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Ausgegraben
07.08.2013
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Ness of Brodgar

"Der schönste und spannendste Grabungsort der Welt"

Von Angelika Franz
Nick Card/ Orkney Research Centre for Archaeology

Steinplatte mit Ritzmuster: "Ein erstaunliches Kunstwerk"

Dreiecke und Rauten, beidseitig in eine Steinplatte geritzt: Auf den schottischen Orkneys freuen sich Ausgräber über ein besonders schönes Kunstwerk aus der Steinzeit. Es gehört zu einem riesigen Tempel, der laufend neue Funde freigibt.

In der Jungsteinzeit gaben die Menschen in Europa das mühsame Leben der Jäger und Sammler auf und experimentierten mit neuen Lebensformen - dem Ackerbau und der Viehzucht. Und da sie nun nicht mehr durch die Lande zogen, begannen sie, Häuser zu bauen.

Auf den Orkney-Inseln im Norden von Schottland aber war man bereits wesentlich weiter. Im 4. Jahrtausend vor Christus erhob sich dort auf einem schmalen Landsteg zwischen zwei Lochs, dem Ness of Brodgar, schon ein Gebäude mit gewaltigem Ausmaß: Die sogenannte Structure Ten, 25 Meter lang und 20 Meter breit. Noch heute stehen die fünf Meter dicken Mauern bis zu einer Höhe von einem Meter. Der Innenraum ist kreuzförmig, eine Mischung aus den neolithischen Grabkammern der Orkneys und den Wohnhäusern der nahen Siedlung Skara Brae.

Structure Ten war in den vergangenen Grabungskampagnen schon für einige Überraschungen gut. Die Ausgräber fanden zum Beispiel die Reste eines riesigen Festgelages, bei dem rund 6000 Rinder verspeist wurden. Oder sie entdeckten den ersten Nachweis von Wandbemalung im Inneren neolithischer Häusern.

Ein Kunstgegenstand nach dem anderen

Jetzt eine weitere Sensation hinzugekommen: eine große Steinplatte, die auf zwei Seiten mit sorgfältigen Ritzmustern verziert ist. "Es ist ein erstaunliches Kunstwerk", freut sich Grabungsleiter Nick Card von der University of the Highlands and Islands. "Das Beste, das wir bislang auf dem Ness of Brodgar gefunden haben, und eines der schönsten aus ganz Großbritannien."

Offenbar legten die Menschen in Structure Ten gesteigerten Wert auf schöne Dinge: "Allein in dieser Grabungskampagne ist unser Katalog der Kunstgegenstände aus Structure Ten von 405 auf 470 Stücke gewachsen - in nur drei Wochen, und zweifelsohne wird da noch mehr hinzukommen."

Die eine Seite der Platte zieren Rauten, die mit einem Schachbrettmuster gefüllt sind. Auf der anderen Seite ritzte der Künstler mit unterschiedlichen Mustern gefüllte Dreiecke, die zusammengesetzt wiederum Rauten ergeben. Nicht überall sind die Linien gleich tief. An einigen Stellen sieht es aus, als habe der Künstler nur geübt. An anderen Stellen hat er sein Design nicht zu Ende gebracht. "Vielleicht war der Prozess an sich, die Linien in den Stein zu ritzen, genauso wichtig, wie die Arbeit auch zu Ende zu bringen", vermuten die Ausgräber in ihrem Grabungs-Blog.

Ähnliche Muster mit zusammengesetzten Dreiecken wurden in den siebziger Jahren in der Siedlung Skara Brae und in den achtziger Jahren in dem benachbarten Grabhügel Maeshowe gefunden, einem der größten Megalithgräber auf Orkney. Auch aus Irland sind ähnliche Muster bekannt. Keines der Parallelbeispiele ist aber so komplex oder so qualitativ hochwertig wie der neue Fund vom Ness of Brodgar.

Keramiktradition entstand auf den Orkneys

Der Doktorand Mike Copper von der Bradford University fand das außergewöhnliche Stück in einem der Kreuzarme im Inneren des Gebäudes. Unmittelbar daneben lag ein Keramikgefäß, die Außenseite stark verrußt. Offenbar diente es zur Aufbewahrung einiger verbrannter Knochen. Copper vermutet einen Zusammenhang der beiden Artefakte: "Der dekorierte Stein und der Topf sollten wahrscheinlich nicht getrennt voneinander betrachtet werden."

