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Wissenschaft

Argumentationstricks

Klimadebatte - so entlarven Sie die Schwätzer

Im Trend liegen: nachweislich unsinnige Argumente, um von der Klimakatastrophe abzulenken. Diese vier Debattierkniffe sollten Sie kennen.

DPA

Eisberg im Südpolarmeer

Eine Kolumne von
Sonntag, 03.02.2019   16:09 Uhr
"Eine Argumentation ist zurückzuweisen, wenn sie nicht geeignet ist, die Wahrheit der These nachzuweisen."
Hubert Schleichert, "Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren" (2005)

Als die sechzehnjährige Greta Thunberg vorige Woche nach Davos reiste, um Politik und Wirtschaft in Sachen Klimawandel ins Gewissen zu reden, fuhr sie, aus Überzeugung, mit der Bahn. Die "Welt" lobte gönnerhaft, Thunberg habe "öffentlichkeitswirksam" den Zug genommen.

AFP

Greta Thunberg

Als die Grünenpolitikerin Katharina Schulze im Januar ein Urlaubsfoto auf Instagram postete, auf dem ein Eis im Plastikbecher unter kalifornischer Sonne zu sehen war, erntete sie, anders als Thunberg, erboste Kritik. Mit dem Flugzeug in den Urlaub! Wasser predigen, Wein trinken! Und so weiter.

Beide Reaktionen sind unsinnig. Beide implizieren nämlich, dass ab jetzt vorrangig diejenigen ein Recht haben, sich gegen den Klimawandel einzusetzen, die selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Al Gore fliegt doch selbst dauernd! Der soll mal den Mund halten!

Ad hominem und tu quoque

Es gibt für diese Art der Argumentation - reden wir nicht über das Thema, reden wir lieber über die Leute, die über das Thema reden - einen Fachbegriff: Argumente ad hominem, manchmal auch "Quellenargumente" genannt. Es geht dabei nicht darum, das Argument des Gegenübers zu entkräften, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung zu umgehen, indem man die Person attackiert. Die konkrete Figur vom Format "du bist doch selbst nicht besser!" hat noch einen Spezialnamen: tu-quoque-Argument (du auch).

Diese Form der Argumentation gilt in Philosophie und Rhetorik als unzulässig, und zwar aus gutem Grund. Ob Greta Thunberg Bahn fährt oder nicht, ob Katharina Schulze in den Urlaub fliegt oder nicht: Wenn beide davor warnen, dass der Klimawandel zu furchtbaren Katastrophen führen wird und deshalb dringend etwas dagegen getan werden muss, haben sie recht. Ganz egal, wie sie sich selbst verhalten.

Ad lapidem

Man kann kurze, verständliche Erklärungen dieser und anderer fragwürdiger Argumentationsweisen in dem eingangs zitierten Buch des Wiener Philosophen Hubert Schleichert nachlesen. Dabei stößt man ständig auf Beispiele, die man aus der Klimadebatte kennt.

Das Argument ad lapidem zum Beispiel, bei dem eine triviale, nicht zu leugnende Tatsache fälschlicherweise als schlagendes Argument herangezogen wird. Mir fiel dabei gleich der Schneeball ein, den mal ein US-Senator auf den Boden des Plenarsaals geworfen hat, um die Debatte über den Klimawandel zu beenden: Es sei doch gerade sehr kalt draußen.

Ein ähnliches ad-lapidem-Argument hat Donald Trump kürzlich wieder im Zusammenhang mit der Kältewelle in den USA getwittert, als Witz verkleidet.

Jedes Mal, wenn er so etwas tut, erklären ihm Teenager anschließend den Unterschied zwischen Wetter und Klima, aber das scheint nicht hängenzubleiben.

Die Weltgemeinschaft hat sich bekanntlich längst darauf verständigt, dass die menschengemachte Temperaturerhöhung dringend begrenzt werden muss. Klar ist auch, dass die aktuell ergriffenen Maßnahmen dafür nicht ausreichen werden. Und klar sollte eigentlich auch sein, dass wir dieses Menschheitsproblem nicht mit individueller Tugendhaftigkeit lösen werden. Das verlagert die Verantwortung von Staaten, Unternehmen und internationalen Organisationen hin zum Individuum, und das ist gerade in diesem Fall absurd. Individueller Verzicht wird nicht reichen.

Ad hominem extrem: böse Menschen!

Mancherorts wird eine noch krassere Variante des ad-hominem-Arguments bemüht. FDP-Chef Christian Lindner verstieg sich diese Woche zu der These, "den Grünen und den mit ihnen verbündeten Abmahnvereinen" gehe es gar nicht "um saubere Luft oder das Weltklima". Das eigentliche Ziel sei "freie Fahrt für niemanden", die - bedauernswerte! - Autoindustrie solle "enthauptet" werden, die Bürger "umerzogen".

