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Wissenschaft

Attentat auf Ex-Spion Skripal

Was ist Nowitschok?

Der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter wurden offenbar mit dem Nervengift Nowitschok angegriffen. Was ist das für ein Stoff und wer hat ihn wofür entwickelt?

Foto: NEIL HALL/EPA-EFE/REX/Shutterstock
Dienstag, 13.03.2018   14:40 Uhr

Am 4. März 2018 wurden der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Yulia bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury entdeckt. Hintergrund ist offenbar ein Attentat mit Nowitschok. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Gruppe sehr wirksamer Nervengifte. Mindestens eines von ihnen haben Ermittler in einem Restaurant und einem Pub gefunden, die der Agent besucht hatte.

Die Nowitschok-Gifte wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt. Auch deshalb machen Großbritanniens Premierministerin Theresa May und der gerade entlassene US-Außenminister Rex Tillerson Russland für den Angriff verantwortlich.

Dass die Sowjetunion gegen Ende des Kalten Krieges eine neue Gruppe Nervengifte hergestellt hatte, sollte eigentlich niemand wissen. Der Plan war, die Substanzen so zu konzipieren, dass sie sich mit den damaligen Standardnachweismethoden nicht aufspüren lassen. So sollten internationale Waffenabkommen umgangen werden. Schließlich berichteten Anfang der Neunziger jedoch zwei Chemiker von der Entwicklung der Stoffe. Bislang ist ein Einsatz von Nowitschok im Krieg nicht bekannt.

Grundsubstanzen sind leicht zu haben

Die Giftgruppe besteht aus ungefähr hundert verschiedenen Stoffvarianten. Einigen von ihnen wird nachgesagt, sie seien fünf bis acht Mal tödlicher als das Nervengift VX, mit dem etwa der Halbbruder des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Un ermordet worden sein soll. Im Vergleich zu VX und Sarin lassen sich die Nowitschok-Stoffe schlechter nachweisen, können aber mittlerweile trotzdem aufgespürt werden.

"Nowitschok-Gifte erweitern die Möglichkeiten des Einsatzes von Nervengiften deutlich", sagt Andrea Sella, Chemiker am University College London. Bei als Waffen eingesetzten Nervengiften handele es sich meist um farblose Flüssigkeiten, die nach der Aufnahme innerhalb von Minuten töten. Nowitschok-Substanzen sind dagegen ultrafeine Puder. "Sie wirken langsamer, dadurch hat man mehr Kontrolle", sagt Sella.

Hergestellt werden die Gifte aus zwei nicht giftigen Grundstoffen. Die Bestandteile seien recht leicht zu haben, erklärt Gary Stephens, Pharmakologe an der University of Reading. "Die Chemikalien unterliegen keinen strengen Vorschriften." Sie könnten leicht geliefert werden, weil kein Risiko für die Gesundheit der Zulieferer bestehe. Erst in Kombination entfalten die Stoffe ihre Giftwirkung.

Um die Grundstoffe zu Giftsubstanzen zusammenzuführen, braucht es allerdings Fachwissen. Zudem sind Labore mit hohen Sicherheitsstandards nötig, wie sie üblicherweise nur von Regierungen betrieben werden. Ein geübter Chemiker wäre dann jedoch in der Lage, die Nervengifte herzustellen. "Die Nowitschok-Gifte sind so gefährlich, dass keine Terrorgruppe sie produzieren würde", sagt Sella. Er geht davon aus, dass nur ein Staat dazu in der Lage wäre - theoretisch auch außerhalb Russlands.

Risiko Hirnschaden

Der Körper nimmt Nervengifte vor allem über die Atemwege auf, manchmal auch über die Haut. Nowitschok-Stoffe können zudem über die Schleimhäute in den Körper gelangen. Sie wirken, indem sie dort ein wichtiges Enzym blockieren, das die Kommunikation zwischen Nervenzellen und Muskeln steuert. Fällt das Enzym aus, werden Muskeln überstimuliert.

Krämpfe sind die Folge. Außerdem ziehen sich die Pupillen unter dem Einfluss der Nervengifte zusammen und das Atmen fällt schwer. Auch Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall und erhöhter Speichelfluss zählen zu möglichen Symptomen. Je nach Ausmaß der Vergiftung kommt es zur Bewusstlosigkeit und zum Herzstillstand.

Laut Alastair Hay, Toxikologe an der University of Leeds, sei vorstellbar, dass Skripals Nahrung mit dem Gift verunreinigt gewesen sei. Bis dann im Körper Symptome auftreten, kann es mehrere Stunden dauern. Nach der Attacke ist der Gesundheitszustand von Skripal und seiner Tochter weiter kritisch. Insgesamt mussten nach dem Anschlag 21 Menschen im Krankenhaus behandelt werden.

Als Gegenmittel zu Nowitschok kommen mehrere Stoffe in Betracht, die beispielsweise das blockierte Enzym reaktivieren. Ob die Rettung gelingt, hänge allerdings entscheidend davon ab, wie schnell die Gegenmittel angewendet werden, so Hay. Da Nervengifte das Atmungszentrum im Gehirn beeinträchtigen, besteht die Gefahr im Wesentlichen darin, dass das Hirn durch Sauerstoffmangel dauerhaft geschädigt wird.

"Nach allem, was man bislang weiß, ist eine vollständige Heilung nach einer starken Vergiftung wie bei Skripals weit entfernt von garantiert", sagt Hay.

Giftstoff könnte Rückschlüsse auf Herstellerlabor liefern

Die entdeckten Giftspuren könnten Ermittlern Aufschluss geben, wer die Substanz hergestellt hat. Winzige Reste der zur Herstellung verwendeten Substanzen oder Fremdstoffe erlauben demnach zumindest grobe Rückschlüsse. Regierungen hätten einen guten Überblick über die verschiedenen Prozesse, die in unterschiedlichen Staaten zur Herstellung verwendet werden, so Hay. Letztlich blieben jedoch immer Unsicherheiten. Die Polizei müsse deshalb auch abgesehen von dem Giftnachweis auch andere Belege für einen Zusammenhang mit Russland finden.

Für Hay ist es ein Rätsel, warum sich die Täter ausgerechnet für die Nowitschok-Substanzen als Waffe entschieden haben. "Wenn man jemanden töten will, gibt es deutlich effizientere Methoden als eine solch langwierige mit einem Stoff, der sich vergleichsweise leicht nachweisen lässt", sagt er. Vielleicht sei das gerade aber auch Teil der Nachricht. "Vielleicht sagen die Täter damit, 'es ist uns egal, wenn ihr wisst, dass wir es waren.'"

jme/AP

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