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Der Meeresspiegel steigt, eine Insel verschwindet. Klingt nach Südsee? Nein, das gibt es auch in den USA. Im Mississippi-Delta versinkt das Land. Nun gehen die Menschen.

Von Christoph Seidler

Eine Insel verschwindet

Haus auf Stelzen


Diesen Mann wird sie heiraten. Das weiß sie sofort, als sie ihn zum ersten Mal sieht. So erzählt es Rita Falgout jedenfalls heute. "Fragen Sie mich nicht warum, aber es war so." Ihre Brüder hatten einen Kollegen vom Austernboot zum Tanz ein paar Orte weiter mitgebracht. Es war Roosevelt, den alle nur Rooster nannten.

Nach dem Abend trafen sie sich regelmäßig, Rita und Rooster - und heirateten tatsächlich. Fast ein ganzes Leben ist das mittlerweile her. In diesem Jahr haben sie ihren 60. Hochzeitstag gefeiert, sagt Falgout. Wie sie dasitzt am runden Ausziehtisch ihrer Wohnküche, in Jeans und grünem T-Shirt, möchte man ihr das für den Bruchteil einer Sekunde kaum glauben. Die freundliche Frau sieht nicht wirklich aus wie 81, eher wie 61, sieht nicht aus, als hätte sie unzählige Wirbelstürme durchlitten.

Sackgassenschild auf der Isle de Jean Charles: Rund 80 Menschen leben heute noch auf der Insel im Mississippi-Delta, vor zwölf Jahren waren es 265. Und ganz früher sollen es einmal 400 gewesen sein. Die Insel verliert massiv an Land, deswegen gehen die Menschen.

Doch im Gesicht ihres Mannes hat das Leben tiefe Furchen hinterlassen. Nicht nur wegen der Krebserkrankung, die Rooster zu schaffen macht. Schon bald werden die Falgouts ihre Heimat verlassen müssen, werden ihre Habseligkeiten zusammenpacken, die Familienfotos aus dem kleinen Regal nehmen, die Spielzeuge für die Urenkel einpacken, das Jesusbild und den Traumfänger von der Wand nehmen.

Und natürlich Ritas Schnapsglassammlung, die in mehreren Reihen auf einem kleinen Brett an der Wand steht. Dabei trinkt sie gar nicht.

Wer in die Wohnküche der Falgouts will, muss von der Straße aus eine Holztreppe hinaufsteigen, vielleicht vier Meter hoch. Denn ihr Haus steht auf Stelzen. Das hat mit dem Ort zu tun, an dem sie leben. Es ist eine Insel in den Sümpfen des Mississippi-Deltas, die Isle de Jean Charles, eine Autostunde südwestlich von New Orleans.


Und genau das ist der Grund, warum sie wohl bald von hier wegmüssen. Viele Menschen in Louisiana führen einen Kampf mit dem Wasser. Aber im Fall der Isle de Jean Charles ist bereits klar, dass das Wasser diesen Kampf gewonnen hat. Der Staat zahlt für eine Umsiedlung ins weniger flutgefährdete Landesinnere.

Im zukünftigen Flutschutzkonzept von Louisiana kommt die Isle de Jean Charles nicht mehr vor. Das gerade entstehende, milliardenteure "Morganza to the Gulf"-System aus Dämmen und Schleusen wird aus Kostengründen deutlich weiter nördlich verlaufen. Die kleine zweispurige Straße auf die Insel wurde 2011 das letzte Mal renoviert. Mittlerweile reicht schon ein kräftiger Südwind, um sie mit dem Wasser der Terrebonne Bay zu überfluten.

Am Anfang der Straße steht ein gelbes Verkehrsschild mit schwarzer Schrift. Und ein weiteres steht hinter der kleinen Marina der Insel, die bei den Fischern der Gegend beliebt ist. Dead end steht auf beiden Schildern. Sackgasse. Das passt für die Insel in so vieler Hinsicht.

In den vergangenen sechs Jahrzehnten hat die Isle de Jean Charles weit mehr als 90 Prozent ihrer Fläche verloren. Schuld daran ist eine Kette von Ereignissen: Da sind zunächst die Kanäle, die Firmen der Öl- und Gasindustrie seit den Vierzigerjahren in großer Zahl durch die Sümpfe gezogen haben, für ihre Schiffe und Pipelines.

Eine Insel verschwindet

Wo Bäume und Pflanzen sterben


Öl und Gas haben diesem Teil von Louisiana über Jahrzehnte wirtschaftliche Prosperität gebracht - und ein massives Problem: Über die Kanäle dringt Salzwasser vom Golf von Mexiko ins Landesinnere vor. Und das wiederum lässt Bäume und andere Pflanzen langsam sterben.