Das Gefäß gehört zur sogenannten Grooved Ware, einer sehr prominenten Tradition auf dem Ness of Brodgar. Die Gebäude sind voll davon, und einige Exemplare haben ein beachtenswertes Fassungsvermögen. Es sind außerdem die ältesten Funde von Grooved Ware überhaupt. Auf dem Ness wurde daraus schon lange gespeist, bevor die Gefäße auf dem britischen Festland in Mode kamen, und erst um 2800 vor Christus erreichte diese Keramikform dann sogar Südengland.

Kann der neu gefundene Stein am Ende vielleicht sogar helfen, mehr über die Nutzung des jungsteinzeitlichen Riesengebäudes zu erfahren? Die Ausgräber vermuten, es mit einem Weih- oder Grundstein zu tun zu haben. Grabungsleiter Card hält ihn für einen Teil der ältesten Bauphase von Structure Ten.

"Der spannendste Grabungsort der Welt!"

Das Gebäude ist sehr sorgfältig ausgerichtet: Über den Loch of Harray hinweg zeigt Structure Ten genau auf den Hügel von Maeshowe. Doch damit nicht genug: Der Ness of Brodgar ist mit gleich zwei Steinkreisen ein neolithischer Ort der Superlative.

An dem einen Ende der Landzunge steht der Steinkreis der Standing Stones of Stenness - und stand dort auch schon ein halbes Jahrtausend, bevor in Stonehenge ebenfalls Steine aufgestellt wurden. Am anderen Ende des Ness ragen zudem die Steine des Ring of Brodgar in den Himmel - und der ist mehr als doppelt so groß wie Stonehenge.

Der neue Fund in diesem Ensemble bestätigt einmal mehr, was die Archäologen, die auf dem Ness of Brodgar graben, schon seit Jahren über ihren Arbeitsplatz sagen: "Es ist der schönste und spannendste Grabungsort der Welt!"

