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Wissenschaft

Experimentelle Archäologie

Studenten zimmern antikes Kriegsschiff

Die Lusorien waren die "Turbo-Galeeren" der Römer: Schnell, wendig, mit geringem Tiefgang und einem Rammsporn, der dicke Löcher in feindliche Schiffe riss. An der Uni Regensburg wird das erste fahrtaugliche Kriegsschiff der Spätantike jetzt nachgebaut.

Sonntag, 08.02.2004   08:45 Uhr

Die "navis lusoria" war geradezu ideal, im barbarischen Germanien auf Donau und Rhein die nördliche Grenze des römischen Reichs zu verteidigen. Wegen seines geringen Tiefgangs von nur 50 Zentimetern brauchte das schnelle und wendige Schiff keine größeren Kaianlagen, und sein unter dem Wasser liegender Rammbock bedeutete für gegnerische Schiffe meist den Untergang.

An der Universität Regensburg wird jetzt das weltweit erste fahrtaugliche Exemplar dieses nautischen Klassikers originalgetreu nachgebaut. Im Juli soll es mit dem Namen "Regina" vom Stapel laufen und dann nicht nur wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zur Limesforschung und zur antiken Flussschifffahrt liefern, sondern auch als Lehrschiff für Schulklassen dienen - und als Botschafter für Regensburgs Bewerbung um den Titel "Stadt der Wissenschaft" im nächsten Jahr.

"Schnelle Eingreiftruppe" der Römer

Bis ins späte vierte Jahrhundert galt die knapp 22 Meter lange und nur 2,80 Meter breite Galeere als Standardtyp der römischen Flussflotten. 30 Ruderer erzielten mit dem antiken Schnellboot eine Spitzengeschwindigkeit von 18 Kilometern pro Stunde und waren damit so etwas wie die schnelle Eingreiftruppe der in Regensburg stationierten dritten italischen Legion, wie der Leiter des Projekts, Professor Christoph Schäfer, ausgerechnet hat.

Nach den 1982 in Mainz geborgenen Wrackresten eines identischen Kriegsschiffs rekonstruierte der Mainzer Schiffsarchäologe Olaf Höckmann die Baupläne der Lusoria, die vor ihrer militärischen Nutzung ursprünglich ein Lustschiff reicher Römer war. Seit März vergangenen Jahres ist nun in einer stillgelegten Werft im Regensburger Westhafen ein Team von 15 Studenten, darunter zwei Schreiner und zwei Zimmermänner sowie zwei Bootsbau-Experten, mit dem Nachbau des knapp sieben Tonnen schweren Schiffs beschäftigt. Zwar kommen moderne Werkzeuge wie Kreis- und Bandsägen, Elektrohobel und -schleifer zum Einsatz, die Materialen und Bautechniken aber entsprechen laut Schäfer penibel genau jenen des Originals.

So wurden für das Projekt an der Technischen Universität Clausthal extra 3000 handgeschmiedete und mit Leinöl versiegelte Planken- und Spantnägel hergestellt. Und wie zu Zeiten der Römer werden die Planken nur mit einem Baumwollfaden, aber ohne Teer abgedichtet. Der Rumpf aus dem schon bei den Römern sehr geschätzten germanischen Eichenholz ist bereits fertig, es fehlen noch die Laufplanken, die Ruderbänke und das Steuerdeck.

Versuchsfahrten sollen Fragen beantworten

Wegen ihrer Schnelligkeit diente die Galeere vermutlich auch dem Depeschendienst, erklärt Schäfer. Außerdem wurde sie wegen ihres kleinen Laderaums auch als Landungsboot und Schnelltransporter zum Beispiel für Holzkohle verwendet. "Damit dürfte sie in der Spätantike ein ideales Einsatzmittel für den Grenzdienst auf Rhein und Donau gewesen sein."

Zwischen Ingolstadt und Passau dürften mehrere Hundert Lusorien zur Grenzverteidigung im Einsatz gewesen sein, schätzt der Wissenschaftler. Von den Erprobungsfahrten erhofft sich der inzwischen in Hamburg lehrende Professor für Alte Geschichte Aufschluss über das Leistungsvermögen eines antiken Flussschiffs sowie die Klärung der Frage, welche Bedeutung für die Römer die flussgestützte Verteidigung gegenüber der landgestützten hatte.

Der eigens für diesen Zweck gegründete "Verein der Freunde der Alten Geschichte" wird die "Regina" erhalten und betreiben. Neben Versuchsfahrten zur Manövrierfähigkeit der Lusorien sollen auch Schüler und Besucher bei einer Fahrt in strömungsschwachen Seitengewässern die Möglichkeit bekommen, den Alltag römischer Seefahrer hautnah kennen zu lernen.

Die Kosten von rund 100.000 Euro für das Projekt teilen sich die Hochschule und mehrere Institutionen sowie Sponsoren. Einen beträchtlichen Teil steuerte etwa die Klosterbrauerei Weltenburg bei, die dafür das Segel als Werbefläche nutzen darf. Und das Landwirtschaftsministerium besorgte Bauholz zu günstigen Preisen.

Herbert Mackert, ddp

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