Wenn deren Wurzeln aber den Boden nicht mehr festhalten, wird dieser vor allem bei Stürmen weggewaschen, die wiederum zusätzlich Salzwasserfluten aus dem Golf mitbringen. Und so verschwindet die Insel Stück für Stück.

Dazu kommt, dass der Mississippi durch die Flutschutzmaßnahmen für den Rest von Louisiana viel weniger Sedimente als früher in diesen Teil des Deltas bringt. In den angestauten Seen hinter den Staudämmen im Landesinnern sinken die Schwebstoffe zu Boden - ein Problem, das Umweltschützern an Flüssen weltweit Sorgen macht. Nahe der Mündung fehlt dann der Nachschub an Material, um das noch existierende Land zu sichern. Und was an Sediment doch noch hier ankommt, landet durch Deiche an den Flussufern nicht mehr im Delta - sondern, wie durch eine Rohrleitung gepumpt, weit draußen im Golf von Mexiko.

Warten auf die Shrimps: Der 82-jährige Emray Naquin hält auf der Insel Jean Charles im US-Bundesstaat Louisiana Ausschau nach den Meerestieren. Normalerweise erscheinen sie nach Sonnenuntergang. Die meisten Menschen in dem von Bayous durchzogenen Sumpfgebiet leben vom Shrimp- und Fischfang.

Der steigende Meeresspiegel - er nimmt in der Region um ungefähr einen Zentimeter pro Jahr zu" - tut den Rest. Donald Trump, den US-Präsident, dem der Klimaschutz im Allgemeinen und das Abkommen von Paris im Speziellen nichts wert sind, haben sie hier trotzdem gewählt. Im Terrebonne Parish, wo die Isle de Jean Charles liegt, kam der Republikaner auf 72,7 Prozent und holte fast drei Mal so viele Stimmen wie seine Gegnerin Hillary Clinton" .

Wegzug auf höheres Gebiet

Sind die Menschen von Jean Charles nun Amerikas erste Klimaflüchtlinge, wie immer wieder zu lesen ist? Stehen sie mit ihrem Wegzug auf höher gelegenes Gebiet als Symbol für die unvermeidliche Anpassung an den Klimawandel, mit der sich in den kommenden Jahren Millionen von Menschen weltweit befassen müssen?

Die Antwort ist nicht einfach, weil so viele Faktoren beim Verschwinden der Insel eine Rolle spielen. Aber womöglich ist das Ganze auch eine akademische Debatte - denn dass die Isle de Jean Charles verschwindet, dass ihre Bewohner ihre Heimat verlassen müssen, das ist für sie entscheidend. Unter welchem Label der Umzug stattfindet, ist am Ende eigentlich zweitrangig.


"Früher war es hier …anders", sagt Rita Falgout langsam. "Es gab Land. Es gab viel mehr Bäume." Und Weiden, auf denen Rinder grasten. Gärten, in denen Hühner scharrten. Felder, auf denen Mais und Bohnen wuchsen. Die Leute fuhren mit dem Kutter hinaus, um Austern und Shrimps zum Lebensunterhalt zu fischen - und nicht wie heute nur als Hobby.

Es war die Zeit, in der man nur per Boot auf die damals noch viel größere Insel kam, nicht wie heute über die schmale, links und rechts unmittelbar vom Wasser umspielte Island Road. Die Kinder fuhren mit hölzernen Booten in die Sieben-Klassen-Schule im Nachbarort auf dem Festland.

Ein paar Bäume stehen auch heute noch auf der Insel, was die Wirbelstürme eben übriggelassen haben: "Lee", "Isidore", "Gustav", "Ike", "Katrina", "Rita" - und wie sie noch so hießen in den vergangenen Jahren. Aber Land ist fast keines mehr da.


Rund 80 Menschen leben heute noch auf der Isle de Jean Charles, vor zwölf Jahren waren es 265. Und ganz früher sollen es einmal 400 gewesen sein. Die meisten sind Native Americans, also Ureinwohner. Sie sind Teil eines indianischen Stammesverbands, der Biloxi-Chitimacha-Choctaw heißt.

Ihre Vorfahren sind um das Jahr 1830 auf die Insel gekommen, zusammen mit französischen Siedlern. Die beiden Gruppen mischten sich durch Heirat. Man sprach Englisch und Französisch, bis heute gibt es auf der Insel einen Sprachmix. Nach dem Vater eines der Siedler, Jean Charles Naquin, ist die Insel benannt.