Das ist eine besonders abenteuerliche Volte: Umweltaktivisten und -politikern ist die Umwelt egal, sie wollen nur der Industrie schaden und Autofahrer quälen. Aus reiner Bosheit, mutmaßlich. Mich persönlich würde interessieren, wie Greta Thunberg auf diese Argumentation reagieren würde.

Fotostrecke

Greta Thunberg: Eine Schülerin und das Klima

Ad Misericordiam: falsch, aber hier ausnahmsweise passend

Im Zusammenhang mit der Schwedin ist noch eine rhetorische Figur relevant. "Wenn ich [als Jugendliche] Dinge sage, fühlen sich die Erwachsenen schuldiger", hat Thunberg einmal gesagt. Das ist eine Spezialversion des Quellenarguments, die ad misericordiam genannt wird, das Mitleidsargument. Wer könnte jemandem widersprechen, der erst sechzehn Jahre alt ist und offenbar so unter der Situation leidet?

Auch diese Argumentationsfigur ist eigentlich unzulässig, weil es ja wieder nur um die Person geht. Im Falle von Jugendlichen und im Falle des Klimawandels aber trifft das Argument ad misericordiam den Kern des Themas: Es sind ja tatsächlich die Kinder und Jugendlichen von heute, die am meisten unter den Folgen der globalen Erwärmung zu leiden haben werden. All die überwiegend älteren Männer, die sich in letzter Zeit herablassend bis verächtlich über Greta Thunberg geäußert haben, sind nicht nur wegen ihrer Herablassung und Verächtlichkeit widerwärtig. Sie sind es auch, weil sie in senioriger Bräsigkeit eine, buchstäblich, "nach mir die Sintflut"-Haltung pflegen.

Sicher, einige Verblendete halten den menschengemachten Klimawandel noch immer für eine Fiktion. Die meisten derer aber, die jetzt mit all den unzulässigen Argumenten versuchen, die Debatte über das Thema wieder und wieder zu bremsen und auf Abwege zu führen, verlassen sich eigentlich auf etwas ganz anderes, auch wenn sie das nie zugeben würden: dass sie persönlich schon nicht mehr so arg viel mitbekommen werden von der globalen Klimakatastrophe.

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Ich kann denjenigen, die die Klimadebatte hysterisch finden, nur empfehlen, sich mal mit ihren Kindern, Enkeln, Neffen oder Nichten über das Thema zu unterhalten. Die Kinder und Jugendlichen von heute haben nämlich längst verstanden, dass sie gerade von ein bis zwei kompletten Generationen von Erwachsenen im Stich gelassen werden.

"Wir müssen verstehen, was für ein Chaos die älteren Generationen angerichtet haben, das wir nun aufräumen, und mit dem wir leben müssen", hat Greta Thunberg bei der Klimakonferenz in Katowice Ende 2018 gesagt. Das bringt die Sache leider auf den Punkt.

