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Wissenschaft

Exotische Haustiere

Hirsch im Schlafzimmer

Ob in Gärten oder Garagen, in Kellern, Wohn- oder Badezimmern: Überall leben wilde Tiere Seite an Seite mit ihren menschlichen Besitzern. Exotische Haustiere zu halten, ist eine gefährliche Mode - und auch mit dem Artenschutz nicht zu begründen.

Vincet J. Musi / NATIONAL GEOGRAPHIC
Von "National Geographic"-Autorin Lauren Slater
Samstag, 19.04.2014   10:30 Uhr

Experten schätzen, dass in den USA mehr exotische Tiere privat gehalten werden als in Zoos. Auch in Deutschland sind es nach Angaben von Tierschutzverbänden einige Millionen - darunter Tiger, Affen und Riesenschlangen. Der Handel mit Exoten ist ein Milliardengeschäft. Es ist aber nicht nur gefährlich, wilde Tiere in unsere Städte und Wohnungen zu bringen, es ist auch grausam. Viele Tierrechtler plädieren deshalb für ein Verbot, doch so eindeutig ist die Sache nicht.

Mancherorts braucht man zwar eine Lizenz für die Haltung eines Hundes; einen Löwen oder einen Pavian kann man sich aber auch ohne kaufen und als Haustier halten.

In den Ländern Europas und sogar innerhalb Deutschlands ist die Gesetzeslage ähnlich uneinheitlich. "In Deutschland können sich Privatpersonen ohne jegliche Vorkenntnis Präriehunde, Affen oder Wickelbären kaufen", sagt Ines Hofer. Die Zoologin ist in der Tierschutzorganisation Peta (People for Ethical Treatment of Animals) für die Wildtierproblematik zuständig.

Aufgrund fehlender Kontrolle und Regulierung weiß keiner genau, wie viele Exoten in Privathaltung leben. "Die kurze Antwort ist: zu viele", sagt Patty Finch von der Global Federation of Animal Sanctuaries (ein weltweiter Verband von Gnadenhöfen). Allein in den USA werden angeblich mindestens 5000 Tiger gehalten - die meisten nicht in Zoos, sondern von Privatpersonen. Auch wenn viele Halter sich Mühe geben und hohe Kosten für die Pflege in Kauf nehmen, so sind doch viele Tiere in zu engen Käfigen und unter schlechten Bedingungen untergebracht.

Das zweite Problem ist die Herkunft der wilden Tiere. Offiziell als bedroht geltende Arten dürfen weder in den USA noch in Deutschland eingeführt werden. Aber viele der großen Exoten, die in Mini-Zoos hinter dem Haus leben - Löwen und Tiger, Affen, Bären - wurden in Gefangenschaft gezüchtet. In diesem Fall ist der Handel erlaubt. "Die Regelung wird skrupellos ausgenutzt", sagt Ines Hofer von Peta und zitiert eine Untersuchung aus dem Jahr 2011, wonach "80 Prozent aller als "Nachzucht" ausgewiesenen Grünen Baumpythons aus Indonesien in Wirklichkeit Wildfänge waren".

Manche Leute halten Wildtiere, weil sie eine engere Verbindung mit der Natur suchen. Durch die Exoten fühlen sie sich als etwas Besonderes, und die soziale Isolation, die das Zusammenleben mit einer "unberechenbaren Bestie" zuweilen mit sich bringt, macht die Beziehung oft noch intensiver.

Michelle Berk aus Florida sieht das nicht so philosophisch. Sie hat ihren Wickelbären Winnie über die Internetbörse Craigslist erstanden. "Sie war da, als gäbe es sie nur für mich. Einen Hund wollten wir nicht, ein Hund ist ja wirklich nichts Besonderes. Aber ein Wickelbär. So ein Tier ist normalerweise nichts zum Anfassen. Und wer will nicht das, von dem es heißt: 'Das ist nichts für dich.' Dann doch erst recht!"

