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18.02.2013
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Sechster Sinn für Nager

Ratten fühlen das Licht

Aus Boston berichtet Philip Bethge
Foto: Nocolelis Lab/ Duke University

Neurobiologen haben Ratten zu Supersinnen verholfen: Sie verbanden das Nagergehirn mit Infrarotsensoren - die Tiere konnten den Sicht-Reiz nun spüren. Die Ergebnisse sollen auch Menschen helfen können, deren Sehzentrum geschädigt ist.

Man nehme einen Infrarotsender und zwei Elektroden; dann ein paar beherzte Stiche ins Nagerhirn; und fertig ist die Cyborg-Ratte mit dem sechsten Sinn: Normalerweise können Ratten kein Infrarotlicht sehen, im Labor des Neurobiologen Miguel Nicolelis jedoch haben sie es jetzt gefühlt.

Der Wissenschaflter und sein Team von der Duke University in Durham, US-Bundesstaat North Carolina, klebten den Ratten Infrarotsensoren auf die Stirn. Über zwei haarfeine Elektroden verbanden sie die Sensoren direkt mit jenem Teil des Nagergehirns, das für den Tastsinn zuständig ist und normalerweise Berührungen der Schnurrhaare verarbeitet.

Die Forscher trainierten die Ratten zunächst auf sichtbares Licht. Näherten sich die Tiere normalen LED-Lampen, winkte ein Schluck frisches Wasser. Dann implantierten die Wissenschaftler die Elektroden und ersetzten die normalen Lampen durch Infrarotlampen.

Zunächst reagierten die Ratten verwirrt: Bei Einschalten des Infrarotlichts kratzten sie sich am Kopf, weil sie den Reiz als Berührung interpretierten. Nach und nach jedoch brachten sie den neuen Reiz mit den Infrarotlampen in Verbindung.

"Die Tiere lernten, das Infrarotlicht zu spüren", sagte Nicolelis jetzt auf der Konferenz der American Association for the Advancement of Science in Boston. Dabei sei ihnen die Fähigkeit, mit den Schnurrhaaren zu tasten, nicht abhanden gekommen. Vielmehr habe sich die für den Tastsinn zuständige Gehirnregion gleichsam "geteilt", um beide Reize unabhängig voneinander zu verarbeiten, ein Beweis für die "faszinierende Plastizität" des Organs, so Nicolelis.

Nicolelis glaubt, dass sich die im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichten Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. So könne es beispielsweise künftig möglich werden, nach einer Schädigung des Sehzentrums etwa durch einen Schlaganfall die Signale aus dem Auge einfach auf einen anderen Bereich der Großhirnrinde umzulenken, um den Betroffenen auf diese Weise ihre Sehfähigkeit zurückzugeben.

Auch neue Supersinne hält der Forscher für möglich. Kann der Mensch bald magnetische Felder, Radiowellen oder Ultraschall fühlen? Der Phantasie sind offenbar keine Grenzen gesetzt. "Jede physikalische Energie lässt sich in elektrische Impulse verwandeln", sagt Nicolelis.

Seine Forschung ist Teil des internationalen "Walk again"-Projekts, dessen Ziel es ist, ein komplettes Exoskelett zu entwickeln. Dieses Außenskelett soll Menschen, deren sensorische und motorische Fähigkeiten zerstört sind, helfen, ihren Körper wieder zu kontrollieren. Die Wissenschaftler planen, ein erstes Modell bei der Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft 2014 zu präsentieren.

