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Wissenschaft
Samstag, 16.03.2019   09:55 Uhr

Archäologie

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Mensch, der mir sehr wichtig ist, hat Pläne, die mir nicht gefallen. Nach seinem Ableben, so vertraute er mir vor einiger Zeit an, wolle er am liebsten eingeäschert und dann in einem Wald bestattet werden, möglichst unter einer schönen Buche.

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Heft 12/2019
Tierisch wütend
Warum so viele Menschen im Alltag die Nerven verlieren und ausrasten

Es gibt mittlerweile viele Areale, auf denen das möglich ist, und fast alle erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Als Freund der Bäume kann ich gut verstehen, dass man den Gedanken, unter einem Blätterdach zu ruhen, tröstlich finden kann. Als Hinterbliebener weiß ich aber einen Gedenkstein, vor dem ich trauern und Blumen ablegen kann, zu schätzen. Außerdem wollen mir Kremationen, die hierzulande schon etwa 70 Prozent aller Bestattungen ausmachen, nicht ganz behagen.

Das hat nicht nur persönliche Gründe, sondern auch damit zu tun, dass ich als Berichterstatter für Archäologie und Anthropologie ein ganz besonders intensives Verhältnis zu Gräbern und Gebeinen habe. Die beiden Disziplinen, denen ich mich beruflich widme, wären aufgeschmissen, wenn all unsere frühgeschichtlichen Vorfahren eine so große Begeisterung für schmucklose Feuerbestattungen gehabt hätten wie wir heute.

DDP

Urne

Knochen sind ein wertvolles Bio-Archiv: Sie verraten im Labor dank DNA-, Isotopen- und anderen Analysen, wo Menschen aufwuchsen, wie sie sich ernährten und welche Krankheiten sie plagten; sie erzählen Geschichten über Armut, Kriege und steinzeitliche Migrationsbewegungen. Sie sind für Archäologen so wichtig wie Schriftquellen für Historiker - und ergänzen, was sonst noch so in frühgeschichtlichen Gräbern gefunden wird. In vielen Epochen wurden den Verstorbenen prächtige Krüge, Schmuckstücke oder andere Andenken mit auf die letzte Reise gegeben, aus Ehrerbietung, Dankbarkeit oder um sie für das Leben im Jenseits zu wappnen.

Heute ist es eher untypisch geworden, dem Verblichenen etwas anderes ins Grab zu legen als Rosenblätter oder eine Handvoll Erde. Als Idealbestattung gilt immer mehr die rückstandslose und kostengünstige Entsorgung der Leiche, neuerdings auch mit Blick auf die Belange des Umwelt- und Klimaschutzes. Die US-Firma Recompose will Menschen zu Mutterboden verarbeiten, ein Mitbewerber setzt auf einen chemischen Prozess, der sich alkalische Hydrolyse nennt und Leichen so verändert, dass man sie zu einem großen Teil dem Abwasser zuführen kann.

Ich finde das alles eher abstoßend, allerdings ist es bei der Frage danach, welche Bestattungsform am besten ist, weitgehend irrelevant, was Hinterbliebene denken und fühlen, und schon gar nicht ist es wichtig, was am besten für zukünftige Archäologen oder Anthropologen ist. Es geht um die Wünsche desjenigen, der geht. Wer sich kompostieren oder in die Kanalisation leiten lassen will, dem sollte das ermöglicht werden, genauso wie es zu akzeptieren ist, wenn jemand in einem Friedwald oder Ruheforst seinen Frieden finden will, als Häufchen Asche unter einer Buche.

Herzlich

Ihr Guido Kleinhubbert

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Boston Bite

Unser SPIEGEL-Wissenschaftskorrespondent Johann Grolle berichtet aus Harvard und beißt sich einmal in der Woche an einem erstaunlichen Fakt fest.

"Manchmal beschäftigen sich Mathematiker mit seltsamen Dingen. Jonathan Touboul von der hiesigen Brandeis-Universität zum Beispiel hat ausgerechnet, wie sich Menschen, die anders sein wollen als die anderen, kleiden. Sein Ergebnis: Sie sehen alle gleich aus. Der Befund schien ihm interessant genug, um ihm einen eigenen Namen zu geben: 'Hipster-Effekt'. Überraschende Bestätigung fand seine Hipster-Theorie, als die Zeitschrift 'Technology Review' darüber berichtete. Ein Leser beschwerte sich, der Beitrag sei mit einem Foto von ihm illustriert, ohne dass er seine Einwilligung gegeben habe. Es stellte sich jedoch heraus: Das Foto zeigte den Beschwerdeführer gar nicht. Es stammte aus einer Fotoagentur, die abgebildete Person sah aber genauso aus wie er."


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insgesamt 48 Beiträge
PhysikerTeilchen 16.03.2019
1. Relevanz der Bestattungsmethode
Der Autor behauptet, die Bestattungsmethode ist nur fuer den Verstorbenen relevant. Im Gegenteil! Der Verstorbene is tot, und ist somit der Einzige, den es wirklich nicht mehr interessiert. Bestattung ist ein Ritual fuer die [...]
Der Autor behauptet, die Bestattungsmethode ist nur fuer den Verstorbenen relevant. Im Gegenteil! Der Verstorbene is tot, und ist somit der Einzige, den es wirklich nicht mehr interessiert. Bestattung ist ein Ritual fuer die Hinterbliebenen, nicht fuer den Toten. Die richtige Bestattungsmethode sollte sein, was die Hinterbliebenen wollen. Selbstverstaendlich kommen auch da die Archaeologen moeglicherweise zu kurz.
Kamillo 16.03.2019
2.
Nett gedacht, aber wo heute Friedhofskapazitäten endlich groß sind, werden Gräber nach 25 Jahren eh ausgeräumt und für die nächste Bestattung benutzt, keine Ahnung was mit den alten Knochen passiert. Ältere christliche [...]
Nett gedacht, aber wo heute Friedhofskapazitäten endlich groß sind, werden Gräber nach 25 Jahren eh ausgeräumt und für die nächste Bestattung benutzt, keine Ahnung was mit den alten Knochen passiert. Ältere christliche Friedhöfe sind heute teils ausgeräumt und überbaut, der neue Friedhof am Ortsrand, und auch der wird alle 25 Jahre umgekrempelt. Die ganzen Migrationsbewegungen sind über die Datenbanken der Einwohnermeldeämter und Kirchen gespeichert, man muss nur für eine ordentliche Langzeitarchivierung und Lesbarkeit in ferner Zukunft sorgen. Daraus ließen sich vollautomatisch ganze Stammbäume generieren. Erleichterungen beim Thema Ahnenforschungen könnten da auch helfen, die meisten handschriftlichen Standesamt- und Kirchenbücher der letzten dreihundert Jahre oder noch weiter zurück sind bereits gescannt, aber die wenigsten davon sind ohne Paywall online einsehbar. Forschung in Richtung automatischer Entzifferung alter Handschriften wären auch ein interessantes Betätigungsfeld für die Wissenschaft, um diese alten Dokumente inhaltlich zu erfassen und durchsuchbar zu machen.
three-horses 16.03.2019
3. Asche zu Asche oder Dünger.
"Als Idealbestattung gilt immer mehr die rückstandslose und kostengünstige Entsorgung der Leiche"...haben doch die Bauer nach jede Schlacht gemacht...Gefallene als Dünger waren willkommen. Art gerechte [...]
"Als Idealbestattung gilt immer mehr die rückstandslose und kostengünstige Entsorgung der Leiche"...haben doch die Bauer nach jede Schlacht gemacht...Gefallene als Dünger waren willkommen. Art gerechte Entsorgung...auch wenn es hart klingt. Es war so.
OhMann! 16.03.2019
4. "Zum Problem"...
könnte das für die Wissenschaft also werden. Jedes Jahr sterben in Deutschland ca. 890'000 Menschen, gut ein Drittel lässt sich erdbestatten. Möchte sagen: Für Nachschub ist gesorgt!
könnte das für die Wissenschaft also werden. Jedes Jahr sterben in Deutschland ca. 890'000 Menschen, gut ein Drittel lässt sich erdbestatten. Möchte sagen: Für Nachschub ist gesorgt!
frenchie3 16.03.2019
5. Für mich persönlich
Einäschern und im Winter auf den Hof. Da kann ich noch im Jenseits etwas zur Sicherheit der verbliebenen Familie tun. Die Archäologen können anhand der Schichten dann austüfteln wie oft und wie kalt die Winter waren. So hat [...]
Einäschern und im Winter auf den Hof. Da kann ich noch im Jenseits etwas zur Sicherheit der verbliebenen Familie tun. Die Archäologen können anhand der Schichten dann austüfteln wie oft und wie kalt die Winter waren. So hat jeder was davon
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