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02.02.2013
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Tunnel unter der Grenze

Die Schmuggler-Könige von Gaza

Von National-Geographic-Autor James Verini

Handys, Zucker, Putzmittel: Es gibt fast nichts, was nicht durch Tunnel unter der ägyptischen Grenze hindurch in den abgeriegelten Küstenstreifen von Gaza gebracht wird. Die geheimen Gänge werden in Reiseführern genannt, ein Besuch bleibt dennoch riskant.

Unterirdisch geschmuggelt wird in Rafah seit nunmehr 30 Jahren. Es kommt alles durch die Tunnel - von Baumaterial und Lebensmitteln bis zu Medikamenten und Kleidung, von Treibstoff und Computern bis zu Vieh und Autos. Die Hamas schmuggelt Waffen. Wahr ist aber auch: Wer einen Tunnel kontrolliert, kann damit viel Geld verdienen. Um ins Geschäft zu kommen, veräußerten einige Familien ihre komplette Habe.

Zwischenzeitlich arbeiteten etwa 15.000 Menschen in den Tunneln. Zehntausenden verschafften sie Jobs, von Ingenieuren und Lastwagenfahrern bis zu Händlern. Die Tunnel sind so selbstverständlich, dass Rafah sie sogar in offiziellen Broschüren vorstellt.

Zusammen mit dem Fotografen Paolo Pellegrin besichtige ich die Tunnel. Die einstündige Fahrt von Gaza-Stadt nach Süden an die Grenze ist eine Tortur. "Schauen Sie sich diese Zerstörung an", sagt unser Dolmetscher Aymaner kopfschüttelnd.

Gazas Tunnelbetreiber verbergen ihr Tun kaum. Entlang der Grenzmauer erstreckt sich ein Meer weißer Zeltplanen. Unter jeder beginnt ein Tunnel. Verstohlen schleichen wir uns in das erste Zelt, das wir sehen. Dort treffen wir Mahmoud, einen Mann in den Fünfzigern, der früher auf einer Farm in Israelarbeitete. Er verlor seinen Job, als die Grenze während der zweiten Intifada (2000 bis 2005) geschlossen wurde. Darum warfen er und eine Gruppe von Partnern ihre Ersparnisse zusammen. 2006 begannen sie zu graben, ein Jahr später hatten sie einen Tunnel.

600 Millionen Euro Tunnelgebühren gehen an die Hamas

Durch die Tunnel erhält die Regierung von Gaza sämtliches Material für öffentliche Bauarbeiten. Die Hamas besteuert alles, was durchkommt, und macht Tunnelunternehmen dicht, deren Betreiber nicht bezahlen. Jährlich kassiert die Hamas umgerechnet schätzungsweise knapp 600 Millionen Euro an Tunnelgebühren.

Mahmouds Tunnel ist etwa 400 Meter lang. Heute kommen Kisten mit Kleidung, Handys, Zucker und Putzmitteln an, gestern waren es vier Tonnen Weizen. Mahmoud erhält je nach Ware ein paar hundert oder ein paar tausend Euro pro Lieferung. Wie viele andere hier verdient er genug, um den Tunnel zu unterhalten und seine Familie zu ernähren, aber nicht viel mehr.

Fünf bis zwölf Männer arbeiten in Zwölfstundenschichten rund um die Uhr, sechs Tage die Woche. Sie verdienen etwa 40 Euro pro Schicht, aber manchmal vergehen Wochen oder Monate zwischen den Zahlungen.

"Möchten sie da runter?", fragt Mahmoud, und ehe ich mich besinnen kann, habe ich ja gesagt. Als ich wieder oben bin, taucht plötzlich ein Trupp Polizisten auf. "Was habt ihr hier zu suchen?", fragt ihr Anführer.

Der Beamte begründet sein Misstrauen: Am Tag zuvor habe er in der Nähe eine Ladung Kokain und Haschisch abgefangen. Dann befiehlt er meinem Fotografen Paolo Pellegrin und mir zu gehen. Wir brauchten eine Genehmigung von der Zentralregierung in Gaza-Stadt, wenn wir wiederkommen wollten.

In den folgenden Tagen verhandeln wir mühsam mit den Behörden, schließlich dürfen wir zurück in den Tunnelkorridor. Das Gerücht, ein amerikanischer Reporter schnüffle herum, hat sich verbreitet, und viele Tunnelbetreiber meiden uns. Aber nicht alle.

Über eine Öffnung der Grenze zu Ägypten wird gemunkelt

Besonders entgegenkommend ist Abu Jamil, ein weißhaariger Mann. Ihm kommt das Verdienst zu, den ersten Vollzeittunnel eröffnet zu haben. Sein Geschäft ging so gut, dass ein Schacht bald nicht mehr ausreichte. Also ließ Abu Jamil einen gewaltigen Graben ausheben, in dem Waren auf- und abgeladen werden konnten. Dann eröffnete er weitere Tunnel, seine Söhne, Enkel, Neffen und Cousins arbeiteten für ihn.