Eine Insel verschwindet

Die Heimat der Verfolgten


Die Indianer kamen allerdings nicht freiwillig. Sie kamen, um Verfolgung in anderen Teilen des Landes zu entgehen. Mit dem Indian Removal Act, dem Indianer-Ausweisungs-Gesetz, begründete der Staat brutale Zwangsumsiedlungen. Beim Trail of Tears, dem Pfad der Tränen, wurden ganze Stämme aus ihren Heimatgebieten im Südosten der USA nach Westen ins karge Oklahoma vertrieben. Mindestens ein Viertel starb unterwegs.

Das gilt es zu wissen, wenn man heute über die Umsiedlung der Menschen von Jean Charles redet, darüber, ob sie gehen sollen. Und wissen sollte man auch, dass die Native Americans auf der Insel und im Rest des Staates vor rund einem halben Jahrhundert noch nicht einmal öffentliche Schulen besuchen durften. Das sind Zeiten, an die sich manche Einwohner der Insel noch gut erinnern. Doch nun sind Zeugnisse der Gemeinschaft, wie der alte Friedhof von der Auslöschung bedroht.


Ob der Friedhof, zu erreichen nur über eine wacklige Holzbrücke, mit umziehen soll, steht noch nicht fest. "Ich habe einen Bruder und eine Schwester dort", sagt Rita Falgout. "Sie sind gestorben, bevor ich auf die Welt gekommen bin. Ich glaube, ich möchte nicht, dass sie jetzt gestört werden."

Die Regierung in Washington hat dem Bundesstaat Louisiana 48,1 Millionen Dollar für den Umzug zur Verfügung gestellt. Im Januar 2016 fiel die Entscheidung in einem landesweiten Wettbewerb. Unterstützt wurden Projekte für Kommunen, die mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. Die unterstützten Gemeinden im Rest des Landes bauen zum Beispiel flutsichere Straßen und Dämme. Die Isle de Jean Charles dagegen schafft sich ab. Bis 2022 sollte nun die Umsiedlung abgeschlossen sein. Dann endet die Förderung.


Umsetzen soll den Plan eine Beratungsfirma namens CSRS aus Baton Rouge. James Andermann ist dort der verantwortliche Projektmanager. Der kurzhaarige Landschaftsarchitekt hat früher in New York mit Opfern des Hurrikans "Sandy" gearbeitet. Heute ist mit Jessica Simms von der zuständigen Behörde von Louisiana auf der Insel unterwegs.

"In einer sichereren Gegend, entfernt von der Küste, mit deutlich geringerem Flutrisiko", solle der neue Standort der Gemeinde sein, sagt Andermann. Man wolle auch "sehr rücksichtsvoll mit den kulturellen Aspekten umgehen, die seit Generationen mit dieser Insel in Verbindung stehen".

"Das ist meine Heimat. Das ist, wo ich hingehöre."

Seit Generationen. Das sagt sich schnell dahin. Aber wenn man mit Chris Brunet spricht, bekommt man eine Vorstellung davon, was damit gemeint ist. Der 52-Jährige sitzt wegen einer Erkrankung im Rollstuhl, er wohnt von den Falgouts aus gesehen ein paar Häuser weiter die einzige Straße herunter. Zum Gespräch hat er auf seine Terrasse eingeladen. Die wird leider von Schwärmen kleiner Fliegen heimgesucht, deren Stiche tagelang jucken.

Auch Brunets Haus steht auf Stelzen. Um in die erste Etage zu kommen, hat er außen einen offenen Aufzug installiert. Seit acht Generationen hätten seine Vorfahren auf der Insel gelebt, sagt Brunet. Und auch er habe sein ganzes Leben hier verbracht.

"Das ist meine Heimat. Das ist, wo ich hingehöre", sagt er. Und doch kann er sich vorstellen zu gehen, wie er sagt. "Küstenerosion hat so viel getan, um die Landschaft zu verändern, zu der ich gehöre, sodass ich denke, dass das meine Entscheidung ist." Man habe weiß Gott nicht darum gebeten. "Es ist etwas, das uns passiert ist."


Es ist nicht das erste Mal, dass die Inselbewohner über einen Umzug nachdenken müssen. Im Jahr 2002 hatte das US Army Corps of Engineers die Sache in die Hand nehmen wollen, hatte Architekten einen Umzugsplan ausarbeiten lassen. Doch dann hatten sich die Insulaner in letzter Minute doch gegen den Vorschlag entschieden - und auf ihre enge Verbundenheit mit dem Land verwiesen.