Auktionatoren verkaufen Wildtiere als harmlos

Tim Harrison, dem sein Besuch in der afrikanischen Steppe die Augen geöffnet hat, klagt vor allem die skrupellose Haltung vieler Hinterhofzüchter an. Er kennt Auktionen, wo Käfige voll mit Pumas und anderen Raubkatzen übereinandergestapelt stehen, oft noch Welpen. In den Zelten wimmelt es von Leuten mit Bargeldbündeln in ihren Taschen. Für viele tausend Dollar wechseln hier Schlangen und Affen den Besitzer. Das Publikum strömt in Massen herbei, will sehen und anfassen.

Die Züchter weisen die Auktionatoren an, möglichen Käufern zu erzählen, dass die Ware harmlos ist. Und das stimmt auch, solange die Tiere klein sind. "Affen und Raubkatzen wachsen aber schnell", sagt Harrison, "und spätestens wenn sie geschlechtsreif werden, beginnen die Probleme."

So war es auch bei Michelle Berk aus Florida und ihrem Wickelbären Winnie. Einige Jahre lang lebte der Kinkajou in friedlicher Harmonie als Mitglied der Familie. Dann kam das Tier in die Brunst und veränderte sich radikal. Es wurde aggressiv und verletzte sich selber durch Bisse in den Schwanz. Die Berks mussten sich schützen und Winnie gleichzeitig davon abhalten, sich selbst in Stücke zu reißen. Am Ende gab Michelle Berk den Wickelbären in eine Wildttierauffangstation.

"Es war, als hätten wir ein Kind verloren", erzählt sie. "Für uns wird sie immer unser Baby bleiben. Aber wo sie jetzt ist, darf sie endlich nur ein Kinkajou sein. Ich habe mir inzwischen eingestanden, dass Winnie uns nie nötig hatte. Sie brauchte es nicht, mit uns zu kuscheln. Wir haben uns etwas vorgemacht. Wir haben sie uns geholt, weil wir sie brauchten."

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe April 2014, www.nationalgeographic.de.


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/exotische-haustiere.

insgesamt 50 Beiträge
Zaunsfeld 19.04.2014
1.
Besser als ein fauchender Drachen im Schlafzimmer ...
Zitat von sysopVincet J. Musi / NATIONAL GEOGRAPHICOb in Gärten oder Garagen, in Kellern, Wohn- oder Badezimmern: Überall leben wilde Tiere Seite an Seite mit ihren menschlichen Besitzern. Exotische Haustiere zu halten ist eine gefährliche Mode - und auch mit dem Artenschutz nicht zu begründen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/haustier-exoten-in-wohnungen-und-kellern-a-960690.html
Besser als ein fauchender Drachen im Schlafzimmer ...
onkel_faultier 19.04.2014
2. Peta steht für mich nicht für Tierschutz....
"Im März 2010 wurde bekannt, dass die Organisation im Jahr 2009 97 Prozent der Tiere in ihrem eigenen Tierheim in Virginia einschläfern ließ. Andere Tierheime im gleichen Bundesstaat schläferten hingegen nur etwas mehr [...]
"Im März 2010 wurde bekannt, dass die Organisation im Jahr 2009 97 Prozent der Tiere in ihrem eigenen Tierheim in Virginia einschläfern ließ. Andere Tierheime im gleichen Bundesstaat schläferten hingegen nur etwas mehr als die Hälfte der Tiere ein. Im Jahr 2011 wurden 95 Prozent der Hunde und Katzen in eigenen Tierheimen getötet, insgesamt hat PETA mehr als 90 Prozent der anvertrauten Tiere seit 2005 getötet." http://de.wikipedia.org/wiki/People_for_the_Ethical_Treatment_of_Animals
jaloms 19.04.2014
3. Tiere muessen endlich weg !
Die Elefanten und Loewen sind ja nun bald ex, aber viele Verrueckte halten sich Hunde und Katzen - damit sollte endlich Schluss sein ! Die Biester sind unhygienisch und gefaehrlich, und sie fressen uns Menschen bloss die Nahrung [...]
Die Elefanten und Loewen sind ja nun bald ex, aber viele Verrueckte halten sich Hunde und Katzen - damit sollte endlich Schluss sein ! Die Biester sind unhygienisch und gefaehrlich, und sie fressen uns Menschen bloss die Nahrung weg. Rottet sie aus, es kann doch nicht angehen, dass Billionen Menschen, die kluegsten Wesen des Universums, sich gegenseitig auf die Fuesse treten, nur um so ein paar nutzlose, daemliche Viecher am Leben zu erhalten. Ich kenne unter jungen Leuten keinen, der nicht auch dieser Ansicht waere !
daddycooldown 19.04.2014
4. Offenbar halten manche Leute Wildtiere zur Kompensation psychischer Defizite
speziell Minderwertigkeitskomplexe ..im Artikel kommt es an manchen Stellen raus. Ich bin ja nicht für deutsche Regelungswut, aber eine amtliche, restriktiv vergebene Halterberechtigung für bestimmte Wildtiere, die [...]
speziell Minderwertigkeitskomplexe ..im Artikel kommt es an manchen Stellen raus. Ich bin ja nicht für deutsche Regelungswut, aber eine amtliche, restriktiv vergebene Halterberechtigung für bestimmte Wildtiere, die ähnlich wie der Jagdschein oder auch eine Angelerlaubnis nur mit einer soliden Kenntnisfeststellungsprüfung zu erwerben und ggf. auch immer wieder zu erneuern ist, das wäre sicher vernünftig. Grade in einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland. Zitate: " Einen Hund wollten wir nicht, ein Hund ist ja wirklich nichts Besonderes. Aber ein Wickelbär. So ein Tier ist normalerweise nichts zum Anfassen. Und wer will nicht das, von dem es heißt: 'Das ist nichts für dich.' Dann doch erst recht!" "Wir haben uns etwas vorgemacht. Wir haben sie uns geholt, weil wir sie brauchten."" Wozu braucht der Lude einen Pitbull oder eine auffällige Karre? :-))
Luna-lucia 19.04.2014
5. Ich bin ja nicht für deutsche Regelungswut
sehr guter Satz! Wir möchten ergänzen: Lieber 20 unbekannte, wilde Tiere in der Wohnung und im Garten, als nur einen Ami, der möglicherweise Morddrohnen steuert, oder gesteuert hat! Tiere handeln instinktiv - bei diesen [...]
Zitat von daddycooldownspeziell Minderwertigkeitskomplexe ..im Artikel kommt es an manchen Stellen raus. Ich bin ja nicht für deutsche Regelungswut, aber eine amtliche, restriktiv vergebene Halterberechtigung für bestimmte Wildtiere, die ähnlich wie der Jagdschein oder auch eine Angelerlaubnis nur mit einer soliden Kenntnisfeststellungsprüfung zu erwerben und ggf. auch immer wieder zu erneuern ist, das wäre sicher vernünftig. Grade in einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland. Zitate: " Einen Hund wollten wir nicht, ein Hund ist ja wirklich nichts Besonderes. Aber ein Wickelbär. So ein Tier ist normalerweise nichts zum Anfassen. Und wer will nicht das, von dem es heißt: 'Das ist nichts für dich.' Dann doch erst recht!" "Wir haben uns etwas vorgemacht. Wir haben sie uns geholt, weil wir sie brauchten."" Wozu braucht der Lude einen Pitbull oder eine auffällige Karre? :-))
sehr guter Satz! Wir möchten ergänzen: Lieber 20 unbekannte, wilde Tiere in der Wohnung und im Garten, als nur einen Ami, der möglicherweise Morddrohnen steuert, oder gesteuert hat! Tiere handeln instinktiv - bei diesen Drohnenmördern scheint uns, als sei ihnen die Mordlust angeboren! Wie schäbig müssen sich solche Menschen vorkommen!

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