Ein weiterer Mann kommt ins Zelt und flüstert einem der Tunnelbetreiber etwas zu. Er will keine Sardinen - er will nach Ägypten eingeschleust werden. Einige Bewohner Gazas wechseln durch die Tunnel auf die ägyptische Seite von Rafah, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen. Manche benutzen die Tunnel zur Flucht, andere wollen nur eine vergnügliche Nacht auf der anderen Seite verbringen.

Mit großem Einsatz trotzen die Menschen im Gaza-Streifen der hohen Arbeitslosigkeit von mehr als 30 Prozent. Am Strand bauen sie neben zerbombten Cafés Fischfarmen. Auf den Dächern von Häusern legen sie Gemüsegärten an. In Rafah wurde eine neue Anlage zur Abwasseraufbereitung in Betrieb genommen.

Doch die Mehrheit der Leute hier ist auf die Tunnel angewiesen.

Noch hoffen die Menschen in Gaza, dass der Arabischen Frühling auch ihre Lebensumstände verbessern könnte. Man munkelt über eine Öffnung der Grenze zu Ägypten, aber wann und ob überhaupt, ist unklar.

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Februar 2013, www.nationalgeographic.de


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/gaza.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
1. Was sollten sie sonst tun
Lemmi42 02.02.2013
wenn eine Tüte Zucker oder ein Stk.Butter für die Besatzer schon zu den gefärlichen Gegenständen zählt.
wenn eine Tüte Zucker oder ein Stk.Butter für die Besatzer schon zu den gefärlichen Gegenständen zählt.
2.
derdichter 02.02.2013
wenn die israelische regierung diese tunnel zerstoeren wollte wuerde dort nur noch asche sein. die geschichte hat gezeigt dass eine offene grenze in die gaza wie eine direkte einladung ist an die waffenlieferanten. es ist [...]
wenn die israelische regierung diese tunnel zerstoeren wollte wuerde dort nur noch asche sein. die geschichte hat gezeigt dass eine offene grenze in die gaza wie eine direkte einladung ist an die waffenlieferanten. es ist einfacher diese tunnel zu dulden und sie indirekt ueberwachen und kontrollieren als eine laaaange grenze ofen zu halten und versuchen die zu ueberwachen. tunnel ist ein tunnel, es ist schmal und schwer zu groesseren transportern zu benutzen. baumaterialien werden auch von der israelischen regierung geliefert, und die wissen dass die luxusgueter per tunnel ankommen also ist es eine, leider,ziemlich praktische loesung die beide seiten zumindest ein klein wenig befriedigt.
3. Schafe?
taglöhner 02.02.2013
Nicht nur Waffen, sondern auch gewöhnliche Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter, müssen also über Tunnel nach Gaza gebracht werden. Für die Hamas und die Tunnelbetreiber jedenfalls ein gutes Geschäft, wie es scheint. Ein [...]
Zitat von sysopHandys, Zucker, Putzmittel: Es gibt fast nichts, was nicht durch Tunnel unter der ägyptischen Grenze hindurch in den abgeriegelten Küstenstreifen von Gaza gebracht wird. Die geheimen Gänge werden in Reiseführern genannt, ein Besuch bleibt dennoch riskant. Die Tunnel von Gaza sind Lebensadern und Todesfallen zugleich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/die-tunnel-von-gaza-sind-lebensadern-und-todesfallen-zugleich-a-879690.html)
Nicht nur Waffen, sondern auch gewöhnliche Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter, müssen also über Tunnel nach Gaza gebracht werden. Für die Hamas und die Tunnelbetreiber jedenfalls ein gutes Geschäft, wie es scheint. Ein kontrollierter Grenzverkehr überfordert die Ägypter. Angeblich. Bei den Israelis ist das Mitleid für die humanitäre Lage angesichts der Begeisterung der Bevölkerung für die Hamas, und des Beschusses von dort aus, sehr begrenzt. Da stehen wohl einige Einflussreiche aus unterschiedlichen Gründen auf der Bremse.
4.
alfredoneuman 02.02.2013
..hat es noch nie, auch Medikamente und fast alle Güter auch nicht. Das könnte man wissen, wenn man es denn wissen will.
Zitat von Lemmi42wenn eine Tüte Zucker oder ein Stk.Butter für die Besatzer schon zu den gefärlichen Gegenständen zählt.
..hat es noch nie, auch Medikamente und fast alle Güter auch nicht. Das könnte man wissen, wenn man es denn wissen will.
5. ♟
flachatmer 02.02.2013
> Die geheimen Gänge werden in Reiseführern genannt "..."
> Die geheimen Gänge werden in Reiseführern genannt "..."

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