Lade Daten...
22.02.2013
Schrift:
-
+

Mobbing mit Langzeitfolgen

Die seelischen Wunden der Schulzeit

Corbis

Mobbing in der Schule (Symbolbild): Erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen

Erniedrigen, ausschließen, beleidigen - Mobbing in der Schule kennt viele Varianten. Die Folgen können noch im Erwachsenenalter Angststörungen und Depressionen verursachen, zeigt eine Studie. Am härtesten trifft es aber manche Mobber.

Hamburg - Mobbing in der Schule kann psychische Schäden hinterlassen, das ist bekannt. Eine aktuelle Studie im Fachjournal "Jama Psychiatry" offenbart nun aber unerwartete Ausmaße. Demnach leiden ehemalige Mobber und ihre Opfer noch als Erwachsene mit Mitte 20 an den durch die Hänseleien mitverursachten Depressionen und Angststörungen. Am schlimmsten sei es um diejenigen bestellt, die beide Seiten erlebt hätten, also andere hänselten und selbst gemobbt wurden.

Das Team um William Copeland vom Duke University Medical Center in North Carolina befragte 1420 Jugendliche zu ihren Erfahrungen mit Mobbing im Alter von neun bis 16 Jahren. Rund ein Viertel der Kinder gab an, mindestens einmal Opfer von Mobbing gewesen zu sein, etwa jeder zehnte Befragte gab zu, selbst Mitschüler gehänselt zu haben. Jahre später, mit 26, wurden die jungen Erwachsenen auf psychische Störungen untersucht. Auch nach Ausschluss von familiären Gründen als Ursache ist das Ergebnis eindeutig: Ehemalige Mobbing-Opfer haben gegenüber Schülern ohne Mobbing-Erfahrungen ein vielfach erhöhtes Risiko für spätere Angststörungen.

"Ich war überrascht"

Unter den von Mobbing Verschonten litten später sechs Prozent an Angststörungen, während bei den Gehänselten 24 Prozent betroffen waren. Diejenigen, die Opfer und Täter zugleich waren, traf es hinterher am härtesten: 32 Prozent klagten über Angststörungen. In dieser Gruppe fanden die Psychologen auch die größte Anfälligkeit für Panikstörungen, Depressionen und Selbstmordgedanken. "Ich war überrascht, dass wir ein Jahrzehnt nach den Schikanierungen noch immer die emotionalen Spuren bei den Opfern und bei Mobbern und Gemobbten in einem sehen konnten", sagt Copeland.

Mobber, die selbst nie einstecken mussten, hatten ein vierfaches Risiko für antisoziale Persönlichkeitsstörungen, die sich durch fehlende Empathie und Misshandlung anderer äußern, berichten die Wissenschaftler. Sie sehen zwar einen Zusammenhang zwischen psychischen Störungen in der Kindheit sowie familiären Problemen und Mobbing. Damit allein seien jedoch die Folgestörungen nicht zu erklären, sondern scheinen direkte Auswirkungen von Mobbing zu sein.

"Die Studie verdeutlicht, wie schlimm Mobbing sein kann, und dass es nicht nur ein Übergangsritus ist, der zum Erwachsenwerden gehört und alle Kinder abhärtet", sagt Mark Schuster, Chef der Pädiatrie am Boston Children's Hospital. "Nach allem was wir bisher wissen kann es ernste Langzeitfolgen haben."

