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Wissenschaft

Anthropologie

Älteste Hinweise auf Frühmenschen außerhalb Afrikas entdeckt

Forscher berichten, in China die bislang ältesten Spuren von frühen Menschen entdeckt zu haben. Der Fund würde die Sicht auf die Besiedlung der Erde revolutionieren. Ein Experte zweifelt allerdings an den Belegen.

Zhaoyu Zhu / DPA

Forscher am chinesischen Lössplateau

Donnerstag, 12.07.2018   12:14 Uhr

Für Paläoanthropologen wäre es eine kleine Sensation: Eine Forschergruppe will in China die ältesten Hinweise auf Frühmenschen außerhalb Afrikas entdeckt haben. Sie fanden in Shangchen in der Provinz Shaanxi knapp hundert Steinwerkzeuge, die offenbar von Menschen stammen, sowie Tierknochen in Sedimentschichten, die bis zu 2,1 Millionen Jahre alt sind. Die ältesten Funde bis dahin waren 1,8 Millionen Jahre alt und stammten von der Fundstätte Dmanissi in Georgien.

Die Entdeckung zeige, dass Frühmenschen der Gattung Homo Afrika deutlich früher verlassen haben müssen als bisher gedacht, schreibt das Team um Zhaoyu Zhu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Robin Dennell von der University of Exeter im Fachmagazin "Nature".

Die Forscher fanden insgesamt 96 Steinwerkzeuge an steilen Hängen des chinesischen Lössplateaus. Darunter waren vermutlich mehrfach nachbehauene Objekte, die zum Schneiden, Schaben und Bohren dienten, sowie größere Steine, die als Hammer genutzt worden sein könnten. Fast alle Werkzeuge sind aus Quarz oder Quarzit gefertigt und stammen wohl von den fünf bis zehn Kilometer südlich entfernten Ausläufern des Qin-Ling-Gebirges. Die Forscher vermuten, dass die Frühmenschen die Steine vom Gebirge zum Lössplateau transportierten.

Die Funde wurden mittels Paläomagnetismus datiert. Dabei verglichen die Forscher die Ausrichtung der magnetischen Mineralien in den Fundschichten mit der früheren Polarität des Erdmagnetfelds. Dieses verändert sich im Lauf der Erdgeschichte und polt in gewissen Abständen sogar um.

Zhaoyu Zhu / DPA

Gefundene Steinwerkzeuge

Die Mineralien in den Fundschichten konservieren also die Ausrichtung des Erdmagnetfelds zu einer bestimmten Zeit. Demnach sind die jüngsten Fundschichten wohl etwa 1,3 Millionen Jahre alt, die ältesten 2,1 Millionen Jahre. "Das macht es notwendig, die Datierung der anfänglichen Verbreitung der frühen Hominiden in der Welt zu überdenken", schreiben die Forscher.

Homo sapiens verließ Afrika vor 100.000 Jahren

Der Anthropologe John Kappelman von der University of Texas findet die Datierung der Funde plausibel, schreibt er in einem Kommentar in "Nature". Die gefundenen Werkzeuge ähneln Funden in Afrika, die aus der gleichen Zeit stammen.

Bemerkenswert findet Kappelman den Fundort Ostasien - sehr weit von Afrika entfernt. "Die Reise über grob 14.000 Kilometer von Afrika nach Ostasien bedeutet eine Ausdehnung des Lebensraums in dramatischer Dimension", schreibt er.

Dass alle Frühmenschen aus Afrika stammen, gilt als sicher. Dort habe es Kappelman zufolge schon vor mehr als sechs Millionen Jahren Vertreter der Gattung Homo gegeben. Zum Vergleich: Die bislang frühesten Funde von Homo sapiens, dem modernen Menschen, sind etwa 300.000 Jahre alt und stammen aus Marokko. Dieser verließ Afrika nach bisherigem Forschungsstand erst vor etwa 100.000 Jahren.

Andere Frühmenschen, darunter die Vorfahren des Neandertalers, waren schon früher außerhalb Afrikas unterwegs. Forscher gehen davon aus, dass vor Hunderttausenden Jahren verschiedene Menschenarten in Afrika und auch auf anderen Kontinenten lebten. Heute sind bis auf den Homo sapiens alle ausgestorben.

Belege zweifelhaft

Aber an der Entdeckung der englischen und chinesischen Forscher gibt es auch Zweifel. "Wenn sich dieser Fund bestätigt, wäre das eine Sensation", sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Aber: "Wenn man außergewöhnliche Behauptungen aufstellt, braucht man außergewöhnliche Belege." Hublin war an der Entdeckung der bisher ältesten Homo-sapiens-Funde beteiligt und ist vorsichtig, was die Artefakte in China angeht.

Zhaoyu Zhu / DPA

Hänge an der Fundstelle

Denn sowohl Fundort als auch Datierung werfen Hublin zufolge Fragen auf. Zum einen lasse sich an dem Fundort - äußerst steilen Hängen - nicht ausschließen, dass Objekte aus jüngeren in ältere Lössschichten abgerutscht seien, etwa durch Risse oder Spalten. "Wenn man eine Schicht mit Artefakten findet, muss man sie auf einer großen Fläche freilegen und zeigen, dass man eine konstante Verteilung findet", sagt Hublin. Stattdessen hätten die Forscher die Hänge in China bislang nur sehr oberflächlich abgetragen.

Darüber hinaus kritisiert Hublin auch die paläomagnetische Datierung. Sie zeige kein absolutes Alter an, sondern nur eine Ausrichtung des Magnetfelds, deren Alter sich nicht mit Sicherheit bestimmen lasse. Dennoch sei die Studie interessant. "Wenn die Behauptung nachgewiesen wird", sagt der Forscher, "würde das unsere Sicht auf die Besiedlung der Welt revolutionieren."

von Walter Willems/lpu/dpa

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