insgesamt 702 Beiträge
timdreher1978 03.02.2019
1. Sollte Lindner das tatsächlich gesagt haben,
ist er als Politiker nicht mehr ernst zu nehmen. Man kann andere Ansichten vertreten, wie ein Ziel zu erreichen ist, aber diese Sätze würden ihn als völlig ungeeignet für eine Debatte unter intelligenten Erwachsenen einordnen. [...]
ist er als Politiker nicht mehr ernst zu nehmen. Man kann andere Ansichten vertreten, wie ein Ziel zu erreichen ist, aber diese Sätze würden ihn als völlig ungeeignet für eine Debatte unter intelligenten Erwachsenen einordnen. Ich kann es eigentlich nicht glauben...
augu1941 03.02.2019
2.
"Das ist eine besonders abenteuerliche Volte: Umweltaktivisten und -politikern ist die Umwelt egal, sie wollen nur der Industrie schaden und Autofahrer quälen." Na, egal wird sie ihnen nicht sein. Aber, wer fanatisch [...]
"Das ist eine besonders abenteuerliche Volte: Umweltaktivisten und -politikern ist die Umwelt egal, sie wollen nur der Industrie schaden und Autofahrer quälen." Na, egal wird sie ihnen nicht sein. Aber, wer fanatisch einen Standpunkt verteidigt und Gegner dieses Standpunktes aggressiv bekämpft und ihre Argumente nicht hören will (weil sie sowieso falsch sind), dem geht es wohl schon mehr um den Kampf und den Sieg über die Gegner, statt schrittweise und langsam durch Überzeugung und Kompromisse Verbesserungen zu erreichen. Beispiele für militante Gruppen, denen der Zweck die Mittel heiligt und die ihre Postionen um keinen Deut korrigieren wollen, gibt es zur Genüge. z.B bei Peta und z.B. beim Kampf für die Abschaffung Individualverkehr Auto mit Schadstoffausstoß.
mullertomas989 03.02.2019
3. Einerseits....
....hat der Auto Recht. Eine These ist richtig unabhängig vom Verhalten des Übermittlers. Andererseits will man Menschen überzeugen und die schauen immer darauf ob eine These auch glaubwürdig ist. Wenn Thunberg geflogen wäre, [...]
....hat der Auto Recht. Eine These ist richtig unabhängig vom Verhalten des Übermittlers. Andererseits will man Menschen überzeugen und die schauen immer darauf ob eine These auch glaubwürdig ist. Wenn Thunberg geflogen wäre, hätte ihr Reden eine geringere Kraft, das ist einfach so. Völlig egal dagegen ist es, ob sie Asberger oder sonst was hat.
oellerer 03.02.2019
4.
Der Autor selbst betreibt ad hominem Attacken gegen Klimakritiker/-skeptiker. Bspw. Hier: Zitat: "Sicher, einige Verblendete halten den menschengemachten Klimawandel noch immer für eine Fiktion." Zitatende Mit [...]
Der Autor selbst betreibt ad hominem Attacken gegen Klimakritiker/-skeptiker. Bspw. Hier: Zitat: "Sicher, einige Verblendete halten den menschengemachten Klimawandel noch immer für eine Fiktion." Zitatende Mit keinem Wort geht der Autor auf inhaltliche Argument der Klimaskeptiker ein, zu denen ich mich als EIKE-Mitgründer 2007 auch zähle. Versuchen Sie doch erst einmal unsere Argumente inhaltlich zu entkräften wie das hier: Es ist der natürliche Klimawandel Warum der natürliche Klimawandel auch heute noch "das Heft in der Hand hat" Die heutigen Temperaturen sind 0,2 C höher als im Mittelalter! Das ergibt sich eindeutig aus dem letzten Klimabericht von 2013/14. Belege können nachgereicht werden. 0,2 C - das ist - einfach ausgedrückt - Nichts! Was soll daran unnatürlich sein? Alle Tausend Jahre gibt es natürliche Warmzeiten. Heute erleben wir genau das - die Moderne Warmperiode. Vor tausend Jahren war es die Mittelalterliche und vor zweitausend Jahren die Römische Warmperiode und davor andere Warmperioden. Es ist alles im normalen Rahmen des natürlichen Klimapendels. Vergleichbar mit Ebbe und Flut an der Nordsee. Wenn dort die Flut kommt regt sich doch auch keiner auf. Die bisherigen Wetterphänomene sind alle nichts Neues, sondern sind schon immer geschehen. Der Klimahistoriker Pfister schreibt sogar in seinem Buch Wetternachsage von einem "klimatischen Gunstjahrhundert". Da früher im 19. Jahrhundert und davor alles viel schlimmer war. Zitat: Pfister, S. 263,: "Die gesamte Belastung durch Überschwemmungen, Lawinen und Stürme war am größten im 19. Jahrhundert. Dies trägt mit zum Verständnis dafür bei, warum die Gesellschaft damals zur vorbehaltlosen Eindämmung und Zähmung der wildgewordenen Natur mit allen verfügbaren Mitteln entschlossen war (Walter, 1996). Am geringsten war die Belastung im 20. Jahrhundert, das seine Bezeichnung als klimatisches Gunstjahrhundert offensichtlich auch in dieser Hinsicht zu Recht trägt." Also bitte, Herr Christian Stöcker, wie antworten Sie sachlich auf vorstehende Argumentation von mir? Wenn von Ihnen eine Antwort kommen sollte, dann bitte ich darum auch wieder antworten zu können. Diskurs heißt diese Methode. Das habe ich im Spiegel übrigens schon lange nicht mehr erlebt. Lang, lang ist's her.
vox veritas 03.02.2019
5. Fehler bereits im ersten Satz
"Eine Argumentation ist zurückzuweisen, wenn sie nicht geeignet ist, die Wahrheit der These nachzuweisen." Eine These ist zunächst einmal eine zu beweisende Behauptung und nicht eine Wahrheit (Was ist das [...]
"Eine Argumentation ist zurückzuweisen, wenn sie nicht geeignet ist, die Wahrheit der These nachzuweisen." Eine These ist zunächst einmal eine zu beweisende Behauptung und nicht eine Wahrheit (Was ist das überhaupt?). Um eine These zu beweisen, muß man Argumente dafür und dagegen austauschen. Wer nun fordert, daß eine Argumentation, die versucht, die These zu widerlegen von vornherein zurückzuweisen ist, hat an einer Diskussion kein Interesse und sagt letztendlich, daß er bereits im Besitz der Wahrheit ist. Das finde ich ziemlich seltsam, sehr unwissenschaftlich und vor allem undemokratisch. https://de.wikipedia.org/wiki/These https://de.wikipedia.org/wiki/Argument
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