twn

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
1. Ursache und Wirkung
viwaldi 22.02.2013
Tatsächlich scheint die Studie zu belegen, dass diejenigen, die in der Schule gemobbt werden, auch später mehr Angststörungen usw. aufweisen. Hüten sollte man sich aber vor voreiligen Schlüssen: Was ist Ursache und was [...]
Zitat von sysopCorbisErniedrigen, ausschließen, beleidigen - Mobbing in der Schule kennt viele Varianten. Die Folgen können noch im Erwachsenenalter Angststörungen und Depressionen verursachen, zeigt eine Studie. Am härtesten trifft es aber manche Mobber. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/mobbing-betroffene-leiden-noch-jahre-spaeter-an-psychischen-folgen-a-884981.html
Tatsächlich scheint die Studie zu belegen, dass diejenigen, die in der Schule gemobbt werden, auch später mehr Angststörungen usw. aufweisen. Hüten sollte man sich aber vor voreiligen Schlüssen: Was ist Ursache und was ist Folge. Vereinfacht gesprochen könnte es nämlich auch gut sein, dass bestimmte Grundpersönlichkeiten oder Charaktereigenschaften für beides prädestinieren, d.h. Mobbingopfer zu sein oder zu werden und Angststörungen zu entwickeln. Warum werden bestimmte Schüler immer wieder Mobbingopfer (auch nach Schulwechsel), andere nie? . Auch wenn es in den geburtenreichsten Gegenden Deuschlands mehr Störche gibt als anderswo, ist dies noch kein Beweis, dass Störche die Kinder bringen. Das Kausalitätsbedürfnis bei verschiedenen Beobachtungen mag zwar mächtig sein, ein Beweis sieht aber anders aus.
2.
maryrose 22.02.2013
Das Ergebnis dieser Studie ist fuer mich nicht ueberraschend. Nach einer schweren Erkrankung wurde ich als Zehnjaehrige zwei Jahre lang jeden beschissenen Tag von Lehrern und meinen lieben Mitschuelern gehaenselt und vor der [...]
Das Ergebnis dieser Studie ist fuer mich nicht ueberraschend. Nach einer schweren Erkrankung wurde ich als Zehnjaehrige zwei Jahre lang jeden beschissenen Tag von Lehrern und meinen lieben Mitschuelern gehaenselt und vor der ganzen Klasse laecherlich gemacht. Zuhause hatte ich dasselbe Szenario. Haenselei, Beschimpfungen, vorgefuehrt werden, wie dumm ich bin. Das hatte natuerlich Folgen. Ich war lange Jahre sehr unsicher, konnte mich nicht in einer Gruppe verbal aeussern und hatte eine unterliegende Angststoerung.Das Gemobbe hat mein Leben sehr beeinflusst. Ich bin heute 55 Jahre alt und habe immer noch, auch nach abgeschlossenem Hochschulstudium, oft Gefuehle, die hochkommen und mich an die fuerchterliche Schulzeit erinnern. Mobbing zerstoert Menschen.
3. Ursache, Wirkung und der Strudel im Gehirn
mnbvc 22.02.2013
Also, die Unterscheidung zwischen Korrelation und Kausalität wäre in einem Artikel zur Wissenschaft schon schön. Simpel: nur weil zwei Dinge gemeinsam auftreten (z.B. Mobbingerfahrung und spätere psych. Probleme) muss das eine [...]
Also, die Unterscheidung zwischen Korrelation und Kausalität wäre in einem Artikel zur Wissenschaft schon schön. Simpel: nur weil zwei Dinge gemeinsam auftreten (z.B. Mobbingerfahrung und spätere psych. Probleme) muss das eine nicht das andere auslösen. Hier hat spon wahrscheinlich einen Gedanken der Studie nicht rübergebracht, mit dem genau das geklärt werden soll. Richtig dusselig erscheint mir aber der Schlussabsatz: Mobber zeigen später eine dysfunktionale Persönlichkeit, weil sie gemaobbt haben? Es dürfte nach meiner Erfahrung genau umgekehrt sein: dysfunktionale Persönlichkeiten mobben, und das eben auch schon früh, in der Schule.
4.
aquarelle 22.02.2013
Überrascht mich jetzt nicht, sind Menschen die mobben doch meistens kleine Fähnlein im Wind und mit sich generell unzufrieden. Warum sollten sie anderen sonst das Leben zur Hölle machen!? Mobben tun viele doch auch bloß aus [...]
Überrascht mich jetzt nicht, sind Menschen die mobben doch meistens kleine Fähnlein im Wind und mit sich generell unzufrieden. Warum sollten sie anderen sonst das Leben zur Hölle machen!? Mobben tun viele doch auch bloß aus Neid, und um andere klein zu halten. Nach einem festen Charakter sieht das daher eher nicht aus und das holt sie eben früher oder später ein. Im Fall derer, die mich damals schikaniert haben, verschafft mir das schon ein wenig Genugtuung...
5. Als jemand...
betaknight 22.02.2013
der auch von Mobbing betroffen war. Finde ich es erstaunlich und beängstigend, dass man jetzt erst bemerkt dass es Langzeitfolgen hat. Naja und natürlich die typische Überraschung zeigt. Mein Mitleid mit den Mobbern hält sich [...]
der auch von Mobbing betroffen war. Finde ich es erstaunlich und beängstigend, dass man jetzt erst bemerkt dass es Langzeitfolgen hat. Naja und natürlich die typische Überraschung zeigt. Mein Mitleid mit den Mobbern hält sich jedoch in Grenzen.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter RSS
alles zum Thema Depressionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten