Grundlage bereits vorhandener. So ist das Telefon "warraityati" wörtlich übersetzt ein "Stimmen sendendes Ding" und ein Kopierer "turaityati" eben ein "Bilder sendendes Ding". Für das Wort Seife hatte Amery die Wortschöpfung "hartes Öl" vorgeschlagen. Diese gefiel seinen Kollegen aber nicht; stattdessen setzte sich die Umschreibung "schäumender Stein" durch. Auf diese Weise sind schon mehrere Hundert neue Begriffe entstanden, die für die heutige Kommunikation unerlässlich sind.

Erste Muttersprachlerin seit mehr als 80 Jahren

Seine Schüler haben unterschiedliche Motivationen, Kaurna zu lernen, erzählt Amery. Viele kommen aus reiner Neugier. Andere sind Nachfahren der Kaurna und suchen nach ihren verlorenen Wurzeln. "Wir haben es hier mit einer toten Sprache zu tun. Man kann also nicht einfach den Fernseher einschalten und die Sprache hören", beschreibt Amery die Herausforderung, in Übung zu bleiben. Er selbst spricht mit seinem Kollegen Jack Buckskin regelmäßig Kaurna. "Als es noch niemanden zum Sprechen gab, mussten meine Hunde als Zuhörer herhalten", erzählt Buckskin.

Laut Amery hat sich die Zahl der Sprecher in den letzten Jahren mehr als verdoppelt: Bei einer Befragung im Jahr 2006 gaben 34 Menschen an, Kaurna zu Hause zu sprechen, 2011 waren es bereits gut 70. Das stimmt die Linguisten optimistisch, die die Wiederbelebungsaktion vorantreiben. Vielleicht - so hofft Amery - wird in einigen Jahren der ein oder andere Bewohner Adelaides die Frage "Ninthu warra kaurna payanthi?" ("Verstehst du Kaurna?") mit einem "Nii" ("Ja") beantworten. "Vielleicht schaffen wir es nicht mehr in meiner Generation", sagt Jack Buckskin, "aber meine kleine Tochter könnte noch erleben, dass Kaurna in der Gegend um Adelaide als offizielle Sprache anerkannt wird und die Leute wenigstens ein paar Brocken verstehen. Das wäre ein Traum."

Der Grundstein dafür ist gelegt: Während Buckskins bald zweijährige Tochter von ihrer australischen Mutter Englisch lernt, spricht der Vater nur Kaurna mit ihr. So wächst mehr als 80 Jahre nach dem Tod von Ivaritji die erste Muttersprachlerin der neuen Generation heran. Das erste Wort der Kleinen war "muyinmu", mit dem sie eifrig nach "mehr" Essen fragt. Das etwas kompliziertere "Ngangkita" ("Mutter") müsse sie noch üben, verrät Buckskin.

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insgesamt 25 Beiträge
1. Cool!
awoth 03.02.2013
Ich bin begeistert von soviel Einsatz und Freude an einem Beruf (Berufung!), der so gar nichts mit shareholder value, charts oder champions league zu tun hat! Schade, dass unsere Gesellschaft offenbar das Dschungelcamp den [...]
Ich bin begeistert von soviel Einsatz und Freude an einem Beruf (Berufung!), der so gar nichts mit shareholder value, charts oder champions league zu tun hat! Schade, dass unsere Gesellschaft offenbar das Dschungelcamp den Dschungelcölkern vorzuziehen scheint.
2. Muttersprache
holde 03.02.2013
Es ist schoen zu erfahren, dass es Menshen gibt, die zu ihrer Muttersprache zurueckkehren, bzw sie wieder finden wollen; Waehrenddessen schaffen die Deutschen ihre Muttersprache so langsam ab. so sorry! makes nothing?
Es ist schoen zu erfahren, dass es Menshen gibt, die zu ihrer Muttersprache zurueckkehren, bzw sie wieder finden wollen; Waehrenddessen schaffen die Deutschen ihre Muttersprache so langsam ab. so sorry! makes nothing?
3. Abgesehen von Ihrer Schriftweise...
Layer_8 03.02.2013
...sind die indigenen Völker Australiens i.A. keine Dschungelvölker. Jedoch finde ich den Einsatz der Linguisten dort auch toll, und nebenbei will ich noch erwähnen, dass trotz allen möglichen Vorbehalten hauptsächlich [...]
Zitat von awothIch bin begeistert von soviel Einsatz und Freude an einem Beruf (Berufung!), der so gar nichts mit shareholder value, charts oder champions league zu tun hat! Schade, dass unsere Gesellschaft offenbar das Dschungelcamp den Dschungelcölkern vorzuziehen scheint.
...sind die indigenen Völker Australiens i.A. keine Dschungelvölker. Jedoch finde ich den Einsatz der Linguisten dort auch toll, und nebenbei will ich noch erwähnen, dass trotz allen möglichen Vorbehalten hauptsächlich deutsche Missionare in Australien vieles zur Bewahrung und schriftlichen Erinnerungen der dortigen Kulturen beigetragen haben, in einer für diese Völker unsäglichen Zeit. Das hat mir dort auch mal ein "Indigener" gesagt.
4. falsche Richtung
der_seher59 03.02.2013
ganz nett fürs Kuriositäten-Kabinett. Ich selbst kann auch ein gepflegtes Plattdeutsch sprechen, aber wir sollten Forschung darauf verwenden, wie wir auf dieser kleinen Kugel möglichst überall in einer Sprache - wahrscheinlich [...]
ganz nett fürs Kuriositäten-Kabinett. Ich selbst kann auch ein gepflegtes Plattdeutsch sprechen, aber wir sollten Forschung darauf verwenden, wie wir auf dieser kleinen Kugel möglichst überall in einer Sprache - wahrscheinlich englisch - sprechen. Wir müssen nun endlich über Grenzen hinweg zueinander finden - die Probleme da draussen sind nur gemeinsam zu lösen und eine "terranische" Sprache ist ein richtiger Schritt dahin.
5.
orion4713 03.02.2013
Besonders schlimm finde ich es, wenn man vorhandene deutsche Wörter gegen englische Wörter austauscht, z.B. Schlussverkauf/Sale, Besprechung/meeting, im Fernsehen Bericht/Feature, Nachricht/News usw.
Zitat von holdeEs ist schoen zu erfahren, dass es Menshen gibt, die zu ihrer Muttersprache zurueckkehren, bzw sie wieder finden wollen; Waehrenddessen schaffen die Deutschen ihre Muttersprache so langsam ab. so sorry! makes nothing?
Besonders schlimm finde ich es, wenn man vorhandene deutsche Wörter gegen englische Wörter austauscht, z.B. Schlussverkauf/Sale, Besprechung/meeting, im Fernsehen Bericht/Feature, Nachricht/News usw.

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