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Wissenschaft

Urteil in Luxemburg

EU-Lebensmittelbehörde muss geheime Glyphosat-Studien veröffentlichen

Die EU-Lebensmittelbehörde Efsa hatte sich geweigert, Studien über den Unkrautvernichter Glyphosat herauszugeben. Das war unzulässig, urteilte das  Gericht der Europäischen Union nun - die Daten müssen freigegeben werden.

DPA

Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittels mit Glyphosat

Donnerstag, 07.03.2019   10:38 Uhr

Um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat gibt es reichlich Streit. Zumindest einen hat nun das Gericht der Europäischen Union entschieden. Demnach muss die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) bisher geheim gehaltene Glyphosat-Studien herausgeben (Rechtssachen T-716/14, T-329/17).

Die Behörde hatte bisher Untersuchungen, die von den Glyphosat-Herstellern Monsanto und Cheminova selbst angefertigt worden waren unter Verschluss gehalten.

Die Efsa begründet den Schritt damit, dass eine Veröffentlichung die Geschäfts- und Finanzinteressen der Hersteller Monsanto und Cheminova gefährden würden. Dagegen hatten die vier grünen Europaparlamentarier Heidi Hautala, Benedek Javor, Michèle Rivasi und Bart Staes geklagt. Ihr Antrag bezog sich auf die Teile "Material, Versuchsbedingungen und Methoden" sowie "Ergebnisse und Analyse" der Untersuchungen. Nun gaben die Luxemburger Richter den Parlamentariern recht. Gegen das Urteil kann innerhalb von zwei Monaten vorgegangen werden.

Auch die Bundesregierung hatte sich in den Fall eingeschaltet und die Efsa bei dem Versuch, die Veröffentlichungen zu verhindern, unterstützt.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt habe.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 - als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

"Das Interesse der Öffentlichkeit am Zugang zu Informationen über Emissionen in die Umwelt besteht gerade darin, nicht nur zu wissen, was in die Umwelt freigesetzt oder absehbar freigesetzt werden wird, sondern auch zu verstehen, in welcher Weise die Umwelt durch die fraglichen Emissionen beeinträchtigt werden kann", hieß es zur Urteilsbegründung. Es reiche also nicht, nur die Ergebnisse der Studie zu verkünden. Die Öffentlichkeit hat auch ein Recht darauf, die Details der Untersuchungen zu erfahren. Das öffentliche Interesse überwiege gegenüber dem geschäftlichen.

Weiter stellte das Gericht fest, dass Emissionen durch Glyphosat in die Umwelt real seien. Rückstände fänden sich in Pflanzen, im Wasser und in Lebensmitteln. Somit müsse die Öffentlichkeit Zugang nicht nur zu den Informationen über die Emissionen als solche haben, sondern auch zu den Informationen über die mehr oder weniger langfristigen Folgen dieser Emissionen.

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Das Urteil wurde von politischer Seite begrüßt. "Das ist ein weiterer wichtiger Erfolg für Transparenz, Umwelt- und Gesundheitsschutz. Zusammen mit der beschlossenen Reform für mehr Transparenz bei den Zulassungsverfahren ist das ein deutliches Signal an alle Hersteller, aber auch alle Behörden in Europa, dass jetzt endgültig Schluss ist mit der Geheimniskrämerei bei Pestiziden", sagte der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner.

Glyphosat war 2017 in der EU nach monatelangem Streit für weitere fünf Jahre zugelassen worden. Gegen das Mittel hatte es vor allem in Deutschland massive Proteste gegeben. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte Glyphosat im März 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für den Menschen ein. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen.

Die Lebensmittelbehörde Efsa, die Chemikalienagentur Echa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung sahen aber keine ausreichenden Belege dafür.

joe/Reuters/dpa

insgesamt 109 Beiträge
walligundlach 07.03.2019
1. Geht doch!
Unfaßbar, wie eine Selbstverständlichkeit erst über die Instanzen durch Menschen, die kaum Mittel dazu haben, erkämpft werden muß. Aber immerhin. Das Ergebnis läßt hoffen.
Unfaßbar, wie eine Selbstverständlichkeit erst über die Instanzen durch Menschen, die kaum Mittel dazu haben, erkämpft werden muß. Aber immerhin. Das Ergebnis läßt hoffen.
mensch13 07.03.2019
2.
Teile der Studie könnten uns verunsichern...
Teile der Studie könnten uns verunsichern...
Niteftef 07.03.2019
3. In einer Demokratie
hat das öffentliche Interesse IMMER über dem Geschäftsinteresse einzelner Unternehmen zu stehen. Gut, dass der EUGH das klargestellt hat. Leider arbeiten ja unsere Politiker insbesondere die konservativen und neoliberalen [...]
hat das öffentliche Interesse IMMER über dem Geschäftsinteresse einzelner Unternehmen zu stehen. Gut, dass der EUGH das klargestellt hat. Leider arbeiten ja unsere Politiker insbesondere die konservativen und neoliberalen permanent daran, die Volksherrschaft einzuschränken, zB durch Schiedsgerichte gegen Staaten hinter verschlossenen Türen...
honey_d 07.03.2019
4. Miss Ernte
- der war köstlich! Ansonsten wird also endlich veröffentlicht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wird sich dadurch viel an der Volksgesundheit verbessern?
- der war köstlich! Ansonsten wird also endlich veröffentlicht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wird sich dadurch viel an der Volksgesundheit verbessern?
The Restless 07.03.2019
5. Hu,
ich fürchte, hier werden einige Daten aus unerfindlichen Gründen nicht mehr auffindbar sein ...
ich fürchte, hier werden einige Daten aus unerfindlichen Gründen nicht mehr auffindbar sein ...

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