Als 2008 wieder über einen Umzug gesprochen wurde, gab es Streit mit den potenziellen neuen Nachbarn. Die fürchteten, ihre Häuser könnten durch die sozial teils eher schwachen Neuankömmlinge an Wert verlieren - und wieder blieben die Menschen von Jean Charles wo sie waren.

Edison will nicht gehen

Einer, der auch heute nicht gehen will, ist Edison Dardar. Der stämmige Mann mit dem wilden weißen Haarschopf steht im Erdgeschoss seines Stelzenhauses. Hier bastelt er, hier nimmt er Fische aus. Auf einem blauen Brett liegt ein Messer mit unterarmlanger Klinge. Edison ist einer, der keine Lust hat, irgendwo anders hin zu ziehen. "So einen Ort wie die Insel gibt es nicht noch einmal. Ich verstehe nicht, warum da jemand gehen will", sagt er, als Simms ihn fragt.

Vor dem Haus, auf der anderen Straßenseite, haben Dadar und sein Sohn ein Schild aufgestellt. Die Schrift ist schon ziemlich verwittert. Aber es ist, soviel kann man erkennen, eine Anklage. Eine Anklage gegen die, all jene, die die Bewohner der Insel zum Umzug bewegen wollen. Und eine Anklage gegen all jene, die solche Angebote annehmen. Immerhin, Edison kommt zu den öffentlichen Treffen mit den Umzugsmanagern.

Was es bräuchte, ihn zum Umzug zu bewegen, fragt Simms. "Eine Million Dollar" sagt Dardar. Ob er den Vorschlag ernst meine? Auf diese Frage schweigt der Insulaner nur. Und grinst.


Man könnte darüber ins Grübeln kommen: Wenn es schon so schwierig ist, ein paar Dutzend Menschen vor dem steigenden Meeresspiegel und all dem Rest in Sicherheit zu bringen, wie soll das dann für größere Menschengruppen klappen, zum Beispiel im ebenfalls flutgefährdeten Florida?

Vielleicht ist das aber eine zu große Frage. Vielleicht geht es hier einstweilen wirklich nur um die Zukunft einer einzigen Insel. Und vielleicht ist das auch alles schon kompliziert genug.

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Neues Zuhause auf der Zuckerrohrplantage


Wer wissen will, wie die neue Heimat der Menschen von Jean Charles aussehen wird, braucht im Moment noch ziemlich viel Fantasie. Ein paar Kilometer außerhalb von Houma, fast eine Stunde mit dem Auto von der Insel entfernt, gibt es ein Grundstück, die sogenannte Evergreen Property, wo die neuen Häuser entstehen sollen.

Bis jetzt wachsen auf den Feldern entlang des Highway 24 noch Zuckerrohrpflanzen. Ein Teil von ihnen ist schon abgeerntet, ein anderer etwa so hoch wie Schulkinder. In der Mitte verläuft ein Graben voll mit modrigem Wasser, wie es so viele in der Gegend gibt. Eine Gruppe aus dem Dorf war kürzlich hier, um sich umzusehen. Und wenn man Jessica Simms fragt, dann sagt sie, dass der Besuch gut gelaufen sei.

Boote kann man hier nicht ankern, nicht wie auf der Insel. Das wird nicht jedem passen. Aber wenn man vor dem Wasser flüchtet, dann ist es vielleicht normal, dass kein Wasser mehr da ist. Und zumindest manche kommen damit auch ganz gut klar. Rita Falgout zum Beispiel. "Was mir fehlen wird, wenn ich gehe?", wiederholt sie die gestellte Frage. "Na, das Wasser jedenfalls nicht. Und das Fischen auch nicht. Habe ich noch nie gemacht."

Chris Brunet ist nachdenklicher. "Es ist ein schöner Ort. Es ist aber nicht dasselbe, was wir hier haben", sagt er über das Grundstück bei Houma. Ob er sich vorstellen kann, dort zu leben, wo jetzt noch das Zuckerrohr wächst? "Letzten Endes ja", sagt Brunet nach einer Pause. "Aber noch bin ich hier. Einstweilen ist das andere für mich noch 'da drüben'." Und dann schaut er von seiner Terrasse auf das Wasser. "Für viele Leute sieht das vielleicht nicht nach was Besonderem aus. Aber für mich ist es das."

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Impressum


Text: Christoph Seidler

Fotos und Videos: Christoph Seidler, AFP

Redaktion: Holger Dambeck, Olaf Kanter

Videoschnitt: Martin Sümening

Schlussredaktion: Thomas Fuchs, Sebastian Hofer

Produktion: Dawood Ohdah