Forum

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insgesamt 6 Beiträge
1.
dr.bruno 07.08.2013
Na ja. Die Zeitangabe "4.Jahrhundert" ist vielleicht ein Tippfehler für "4. Jahrtausend", und mit Göbekli Tepe in der Osttürkei kann sich dieser "schönste und spannendste" Grabungsort kaum messen. [...]
Na ja. Die Zeitangabe "4.Jahrhundert" ist vielleicht ein Tippfehler für "4. Jahrtausend", und mit Göbekli Tepe in der Osttürkei kann sich dieser "schönste und spannendste" Grabungsort kaum messen. Trotzdem interessant.. Dr. Bruno Sandkühler, Rottenburg Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. C. Elmer/Ressort Wissenschaft
2.
largo25 07.08.2013
Irgendetwas stimmt hier mit den Zeitangaben nicht: " Im 4. Jahrhundert vor Christus erhob sich dort auf einem schmalen Landsteg zwischen zwei Lochs, dem Ness of Brodgar, schon ein Gebäude mit gewaltigem Ausmaß..." [...]
Irgendetwas stimmt hier mit den Zeitangaben nicht: " Im 4. Jahrhundert vor Christus erhob sich dort auf einem schmalen Landsteg zwischen zwei Lochs, dem Ness of Brodgar, schon ein Gebäude mit gewaltigem Ausmaß..." Ich vermute, dass sie das 4.Jahrtausend vor Chr. meinen. Das würde auch besser zum restlichen Text passen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. C. Elmer/Ressort Wissenschaft
3.
Alexander Vasil 07.08.2013
Nach einem Dank für die immer wieder schöne Kolumne, ein Korrekturhinweis: Während auf dem Grabungsblog der Wissenschaftler vor Ort immer nur von vielen oder gar hunderten von Rinder-Überresten die Rede ist, spricht der [...]
Nach einem Dank für die immer wieder schöne Kolumne, ein Korrekturhinweis: Während auf dem Grabungsblog der Wissenschaftler vor Ort immer nur von vielen oder gar hunderten von Rinder-Überresten die Rede ist, spricht der deutsche Wikipedia Artikel ohne Quellenangabe von 500. Nirgends ist aber die Rede von Überresten von 6000 (!sic) Rindern, die auf einem einzigen Fest verspeist wurden. Vielmehr ist die Rede von "...that seem to indicate a massive feasting event when this building was “decommissioned” – it is tempting to think so!" Man ist also "versucht" an ein solches event zu denken, nicht mehr. Vielleicht ist es kleinlich, aber Bevölkerungszahlen auf den abgelegenen Orkney Inseln im Spätneolithikum anzunehmen, die 6000 Rinder auf einen Schlag verspeisen können, wären schon geeignet allerlei archäologische Gewissheiten zu erschüttern, selbst 500 bedeuten schon eine wirklich eminente Anzahl von Personen, was die Bedeutung der Anlage als einer Kathedrale der Steinzeit schon hinreichend unterstreicht.
4.
Alexander Vasil 07.08.2013
Nach einem Dank für die immer wieder schöne Kolumne, ein Korrekturhinweis: Während auf dem Grabungsblog der Wissenschaftler vor Ort immer nur von vielen oder gar hunderten von Rinder-Überresten die Rede ist, spricht der [...]
Nach einem Dank für die immer wieder schöne Kolumne, ein Korrekturhinweis: Während auf dem Grabungsblog der Wissenschaftler vor Ort immer nur von vielen oder gar hunderten von Rinder-Überresten die Rede ist, spricht der deutsche Wikipedia Artikel ohne Quellenangabe von 500. Nirgends ist aber die Rede von Überresten von 6000 (!sic) Rindern, die auf einem einzigen Fest verspeist wurden. Vielmehr ist die Rede von "...that seem to indicate a massive feasting event when this building was “decommissioned” – it is tempting to think so!" Man ist also "versucht" an ein solches event zu denken, nicht mehr. Vielleicht ist es kleinlich, aber Bevölkerungszahlen auf den abgelegenen Orkney Inseln im Spätneolithikum anzunehmen, die 6000 Rinder auf einen Schlag verspeisen können, wären schon geeignet allerlei archäologische Gewissheiten zu erschüttern, selbst 500 bedeuten schon eine wirklich eminente Anzahl von Personen, was die Bedeutung der Anlage als einer Kathedrale der Steinzeit schon hinreichend unterstreicht.
5.
SchwesterPolyester 07.08.2013
"Die Ausgräber fanden zum Beispiel die Reste eines riesigen Festgelages, bei dem rund 6000 Rinder verspeist wurden." ... also beim besten Willen, wenn z.B. ein 3 jähriges Rind ca. 200kg Fleisch gibt, dann wären [...]
"Die Ausgräber fanden zum Beispiel die Reste eines riesigen Festgelages, bei dem rund 6000 Rinder verspeist wurden." ... also beim besten Willen, wenn z.B. ein 3 jähriges Rind ca. 200kg Fleisch gibt, dann wären dies, bei 6000 Rindern, welche laut Text angeblich bei einem einzigen Gelage verspeist wurden, 1.200.000 kg Fleisch ! ... ich traue ja dem Steinzeitmenschen durchaus einen robusten Magen zu und auch wenn es zur Zeit der Neolithisierung auch in Mitteleuropa eine Bevölkerungsexplosion gegeben hat (im Zeitraum von 10.000 v Chr. bis zur Zeitenwende vergrößerte sich die Weltbevölkerung von 5 Millionen auf ca. 250 - 300 Millionen weltweit), frage ich doch mal nach, ob in dieser Zeit überhaupt soviel Menschen in diesem sehr überschaubaren Teil der Welt gelebt haben können, die in der Lage gewesen wären, bei einem einzigen Gelage soviel Nahrung aufzunehmen, oder besser gefragt, haben sie mal versucht 1kg Fleisch zu essen? Mal abgesehen vom Platzbedarf der Menschen und der Rinder und den Unmengen an Brennholz, welche für die Zubereitung benötigt worden wären, wären zudem ca. 240.000 Liter Rinderblut geflossen (dass wären 20 prallgefüllte Tanklastwagen der Marke Mercedes-Benz Actros 1844 L MP II, da passen 12.000 Liter hinein), Das Wacken Open Air hätte gegen diese 'Party' sicher wie ein Kindergeburtstag gewirkt!

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Zur Autorin

  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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