Forum

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insgesamt 15 Beiträge
1. Ähmm...
Layer_8 18.02.2013
...ich kann Infrarotlicht ("Wärmestrahlung") auch spüren...
Zitat von sysopNeurobiologen haben Ratten zu Supersinnen verholfen: Sie verbanden das Nagergehirn mit Infrarotsensoren - die Tiere konnten den Sicht-Reiz nun spüren. Die Ergebnisse sollen auch Menschen helfen können, deren Sehzentrum geschädigt ist. Ratten: Forscher lassen die Nager Licht fühlen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ratten-forscher-lassen-die-nager-licht-fuehlen-a-883971.html)
...ich kann Infrarotlicht ("Wärmestrahlung") auch spüren...
2. Alles elektrisch
pförtner 18.02.2013
Irgendwann wird man den gedanklichen Inhalt eines Gehirns , ähnlich wie bei einem externen Speicher, auslagern und auf ein anderes Individium übertragen können. das wissen eines Menschen ,würde mir seinem Tod , nicht mehr [...]
Irgendwann wird man den gedanklichen Inhalt eines Gehirns , ähnlich wie bei einem externen Speicher, auslagern und auf ein anderes Individium übertragen können. das wissen eines Menschen ,würde mir seinem Tod , nicht mehr verlustig gehen. Schließlich sind es nur elektrische Ströme ,welch in den Sinapsen funken.
3. Böse Forscher
derjansel 18.02.2013
Haben sie mit Tierversuchen doch tatsächlich (mal wieder) einen nutzen für Menschen erschaffen und die Medizin voran getrieben. Mich freut es, wenn es voran geht.
Haben sie mit Tierversuchen doch tatsächlich (mal wieder) einen nutzen für Menschen erschaffen und die Medizin voran getrieben. Mich freut es, wenn es voran geht.
4. Wärme? - Wie reizend!
cassandros 18.02.2013
Kannst du das? Oder spürst du vielmehr die Wirkung (Erwärmung), die die Strahlung auf Materie hat, deren Wärme durch dann durch Wärmetransport (E. kin.) wahrnimmst? Das sind verschiedene Reizqualitäten!
Zitat von Layer_8...ich kann Infrarotlicht ("Wärmestrahlung") auch spüren...
Kannst du das? Oder spürst du vielmehr die Wirkung (Erwärmung), die die Strahlung auf Materie hat, deren Wärme durch dann durch Wärmetransport (E. kin.) wahrnimmst? Das sind verschiedene Reizqualitäten!
5. Nutzen für den Menschen?
jantiff 18.02.2013
@derjansel: Wenn Sie sich die Medizinhistorie anschauen, werden Sie feststellen, dass die meisten belastbaren Grundlagen, auf denen die Medizin heute aufbaut, ohne Tierversuche, also durch Forschen am bzw. Beobachten von Menschen [...]
@derjansel: Wenn Sie sich die Medizinhistorie anschauen, werden Sie feststellen, dass die meisten belastbaren Grundlagen, auf denen die Medizin heute aufbaut, ohne Tierversuche, also durch Forschen am bzw. Beobachten von Menschen erreicht wurden. Es gibt da mehrere Wälzer auf diesem Gebiet, in denen kommt das Wort Tierversuch gar nicht vor. Dass aus den „Durchbrüchen“, die man aus den ca. 10 bis 15 Milliarden in den letzten 150 Jahren im Labor geopferten Tiere abgeleitet hat, nicht nur in den seltensten Fällen etwas geworden ist, sondern sogar das Gegenteil (die explosionsartige Zunahme der Zivilisationskrankheiten) eingetreten ist, liegt wohl daran, dass Tierversuche in der Regel nicht auf den Menschen übertragbar sind. Gemacht werden sie trotzdem weiterhin in astronomischen Dimensionen, weil a) Tiere wehrlos sind, c) weltweit Milliarden Steuergelder in dieses System fließen und c) die Menschen sich durch o. g. Versprechungen bereitwillig blenden lassen. Siehe Ihr Beitrag. „Ein genauer Blick in die Geschichte der Medizin enthüllt, dass Verbesserungen der menschlichen Gesundheit wenig mit Tierversuchen zu tun haben und dass solche Versuche in manchen Fällen die Entwicklung hilfreicher präventiver Medikamente verzögert haben.“ (Peter S. Wenz, Professor em. für Philosophie und Legal Studies, Universität Ilinois, Springfield)

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